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(Foto: dpa)

50 Tote bei Geiselnahme in Algerien: Hubschrauber beschießen Gasfeld

Die algerische Luftwaffe hat die Geiselnehmer beschossen, die auf einem Gasfeld Dutzende Menschen in ihrer Gewalt hatten. 35 Arbeiter sollen gestorben sein – einige von ihnen hatten Sprengstoffgürtel tragen müssen. Die Geiselnahme ist damit noch nicht beendet, die Terroristen wollen weiterziehen. Die ersten Befreiten melden sich bei ihren Familien.

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Die algerische Luftwaffe soll bei einem Angriff auf das von Islamisten besetzte Gasfeld 35 der dort festgehaltenen Geiseln getötet haben. Das berichtet die mauretanische Nachrichtenagatur ANI, die mit den Geiselnehmern in Kontakt steht. Auch 15 Geiselnehmer starben demnach, 26 Geiseln konnten befreit werden. Die Entführer versuchten nun, "einen Teil der Geiseln mit Fahrzeugen an einen sichereren Ort zu bringen". Nach Informationen der algerischen Nachrichtenagentur APS konnten bei der Militäraktion vier ausländische Geiseln befreit werden. Weitere sieben sollen noch in der Gewalt der Entführer sein.

Andere Quellen melden allerdings auch ganz andere Zahlen. Ein Informant spricht von sechs ausländischen Geiseln und acht Islamisten, die getötet worden seien. Außerdem sind demnach 180 algerische Geiseln entkommen.

Zu den geflüchteten Geiseln zählt ein irischer Mitarbeiter der Anlage. Der 36 Jahre alte Familienvater nahm Kontakt zu seiner Familie auf, die im nordirischen Belfast. Der Mann sei "sicher und wohlauf" und gelte nicht länger als Geisel, berichtet das irische Außenministerium.

Die Terrorgruppe wird nach Angaben der algerischen Regierung von dem einäugigen Islamisten Mokhtar Belmokhtar angeführt. Es handele sich um etwa 20 bewaffnete Männer, die aus Algerien stammten

Medienberichten zufolge war es mehreren Dutzend Geiseln gelungen, aus der Anlage zu fliehen. 15 Ausländer, darunter ein französisches Paar, seien ihren islamistischen Geiselnehmern entkommen, berichtete der private Fernsehsender Ennahar unter Berufung auf eine "offizielle Quelle". Auch 30 algerische Arbeiter entkamen, wie die algerische Nachrichtenagentur APS unter Berufung auf die Präfektur von Illizi meldete. Ein Anwohner sagte, das Militär habe Fahrzeuge der Geiselnehmer zerstört und bestätigte, dass es viele Tote gegeben habe.

Die Islamisten hatten die Förderanlage am Mittwoch gestürmt. Dabei nahmen sie die Arbeiter, viele von Ihnen Ausländer aus westlichen Staaten, als Geiseln. Wie viele es genau waren, wurde nicht klar. Ihre Aktion sei eine Vergeltung für die Unterstützung der französischen Militäraktion in Mali durch Algerien, erklärten die Islamisten. Sie verlangten ein Ende der französischen Militäraktion sowie freien Abzug mit ihren Gefangenen.

Geisel berichtete am Telefon von Sprengstoffgürteln

Frankreichs Präsident François Hollande bestätigte, dass sich Franzosen unter den Geiseln befanden. Angesichts der "konfusen Situation" am Ort der Geiselnahme wolle er möglichst wenig sagen, sagte Hollande. Er denke aber an die französischen Landsleute vor Ort und fügte hinzu: "Es gab dort welche, es gibt welche auf dem Gelände."

Einige der entführten Ausländer mussten einem Fernsehbericht zufolge Sprengstoffgürtel tragen. Die Entführer seien schwer bewaffnet gewesen und hätten damit gedroht, die Einrichtungen an dem Gasfeld in die Luft zu sprengen, wenn das algerische Militär einen Befreiungsversuch starte, sagte eine der Geiseln dem Sender France 24. "Sie haben die beiden Anlagen gleichzeitig angegriffen. Sie sind hineingegangen und haben alle zusammengetrieben, sobald es hell wurde", sagte der Mann in einem Telefongespräch.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich "tief betroffen" über den Tod der Geiseln in Algerien. "Diese Terroristen, das sind keine Freiheitskämpfer. Das sind brutale Kriminelle, die auch vor der Ermordung von Unschuldigen keinen Halt machen", sagte er in Brüssel nach Beratungen der EU-Außenminister. "Diese Geiselnahme zeigt die gesamte Brutalität und Skrupellosigkeit des Terrorismus."

Der britische Außenminister William Hague kritisierte die Terroraktion als "kaltblütigen Mord". Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) warnte vor der Terrorgefahr für Europäer. "Wir stehen im Fadenkreuz des islamistischen Terrors", sagte er beim Treffen der EU-Innenminister im irischen Dublin. Dies habe der Vorfall in Algerien wieder einmal bestätigt. "Die Bedrohungslage für Europa und auch für Deutschland ist immer hoch gewesen."

Islamistengruppe mit bis zu 300 Kämpfern

(Foto: REUTERS)

Anführer der Terroristen der soll der Algerier Mokhtar Belmokhtar gewesen sein. Er führt einen gnadenlosen Dschihad gegen die "Ungläubigen". Mehrfach totgesagt, entging er immer wieder seinen Häschern. Das brachte dem Einäugigen den Spitznamen "der Unfassbare" ein.

Belmokhtars Brigade soll 200 bis 300 Mann stark sein und sich "Die mit Blut unterschreiben" nennen. Er soll den Angriff auf In Amenas selbst angeführt haben. Die Gruppe ist aus der Organisation "Al-Kaida im islamischen Maghreb" (AQMI) hervorgegangen. Französische Terrorexperten halten für möglich, dass sie sich von Al-Kaida abgespalten hat, zumal sie engen Kontakt zur in Nordmali aktiven "Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika" (Mujao) hält. Andere Quellen bestreiten dies.

Belmokhtar wurde als Khaled Aboul Abbas am 1. Juni 1972 in der algerischen Oasenstadt Ghardaia geboren. Seine Feuertaufe hatte er schon mit 19 Jahren in Afghanistan im Krieg gegen die sowjetischen Besatzungstruppen. Dort verlor er auch ein Auge. Dann schloss er sich der Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) an, die in den 1990er Jahren einen blutigen Krieg für die Errichtung eines Gottesstaates in Algerien führte. Er machte immer wieder mit Geiselnahmen von Ausländern in der Sahara-Region Schlagzeilen. Seine Gruppe gilt als bestens ausgerüstet und auf den Waffenhandel spezialisiert.

Quelle: n-tv.de

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