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WikiLeaks veröffentlicht Geheim-Akten: Hinweise auf Kriegsverbrechen

Die Enthüllungsseite WikiLeaks veröffentlicht mehr als 90.000 US-Militärberichte. Sie zeigen: Der pakistanische Geheimdienst war offenbar der "vermutlich wichtigste außerafghanische Helfer der Taliban", Offiziere hatten sich bemüht, "ein Netzwerk von Selbstmordattentätern zu lenken". Auch scheint der Norden kurz vor einem Bürgerkrieg zu stehen.

Das Internetportal WikiLeaks sieht in den brisanten US-Militärdokumenten zum Einsatz in Afghanistan Hinweise auf Kriegsverbrechen. In den mehr als 90 000 Akten "scheinen Beweise von Kriegsverbrechen zu sein", sagte Wikileaks-Gründer Julian Assange vor Reportern in London. Konkrete Beispiele nannte er aber nicht. "Es ist Sache eines Gerichts, wirklich zu entscheiden, ob am Ende etwas ein Verbrechen ist." Das Portal hatte die Geheimakten aus den vergangenen sechs Jahren über den Militäreinsatz in Afghanistan veröffentlich und für reichlich Furore gesorgt.

Die Unterlagen aus den Jahren 2004 bis 2010 zeichneten ein "düsteres Bild" von der Lage am Hindukusch, berichtet der "Spiegel" nach einer Prüfung der Dokumente.

Die brisanten Akten wurden WikiLeaks von unbekannter Seite zugespielt. WikiLeaks wiederum gab das Material vor wenigen Wochen an die "New York Times", den britischen "Guardian" und an den "Spiegel" weiter. Die drei Medien kamen laut "Spiegel" nach eingehender Prüfung zu dem Schluss, dass die Dokumente authentisch seien. Die "New York Times" weist darauf hin, dass viele der Informationen aus Quellen stamme, die nicht überprüft werden könnten, etwa Verbündete der afghanischen Geheimdienste, die Pakistan als Feind ansähen. Die Zeitung betont jedoch, dass viele der Berichte auf Quellen basierten, dass US-Militär als verlässlich eingeschätzt hätten.

Vergleich mit Stasi-Archiven

WikiLeaks-Chef Assange verglich die Folgen dieser Veröffentlichung mit der Freigabe von Überwachungsprotokollen der DDR-Staatssicherheit. "Dies ist gleichbedeutend mit der Öffnung der Stasi-Archive." Die nun veröffentlichten Militärakten über den Afghanistan-Einsatz würden zum Verständnis der jahrelangen Kämpfe am Hindukusch beitragen.

Das hohe Ausmaß der zivilen Opfer sei in den Afghanistan-Akten nicht korrekt dokumentiert, sagte Assange weiter. Mitarbeiter des US-Militärs hätten die Zahlen "heruntergespielt" oder als Opfer auf Seiten der Rebellen eingetragen.

Verteidigungsministerium nicht überrascht

Das Bundesverteidigungsministerium bezeichnete die Veröffentlichung der Militärdokumente als "äußerst bemerkenswerten Vorgang". Dadurch könnte die nationale Sicherheit der USA und der internationalen Truppen beeinträchtigt werden, sagte der stellvertretende Ministeriumssprecher Christian Dienst. Im Ministerium werde derzeit geprüft, ob auch deutsche Sicherheitsinteressen beeinträchtigt würden. Dienst wies aber darauf hin, dass die Dokumente aus Sicht des Ministeriums keine neuen Erkenntnisse enthielten. Aus den bisher in den Medien verbreiteten Auszügen ergebe sich "nichts Neues im Sinne des Nachrichtenwerts".

Bundeswehrsoldaten Mitte Januar 2010 bei Kundus im Norden Afghanistans.
Bundeswehrsoldaten Mitte Januar 2010 bei Kundus im Norden Afghanistans.(Foto: picture alliance / dpa)

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, es müsse ausgewertet werden, was der Bericht möglicherweise an neuen Erkenntnissen biete. "Ich sehe mich jedenfalls in meiner Haltung bestärkt, dass ich die Lage in Afghanistan nie beschönigt habe, immer gesagt habe, das ist eine außerordentlich ernste Situation dort." Dennoch sei der Einsatz notwendig, weil es um die Sicherheit in Europa und in Deutschland gehe.

Pakistan: Verbündeter und Feind

Dem "Logbuch des Krieges" zufolge soll der pakistanische Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) afghanische Rebellen jahrelang unterstützt haben – und das, obwohl Pakistan für den "Krieg gegen den Terror" umfangreiche finanzielle Hilfe aus den USA erhält. So fasst die "New York Times" einen Teil der Berichte zusammen. Die pakistanische Armee agiere offenbar gleichzeitig "als Verbündeter und als Feind" der USA.

Pakistanische Panzer bei einem Manöver in Muzaffarghar, Pakistan.
Pakistanische Panzer bei einem Manöver in Muzaffarghar, Pakistan.(Foto: dpa)

Die Dokumente zeigten demnach auch, dass der pakistanische Geheimdienst der "vermutlich wichtigste außerafghanische Helfer der Taliban" sei. Abgesandte des pakistanischen Geheimdienstes sind den Akten zufolge dabei, wenn sich Aufständische zum Kriegsrat treffen und sollen auch präzise Mordbefehle erteilen, etwa gegen den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Offiziere des ISI hätten sich zudem bemüht, "ein Netzwerk von Selbstmordattentätern zu lenken", das 2006 in Afghanistan in Erscheinung getreten sei.

Wie "Spiegel" und "New York Times" darlegen, kommt dem pakistanischen Ex-Geheimdienst-Chef Hamid Gul in den WikiLeak-Berichten eine besondere Bedeutung zu. Er werde als "ein Anführer" der Taliban bezeichnet und als einer ihrer wichtigsten Waffenlieferanten und soll gute Kontakte zum Terrornetzwerk Al Kaida unterhalten. Außerdem sei er neben anderen ISI-Agenten an der Rekrutierung von Selbstmordattentätern beteiligt.

Zahlreiche Anschlagswarnungen

Die Dokumente setzen sich nach "Spiegel"-Angaben vor allem aus Bedrohungsszenarien und zahlreichen konkreten Anschlagswarnungen zusammen. Nach Darstellungen der "New York Times" verbinden die Berichte zuweilen glaubwürdig klingende Details mit wenig plausiblen Anschlagsplänen. So soll der ISI zum Beispiel geplant haben, mit einer ferngesteuerten Bombe in Form eines goldenen Korans afghanische Regierungsangehörige zu töten. Gemeinsam mit den Taliban habe der ISI außerdem beabsichtigt, amerikanische Truppen mit entsprechend aufbereiteten alkoholischen Getränken zu vergiften.

Doch auch von groß angelegten Angriffen soll in den Unterlagen die Rede sein. Immer wieder werde das pakistanische Militär beschuldigt, Aufständische im Kampf gegen die US-Truppen zu unterstützen.

Der "Guardian" zieht noch ein weiteres Resümee aus den Kriegsberichten: Sie offenbarten Tötungen von Zivilisten, die die NATO und US-Truppen lieber verschwiegen. Außerdem zeigten sie, wie oft Soldaten versehentlichen Angriffen aus den eigenen Reihen zum Opfer fielen.

Der "Guardian" hat 300 der 92.201 Kriegsberichte veröffentlicht, zusammen mit einem militärsprachlichen Glossar, ohne das die Dokumentationen für Laien unverständlich wären. Untergeteilt hat die britische Zeitung die Dokumente nach "Unfällen", "Angriffen durch eigene Truppen und Verbündete", "Opfer in der Zivilbevölkerung", "Unruhen" und "Anderes".

Krieg im Norden immer bedrohlicher

Nach einem Selbstmordanschlag in Kandahar, 20. Juli 2010.
Nach einem Selbstmordanschlag in Kandahar, 20. Juli 2010.(Foto: picture alliance / dpa)

Wie der "Spiegel" hervorhebt, zeigten die nun veröffentlichten Akten, wie nah auch der Norden Afghanistans an einem Bürgerkrieg ist. Aus den Meldungen gehe anschaulicher als aus den Informationen der Bundesregierung an den Bundestag hervor, dass die Sicherheitslage in der Region immer schlechter werde.

Ferner enthüllten die Berichte dem "Spiegel" zufolge die Kehrseite der von US-Präsident Barack Obama gepriesenen Drohneneinsätze. Offenbar besteht nicht immer die Möglichkeit, Probleme mit der Waffe rechtzeitig zu beheben. Der Absturz einer Drohne koste zwischen 3,7 und 5 Millionen Dollar, denn es sei in jedem Fall eine aufwendige und gefährliche Bergungsaktion nötig: Vor allem die Aufklärungsdrohnen seien voller Daten, die dem Feind nicht in die Hände dürften.

Nationale Sicherheit bedroht?

Das Weiße Haus reagierte verärgert auf die jüngsten WikiLeaks-Enthüllungen. Diese könnten "das Leben der Amerikaner und ihrer Partner gefährden und unsere nationale Sicherheit bedrohen", sagte der Nationale Sicherheitsberater James Jones.

Der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, bezeichnete die Veröffentlichung der Geheimdokumente als "unverantwortlich", da sie nicht die "tatsächlichen Gegebenheiten" widerspiegelten. Die USA, Afghanistan und Pakistan seien "strategische Partner", die militärisch wie politisch das Terrornetzwerk Al Kaida und dessen Verbündete der Taliban bekämpfen wollten.

Die Internetplattform WikiLeaks will mit der Veröffentlichung von geheimen Dokumenten aus anonymen Quellen Missstände öffentlich machen. Wikileaks-Gründer Julian Assange sagte dem "Spiegel": "Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischem und diplomatischem Einfluss." In der Fülle stelle das Material alles in den Schatten, was über den Krieg in Afghanistan gesagt worden sei. "Diese Daten sind die umfassendste Beschreibung eines Krieges, die es jemals während eines laufenden bewaffneten Konflikts gegeben hat".

Quelle: n-tv.de

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