Politik
Das Zeltlager für Flüchtlinge im Bremer Ortsteil Überseestadt.
Das Zeltlager für Flüchtlinge im Bremer Ortsteil Überseestadt.

Wenn Engagement ins Chaos führt: In Bremen bekommen Flüchtlinge endlos Hilfe

Von Issio Ehrich

Von wegen mangelndes Mitgefühl mit Flüchtlingen: In Bremen ist die Hilfsbereitschaft der Bürger so groß, dass ein Übermaß an Sachspenden ein mittelschweres Chaos ausgelöst hat. Jetzt machen sich engagierte Leute daran, das zu ordnen.

Thea V.s Post bei Facebook schlug voll ein. Die ehrenamtliche Helferin aus Bremen kam gerade aus der Zeltstadt für Flüchtlinge im Ortsteil Überseestadt. Dort fehlten Seife, Waschmittel, Zahnpasta und ein Dutzend anderer Dinge, die eigentlich wie selbstverständlich zum Leben gehören. V. rief ihre Facebook-Freunde dazu auf, kleine Pakete zu packen - für Männer, Frauen und Kinder.

Damit fing alles an: Bilder zum Post von Thea V.
Damit fing alles an: Bilder zum Post von Thea V.

Doch es blieb nicht bei ein paar Facebook-Freunden. Auch die Freunde von Freunden wurde aufmerksam und deren Freunde. Die Unterkunft der Überseestadt wurde überhäuft mit Paketen. Radio Bremen sah sich gezwungen, einen Beitrag zu veröffentlichen. "Wie helfe ich richtig?", so der Titel. Eine Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) lobt darin das große Engagement, sagt aber auch: " Zum Schluss war das sehr unangenehm, weil wir die Leute zurückschicken und sie bitten mussten, die Sachspenden zurückzunehmen."

Während in der großen Politik in Berlin und in den Staatsministerien der Länder derzeit vor allem darüber geredet wird, wie sich die rasante Zunahme von Flüchtlingen in Deutschland eindämmen lässt, während über "sichere Herkunftsstaaten" und "Abschiebelager" in Grenznähe diskutiert wird, über zu wenig oder zu viel Geld vom Bund, gibt es in der Bevölkerung offensichtlich einen immensen Drang, zu helfen. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn die große Hilfsbereitschaft wie im Fall von Thea V. in großen Teilen verpufft, weil es an Koordination fehlt.

"Daraus ist ein Tsunami entstanden"

Das erkannten auch Christian und Maike M., die zu den willigen Spendern für die Flüchtlinge der Überseestadt gehörten. "Wir haben auf einmal erfahren, dass Not besteht und dass es in dieser kleinen Stadt Bremen an Koordination fehlt", sagt Christian M. Zwar würden die Leute nicht verhungern oder verdursten. "Aber ihnen ist kalt und sie haben Schmerzen, weil sie nicht das richtige Schuhwerk haben."

Christian und Maike M., die ihren vollen Namen nicht nennen, weil sie nicht in der Öffentlichkeit stehen möchten, sind Anfang 30. Sie bezeichnen sich als "ganz normale" aber stark mit der Stadt verbundene Bremer. Obwohl sie voll im Berufsleben stehen, gründeten sie am Samstag die Facebook-Seite "Flüchtlingshilfe Bremen". Am Montag, nach Feierabend, fuhren sie zu den Flüchtlingsunterkünften in Bremen und versuchten herauszufinden, wer was wann wo braucht. Die Bedarfslisten posteten sie so schnell es ging auf ihrer neuen Seite. "Wir haben uns gesagt, wir machen das jetzt einfach mal", sagt M. Das Ergebnis überstieg die Vorstellungskraft der beiden. "Daraus ist ein Tsunami entstanden", sagt Christian M. "Das hätten wir uns niemals träumen lassen."

"Flüchtlingshilfe Bremen" hat mittlerweile mehr als 5000 Likes und erreichte mehr als 100.000 Menschen. Zum Vergleich: Bremen hat knapp 550.000 Einwohner. Die Seite war aber nicht nur ein digitaler "Tsunami". Die Leute fuhren tatsächlich zu den Unterkünften und lieferten ab, was gebraucht wurde. Die Verteilung funktionierte viel besser, als es nach Thea V.s Aufruf der Fall war.

Zehn Mal so viele Flüchtlingsunterkünfte in Bremen

Mittlerweile haben Christian und Maike M. zwei weitere Ehrenamtliche mit in ihr Team geholt. Sie fahren weiterhin jeden Tag zu den Einrichtungen, um sich nach dem Bedarf zu erkundigen. Und es gibt reichlich Bedarf. Die Zahl der Flüchtlinge in Bremen steigt massiv: 2013 nahm das kleine Bundesland im Norden 1111 Schutzsuchende auf. 2014 waren es 2233. In diesem Jahr sind es schon jetzt 2900. Bis zum Jahresende dürften es mehr als 6000 werden. Das bringt die Stadt an ihre Grenzen. Aus drei Flüchtlingsheimen sind in den paar Jahren 22 geworden. Und hinzu kommen jetzt auch noch Zeltstädte wie die der Überseestadt, weil auch diese Unterkünfte nicht mehr reichen.

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Die Stadt sorgt für die Grundversorgung. Das schließt neben Essen, Trinken und Unterkünften zwar auch Kleidung und Waschmittel mit ein. Angesichts der großen Zahl an Flüchtlingen und dem gewaltigen Verwaltungsaufwand fehlt hier und da mitunter aber schlicht etwas. Zumindest zeitweise. Diese Lücken können Sachspenden von Bürgern füllen.

"Das ist ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement, wie wir es uns wünschen", sagt Bernd Schneider, Sprecher des Senats für Soziales in Bremen. "Wenn sie punktgenau abgestimmt sind, können Sachspenden sehr hilfreich sein", sagt er und verweist auch auf eine weitere Koordinierungsstelle in Bremen, das Projekt "Gemeinsam in Bremen", kurz (GIB). Er empfiehlt, dass sich beide Initiativen gut verzahnen und abstimmen. Sachspenden hin oder her - Schneider fügt noch etwas anderes hinzu: "Am wichtigsten ist es, dass die Bürger den Flüchtlingen ihre Zeit und Zuwendung schenken", sagt er. Eine kleine Stadtführung, ein gemeinsamer Besuch im Theater oder einfach nur ein Gespräch - das seien Dinge, die Kommunen nur schwer leisten könnten, aber viel ausmachten.

Ein Lager fürs Lager

Christian und Maike M. planen bereits den nächsten Schritt. Weil sie nicht jeden hilfsbereiten Bremer quer durch die Stadt jagen wollen, um Spenden am richtigen Ort abzugeben, wollen sie ein zentrales Lager einrichten. "Wir haben schon zig Leute, die sich bereiterklärt haben, den Transport vom Lager zu den Flüchtlingsunterkünften zu organisieren", sagt Christian M. Nur jemanden, der bereit ist, eine ungenutzte Gewerbefläche zur Verfügung zu stellen, haben sie noch nicht gefunden.

Das Lager hat organisatorische Vorteile, aber auch einen Nachteil. "Ich glaube, dass viele Leute Berührungsangst haben", sagt Christian M. "Sie trauen sich nicht, einfach mal zu einer der Unterkünfte zu gehen und Hallo zu sagen. Vielleicht haben unsere Aufrufe den Leuten einen Grund gegeben, es trotzdem mal zu tun." Würde es künftig ein zentrales Lager für ihre Hilfspakete geben, wäre dieser Grund dahin.

Der Sprecher des Senats für Soziales, Schneider, sieht die Sache trotzdem nicht negativ. Erstens, weil ein Besuch des Spendenlagers den Besuch einer Flüchtlingsunterkunft nicht ausschließt. Und zweitens, weil die Helfer im Spendenlager den hilfsbereiten Bürgern bei ihrem Besuch empfehlen können, einfach mal so in eine der Unterkünfte zu gehen.

Quelle: n-tv.de

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