Politik
Margot Käßmann hatte viel zu sagen.
Margot Käßmann hatte viel zu sagen.(Foto: dpa)

"Nichts ist gut in unserem Land": Käßmann begeistert Kirchentag

Auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden begeistert Margot Käßmann Tausende Menschen. Viele harren vor der völlig überfüllten Eishalle aus. In Anlehnung an ihren berühmten Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" sagt die ehemalige Ratsvorsitzende der Kirche: "Nichts ist gut in unserem Land, wenn so viele Kinder arm sind". Nach ihrer Rede stehen die Menschen Spalier.

Die Zeit, als das Christentum mit dem Musical "Jesus Christ Superstar" zum Teil der Popkultur wurde, liegt schon ein paar Jahre zurück. Doch immer wieder gibt es Menschen, die vom Kirchenvolk wie der Messias gefeiert werden und trotzdem irdisch bleiben. Margot Käßmann, frühere Landesbischöfin von Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ist so ein Fall. Im Februar 2010 war sie nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von allen kirchlichen Ämtern zurückgetreten. Ihre Aufrichtigkeit beeindruckte Christen und Atheisten gleichermaßen. Inzwischen mehren sich die Stimmen, die Käßmann wieder in wichtigen Positionen sehen wollen. "Das ist keine Frage, auf die ich Antworten geben werde", sagte Käßmann.

Christian Wulff bei der Podiumsdiskussion zum Thema Integration.
Christian Wulff bei der Podiumsdiskussion zum Thema Integration.(Foto: dpa)

Mit einem breiten Programm zu Glaube und Gesellschaft und einer unerwartet hohen Besucherzahl war der Evangelische Kirchentag in Dresden angelaufen. Zur Eröffnung des größten protestantischen Laientreffens hatten sich am Mittwochabend 120.000 Christen aus ganz Deutschland versammelt. Nun begann die inhaltliche Arbeit. Bei einer Podiumsdiskussion räumte Bundespräsident Christian Wulff Probleme bei der Integration von Zuwanderern in Deutschland ein, sah aber auch Fortschritte. "Wir kommen voran, nicht schnell genug, aber wir kommen voran", sagte er. "Wir brauchen Offenheit gegenüber Fremden." Sie seien eine Bereicherung für die Gesellschaft, wenn sie sich an die Verfassung hielten. "Das Grundgesetz gilt für alle, egal welcher Religion sie angehören."

Großer Andrang bei Käßmann

Begeisterung löste aber vor allem Margot Käßmann aus: Wer Käßmann an diesem Tag auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden erleben wollte, musste zeitig erscheinen. Denn die mit mehr als 5000 Plätzen ausgestattete Eisarena war schon eine Stunde vorher dicht gefüllt, Hunderte harrten vor der Halle aus.

Tausende Menschen warteten vor der Halle.
Tausende Menschen warteten vor der Halle.(Foto: dpa)

Theologiestudentin Johanna Sondergeld aus Heidelberg war eigentlich nur so früh gekommen, um einen Platz für den nach Käßmann folgenden Auftritt von Bundespräsident Christian Wulff zu sichern. Doch dann hatte sie beide im Doppelpack. Denn Wulff erschien als Überraschungsgast zur "Bibelarbeit", die Margot Käßmann eine Stunde ausgesprochen politisch auslegte. Ihre Gedanken über die Seligpreisungen reichten von der Kinderarmut in Deutschland, über Mauerfall und Waffenhandel bis hin zu den NATO-Kampfeinsätzen in Libyen.

Armut zentrales Thema

Käßmann erinnerte auch an ihren letzten Auftritt in Dresden. Damals, am Neujahrstag 2010, hatte sie noch als EKD-Ratschefin eine politische Debatte ausgelöst. Während ihr Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" große Aufmerksamkeit erregte, habe der zur Kinderarmut keinen interessiert, sagte die 52-Jährige und legte nach: "Nein, nichts ist gut in unserem Land, wenn so viele Kinder arm sind." Das Thema habe aber offenbar wenig Relevanz und Lobby. Auch die Ungerechtigkeit lässt Margot Käßmann nicht ruhen. "46 Prozent der Weltbevölkerung müssen mit zwei Euro am Tag leben, während eine deutsche Kuh in der EU mit zwei Euro subventioniert wird. Und ich weiß: Gleichzeitig kämpfen die Landwirte in unserem Land um ihre Existenz - gerade in diesen Gurkenzeiten wissen wir das."

Gerechtigkeit sieht Käßmann zugleich als Kategorie für Bildung und Beteiligung an der Gesellschaft. "Bildungsgerechtigkeit ist der zentrale Zukunftsfaktor." Wenn Globalisierung, dann auch Gerechtigkeit der Globalisierung für alle. Kriterium sei und bleibe die Lage der Armen im eigenen Land und in der ganzen Welt. "Wie es den Armen geht, daran misst sich Gerechtigkeit." Nicht Gewinnmaximierung von Unternehmen dürfe entscheidend sein, sondern allein die Frage, ob globales Handeln die Lage der im Elend Lebenden verbessern könne. "Es geht darum, eine Ökonomie für das Leben zu finden." Auch in der Wachstumsgesellschaft müsse es eine "Ethik der Grenze", eine "Ethik des Genug" geben. "Eine andere Welt ist möglich", lautete die Botschaft von Käßmann.

Besucher standen Spalier

(Foto: dpa)

Und es sind auch Worte wie diese, die Käßmann Beifall brachten. Nach der Aussage zu Afghanistan habe man ihr geraten, sie solle sich doch mit den Taliban in eine Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten. Sie finde das bis heute "eine wesentlich bessere Idee als die Bombardierung von Tanklastwagen in Kundus". Zwischendurch kam sie immer wieder auf die Bibel zurück. Für Margot Käßmann ist das Evangelium eine "Anleitung zum Glücklichsein".

Viele Besucher standen Spalier, als Käßmann die Halle verließ. "Sie muss wieder zurück in die Kirchenpolitik", meinte der aus Brandenburg angereiste Ernst-Wolfgang Neumeister. Diese Frau habe etwas zu sagen, egal an welcher Stelle.

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Quelle: n-tv.de

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