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Schattenseiten des Windows-Erfolgs: Microsoft verwehrt europäischen IT-Experten Einblicke in den Quellcode.
Schattenseiten des Windows-Erfolgs: Microsoft verwehrt europäischen IT-Experten Einblicke in den Quellcode.(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 09. April 2017

Digitale Souveränität in Gefahr?: IT-Profis warnen vor Microsoft

Personaldaten, Dossiers, brisante Zahlen: Auf vielen Rechnern in Ministerien und Ämtern läuft Software aus den USA. Der frühere IT-Chef der Bundesregierung schlägt Alarm. Europa, heißt es, laufe Gefahr, "die Kontrolle über die IT-Infrastruktur zu verlieren".

Die öffentlichen Verwaltungen in Europa nutzen auf ihren Computern fast ausschließlich Software des US-Konzerns Microsoft. Diese Abhängigkeit birgt nach Ansicht internationaler Experten große Risiken und gefährdet die europäische Souveränität, wie das Journalisten-Team "Investigate Europe" und der Berliner "Tagesspiegel" berichten.

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Nach Ansicht des früheren IT-Chefs der Bundesregierung, Martin Schallbruch, sind viele staatliche Verwaltungen so abhängig von Microsoft, "dass sie nicht mehr die Wahl haben, welche Software sie nutzen wollen". Schallbruch zufolge laufen die Staaten Europas "Gefahr, die Kontrolle über ihre eigene IT-Infrastruktur zu verlieren".

Der Jurist und Diplom-Informatiker Schallbruch war bis Februar 2016 Leiter der Abteilung Informationstechnik, Digitale Gesellschaft und Cybersicherheit im Bundesinnenministerium. Der 50-Jährige war damals ohne Angaben von Gründen überraschend in den Ruhestand versetzt worden, was in Fachkreisen einiges Aufsehen ausgelöst hatte.

Software-Kolonie Europa?

Mit seiner Einschätzung zur Lage bleibt Schallbruch nicht alleine. Michael Waidner, Direktor des Fraunhofer-Instituts für sichere Informationstechnik und einer der führenden europäischen Experten für Cyber-Sicherheit, beklagte im Gespräch mit dem Rechercheteam den Verlust der "digitalen Souveränität" Europas.

Staaten und die Europäische Union müssten "in der Lage sein, zu testen ob Hardware und Software ihrer Informationstechnik nur das tun, was sie sollen und nichts sonst". Darum sollten alle Staaten darauf bestehen, dass "ihre Experten alle nötigen Informationen haben, um die Software in sicherheitsempfindlichen Sektoren zu testen".

Das sei aber mit den Produkten von Microsoft bisher nicht möglich, heißt es weiter. Das US-Unternehmen hält grundsätzlich den sogenannten Quellcode für seine Programme geheim. Bekannt ist, dass US-Softwareunternehmen von den verschiedenen Washingtoner Geheimdiensten bedrängt werden, ihre Produkte für staatliche IT-Experten zu öffnen.

Zugang zum Quellcode

Dass Microsoft Kunden in Europa diesen Zugang verwehrt, sehen Fachleute kritisch. Nur durch Einblicke in den Quellcode können Experten nachvollziehen, wie Programme konstruiert sind und gegebenenfalls Sicherheitslücken finden. Darum sei "der Zugang zum Quellcode unverzichtbar", forderte Waidner. Ohne ihn gebe es "keine digitale Souveränität".

Das technische Risiko gehe einher mit einer politischen Gefahr, sagte der grüne Europa-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht, der als Vater des EU-Datenschutzgesetzes gilt, dem "Tagesspiegel". Microsoft unterliege US-amerikanischem Recht. Damit könne Washington das Unternehmen jederzeit zwingen, US-Behörden dabei zu helfen, Zugang zu den Daten ausländischer Behörden oder Bürger zu bekommen. Darum sei  der Einsatz der Microsoft-Produkte in staatlichen Behörden "mit dem Rechtsstaat nicht mehr vereinbar", meint Albrecht.

Das Europäische Parlament hatte bereits 2015 gefordert, dass die EU und ihre Mitgliedsländer bei Software für die staatliche Verwaltung die Offenlegung des Quellcodes von den Anbietern verlangen. Doch sowohl die EU-Kommission als auch die Regierungen verweigern die Umsetzung des Parlamentsbeschlusses. Microsoft verfügt in vielen EU-Staaten über hochrangige Kontakte in die Regierungsapparate, ergaben die Recherchen von Investigate Europe. Für Software-Anbieter ist die Ausstattung von Behörden mit sogenannten Office-Programmen ein Riesengeschäft. In Deutschland zum Beispiel gibt der Bund derzeit etwa drei Milliarden Euro für die IT-Ausstattung aus.

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Quelle: n-tv.de

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