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Hitlers Botschaft: "In 'Mein Kampf' geht es um die Geste"

Hitlers Buch "Mein Kampf" hat mindestens drei Ebenen, sagt der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke: Es gibt die hasserfüllten Passagen, die für die breite Masse gedacht sind, Tipps für Propaganda-Praktiker – und die Ebene der "wortmagischen Geste".

n-tv.de: "Mein Kampf" erschien vor 90 Jahren. Wie wirkt das Buch auf heutige Leser?

Albrecht Koschorke: Es gibt eine verbreitete Rezeption unter gebildeten Verächtern, die das Buch absurd finden, zusammengestellt aus Phrasen und sinnlosen Versatzstücken. Diese Rezeption erklärt allerdings nicht den bis heute anhaltenden Faszinationscharakter des Buches.

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Was ist faszinierend an dem Buch, warum findet es überhaupt noch Leser?

Auf den ersten Blick ist das tatsächlich erstaunlich, weil selbst Nazis sich nur noch begrenzt auf "Mein Kampf" beziehen können – das Buch ist einfach zu sehr in die Jahre gekommen. Es enthält viele Passagen, die damals, in den 1920er Jahren, aktuell waren, an die man heute aber nicht mehr anschließen kann. Doch bei Büchern dieses Typs ist die Lektüre in der Regel sehr partiell – was "Mein Kampf" von der Rezeption her vergleichbar mit heiligen Schriften macht: Bücher, die einen sakralen Status erhalten haben, werden nur selten ganz gelesen.

Welches Publikum hatte Hitler im Blick?

Unkommentierte Ausgaben von "Mein Kampf" bleiben in Deutschland verboten.
Unkommentierte Ausgaben von "Mein Kampf" bleiben in Deutschland verboten.(Foto: dpa)

Die viel gelesenen Teile werden damals die Passagen im ersten Band gewesen sein, in denen Hitler schönfärberisch und auch lügenhaft von seinem Leben berichtet. Er zeigt sich darin als junger Mann, der eine Orientierungskrise hat, der einen für die Epoche damals typischen Vater-Konflikt durchstehen muss, der im Prekariat landet und sich jetzt berufen fühlt, gegen die Probleme der Welt aufzubegehren. Aber in "Mein Kampf" geht es nicht so sehr um den Inhalt, sondern um die Geste. Der Haupttenor des Buches ist die Energie, mit der etwas gesagt wird und dadurch gefährlich ist.

Das müssen Sie erklären.

Weite Teile des Buches sind eine Gebrauchsanweisung für den Erfolg von Ideologien. Hier richtet Hitler sich ausdrücklich nicht an die Masse der Ungebildeten, von der er an einigen Stellen sagt, dass sie ohnehin keine Bücher lese, dass sie unaufmerksam und für komplexe Gedanken nicht empfänglich sei. Stattdessen verbreitet er sich darüber, wie man diese Massen ansprechen müsse. Da lädt Hitler in gewisser Weise die Eliten ein, mit ihm mitzugehen.

Normalerweise würde man annehmen, dass Ideologien kaschieren, wie sie gemacht werden.

"Mein Kampf" verbirgt das nicht, im Gegenteil, es ist sehr explizit. Hitler erklärt zum Beispiel, dass eine Wirtshausrede dann wirksam ist, wenn der Saalschutz für eine zünftige Prügelei sorgt. Es gibt sogar Anweisungen, wie die Beleuchtung auszusehen hat – das spricht die Praktiker an, die Insider. Daneben gibt es die hasserfüllten Passagen über die Juden, die wieder für den Massenkonsum gedacht sind.

Prof. Dr. Albrecht Koschorke lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Demnächst erscheint sein Buch "Hitlers 'Mein Kampf': Eine literaturwissenschaftliche Sicht".
Prof. Dr. Albrecht Koschorke lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Demnächst erscheint sein Buch "Hitlers 'Mein Kampf': Eine literaturwissenschaftliche Sicht".

Es gibt also zwei Ebenen: die platten Botschaften für die Masse und die Gebrauchsanweisung für die Insider?

Dazu kommt eine dritte Ebene, und die scheint mir der Wirkungskern des Buches zu sein. Das sind Passagen, die folgende Botschaft transportieren: Es ist eigentlich egal, ob wir diesen Kram glauben oder nicht. Wenn wir das, was wir sagen, mit genügend Gewalt unterlegen, dann wird es wahr. Wenn wir sagen, die Juden sind die Geißel der Menschheit und ein Bazillus im Fleisch des Volkes, dann wird das zur Realität. Das ist eine wortmagische Geste, die vielen Diktaturen eigen ist. Das sorgt auch bei jenen für einen Kitzel, an dieser Ideologie zu partizipieren, die sie eigentlich nicht vollständig teilen. Viele Angehörige der NS-Eliten betrachteten Hitler ja mit einer gewissen Verächtlichkeit und goutierten vor allem seinen Radau-Antisemitismus nicht. Aber der Reiz, durch die Gewalt der Sprache eine Realität zu schaffen, hat sich gerade auf diese Leute übertragen.

Hätten die Leser von "Mein Kampf" wissen können, dass Hitler einen Weltkrieg und den Massenmord an den europäischen Juden plant?

Was Hitler über die Juden sagt, hat im Nachhinein durchaus den Charakter einer Ankündigung – ich sage bewusst "im Nachhinein", denn viele solcher Verlautbarungen gewinnen ihren Sinn erst dann, wenn sie erfolgreich sind. Die meisten Ankündigungen dieser Art bleiben wirres, folgenloses Gerede. In diesem Fall war es unglücklicherweise nicht so. Die Zeitgenossen haben viele solcher Hass-Botschaften zu lesen bekommen – das war damals nicht anders als heute in manchen Internetforen. Insofern kann man verstehen, dass das Buch damals von vielen nicht ernst genommen wurde.

Heute wird vom Institut für Zeitgeschichte in München eine kritische, also mit Anmerkungen versehene Edition von "Mein Kampf" vorgestellt. Der britische Germanist Jeremy Adler kritisierte dieses Projekt in der "Süddeutschen Zeitung" als zum Scheitern verurteilt, weil das Buch auf diese Weise eine Würde erlange, wie sie normalerweise nur klassischen Texten der Hochkultur zuteilwerde.

Ich finde, das Institut für Zeitgeschichte hat eine wichtige Arbeit geleistet. Es ist verdienstvoll, wenn man zeigt, aus welchen Quellen Hitler geschöpft hat, wo er sich in der Nähe von Halbwahrheiten bewegt und wo er in die politische Phantastik übergeht. Ob man will oder nicht, „Mein Kampf“ ist ein historisches Dokument, und historische Dokumente werden häufig in dieser Form aufbereitet. Ich sehe nicht, dass das Buch dadurch geadelt würde.

Anders als die Herausgeber glaube ich aber nicht, dass der Text durch die Edition sozusagen entzaubert wird. Hitler selbst hat geschrieben, je mehr Propaganda "ausschließlich auf das Fühlen der Masse" Rücksicht nehme, umso durchschlagender sei der Erfolg. "Dieser aber ist der beste Beweis für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Propaganda und nicht die gelungene Befriedigung einiger Gelehrter oder ästhetischer Jünglinge." Für wissenschaftliche oder rationale Einwände funktioniert das Immunsystem solcher Bewegungen zu gut.

Mit Albrecht Koschorke sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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