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Die Schwarze Flagge des IS ist noch auf dem Minarett der großen Moschee in Mossuls Altstadt.
Die Schwarze Flagge des IS ist noch auf dem Minarett der großen Moschee in Mossuls Altstadt.(Foto: REUTERS)
Freitag, 02. Juni 2017

Sturm auf Mossul: Kampf um das Machtzentrum des IS beginnt

Von Issio Ehrich

Auf dem Minarett der Al-Nuri Moschee in Mossul flattert noch immer die schwarze Flagge des IS. Doch die Verteidiger des Pseudokalifats ahnen, dass die letzte Schlacht naht.

Vor ziemlich genau drei Jahren, im Juni 2014, vertrieb der Islamische Staat (IS) die irakische Armee aus Mossul. Die Kontrolle über die Millionenstadt war die Grundlage für das selbsterklärte Kalifat der Dschihadisten. Im Juni 2017 kontrollieren die Männer des IS nicht einmal mehr zehn Quadratkilometer Mossuls.

Die Tage des IS im Irak sind offensichtlich gezählt. Doch der irakischen Armee stehen nun, kurz vor dem Ziel der Rückeroberung, "einige der heftigsten Kämpfe" bevor, die sie bisher erlebten. So formuliert es zumindest Ryan Dillon, der Sprecher der Anti-IS-Operation "Inherent Resolve".

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Laut des kurdischen Senders Rudaw hat der IS noch Männer in fünf Vierteln des Westteils der Metropole: in der Altstadt, in Shifa, Saha, bab al-Sinjar und Zanjali. Zuletzt konzentrierten sich die Kämpfe demnach auf Saha und Zanjali, wo der IS sich in zwei Krankenhäusern verschanzt haben soll, angeblich mit fast 400 Zivilisten als Geiseln.

Besonders heftig dürften die Kämpfe werden, wenn es um die engen Gassen der Altstadt und das Machtzentrum im Machtzentrum geht: die Al-Nuri-Moschee. Hier rief IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi in seinem bisher einzigen öffentlichen Auftritt am 29. Juni 2014 das Kalifat aus. Ein symbolträchtiger Moment. Auf dem Minarett der Moschee flattert noch immer die schwarze Flagge der Islamisten. Doch womöglich wissen selbst die Kämpfer des IS, dass dies nicht mehr lange der Fall sein dürfte.

Alle Zufahrtsstraßen gesperrt

In den vergangenen Tagen sperrte der IS alle Zufahrtsstraße zur Moschee. Das geht aus einem Bericht des britischen "Independent" hervor, der Kontakte zu Zivilisten in Mossuls Altstadt aufnehmen konnte. Demnach zwangen die Islamisten auch die Bewohner, sich in die Nähe der Moschee zu begeben – um als menschliche Schutzschilde zu dienen, wenn der finale Sturm beginnt.

Wie viele Kämpfer den Islamisten in Mossul noch zur Verfügung stehen, ist nicht bekannt. Mal ist von ein paar Hundert, mal von mehr als 1000 die Rede.

Unklar ist aber auch die Größe des Aufgebots des Iraks. Als die Großoffensive auf Mossul im Oktober 2016 Fahrt aufnahm, rechneten die Generäle mit einem Sieg bis Jahresende. Daraus wurde nichts. Es gab schwere Verluste, so viele, dass die irakische Regierung keine offiziellen Opferzahlen dazu veröffentlicht.

Als es noch um das Umland Mossuls ging, kämpfte eine breite Allianz mit, an der auch kurdische Peshmerga und schiitische Milizen mit engen Verbindungen zum Iran beteiligt waren. Um die ohnehin großen ethnischen Spannungen nicht zu vergrößern, wurde vereinbart, dass diese nicht in die Stadt eindringen. Am Sturm auf die verbliebenen Viertel sind deshalb nur die Eliteeinheiten der "Goldenen Division" der irakischen Armee beteiligt, die "Emergency Response Division" (ERD) und, weil diese Kräfte nicht reichen, auch die Bundespolizei.

Einem Bericht des "Spiegel" zufolge verfügt auch die "Goldene Division", die den Sturm anführt, nur noch über rund 1200 Männer.

Jedes Fahrzeug gilt als Ziel für Luftangriffe

Schon vor wenigen Wochen forderte die Anti-IS-Koalition die Bewohner von Mossul laut Rudaw per Flugzettel auf, keine Fahrzeuge mehr zu benutzen. Jedes Vehikel werde künftig als IS-Fahrzeug angesehen und beschossen – ein Versuch, den erbitterten Häuserkampf doch noch irgendwie aus der Luft zu unterstützen, ohne große zivile Opfer zu verursachen.

Genau das ist die Herausforderung und der Grund dafür, dass die Stadt nicht längst erobert ist. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge befinden sich noch zwischen 150.000 und 250.000 Zivilisten auf IS-Gebiet. Sie müssen fürchten, bei ihrer Flucht von IS-Scharfschützen getötet zu werden und bleiben so lange es irgendwie geht, obwohl ihnen die Lebensmittel ausgehen.

Jede Bombe, jeder Mörserschuss muss deshalb wohl überlegt sein. Erst vor wenigen Tagen mussten die USA einräumen, dass sie bei einem Luftangriff im März nicht nur wie geplant zwei IS-Heckenschützen getötet haben, sondern mit ihnen auch mehr als 100 Zivilisten.

Wie lange dauert der Kampf um Mossul noch? Ein paar Tage, ein paar Wochen? Vor allem wegen der Zivilisten lässt sich das schwer vorhersagen. Gewissheit ist dagegen schon jetzt, dass es kein strahlender Sieg sein wird. Und das nicht nur, weil die Eroberung viel länger gedauert hat, als geplant und so vielen irakischen Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet hat.

IS-Chef Baghdadi hat Mossul längst verlassen. Vor rund zwei Wochen veröffentlichte der "Spiegel" außerdem die Bilder des irakischen Fotojournalisten Ali Arkady, der mit seinen Kameras Soldaten der Sondereinheiten der ERD folgte. Er wurde Zeuge von willkürlicher Folter, Vergewaltigungen und Mord. Die Soldaten, die er begleitete, waren derart verroht, dass sie sich um die Präsenz des Kameramannes bei ihren Gräueltaten gar nicht kümmerten oder ihn fälschlicherweise für ihren Komplizen hielten.

Bisher bezogen sich Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Zuge des Kampfes gegen den IS meist auf schiitische Milizen. Arkadys Bilder, die schnell um die Welt gingen, bestätigten endgültig einige der größten Befürchtungen, die mit der Rückeroberung Mossuls von Anfang an einhergingen. Die Befreier der Metropole werden nicht nur als solche wahrgenommen werden. Und so wird wohl auch ohne den IS im Irak das Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen nach Jahren des Krieges schwer bleiben.

Quelle: n-tv.de

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