Politik
Kim - umjubelt von seinen Untertanen: So sieht man den Diktator zuletzt kaum mehr.
Kim - umjubelt von seinen Untertanen: So sieht man den Diktator zuletzt kaum mehr.(Foto: REUTERS)
Freitag, 08. September 2017

Exit-Strategie eines Diktators: Kim ist bestens gerüstet

Von Johannes Graf

Kim schürt mit Atom- und Raketentests die Furcht vor einem Krieg mit Nordkorea. Er selbst ist offenbar vorbereitet: Unter der Hauptstadt soll es ein gigantisches Tunnel- und Bunkersystem geben - mit einer Bahnanbindung, die bis nach China reichen soll.

Die Fotos sind Gegenstand des weltweiten Spotts: Kim Jong Un, Diktator Nordkoreas, sieht Dinge an. In Fabriken, in denen Gummistiefel, Fischmehl oder Frühstücksflocken hergestellt werden, inspiziert er den Fortschritt seiner Nation, an dem nur so wenige Menschen teilhaben können. Doch Beobachtern ist aufgefallen, dass es seit mehreren Wochen kaum neue Propaganda-Fotos von Kim bei Inspektionen im Land gibt. Der junge Herrscher scheint sich öffentlich rar zu machen.

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Grund soll die sich zuspitzende Krise sein: Mit Raketen- und Atomtests strapaziert Kim die Geduld der USA, Chinas und des Rests der Welt. Sollte es tatsächlich zum Krieg kommen, will er in Sicherheit sein. Schließlich ist eine immer wieder diskutierte Möglichkeit, Kim durch einen gezielten Schlag auszuschalten und damit den Konflikt einzudämmen. Kim soll, so heißt es, im Wortsinn in den Untergrund gegangen sein.

Tatsächlich existieren in Nordkorea, wie in vielen anderen Ländern der Welt auch, Bunkeranlagen, in denen die Staatsführung auch im Fall eines Atomkriegs die Kommandogewalt ausüben kann. Im Fall des abgeschotteten Staats sollen diese aber besonders luxuriös sein - und besonders weit verzweigt.

Kim residiert in und außerhalb Pjöngjangs an wechselnden Orten. Nahezu alle seine Paläste sollen eine Verbindung zu dem unterirdischen Bunker haben. Verbunden sind die Einrichtungen über ein Hunderte Kilometer langes System von Straßen und Schienen. Man reist bequem in Limousinen und Salonzügen, zum Schluss soll es noch etliche Meter mit dem Fahrstuhl in die Tiefe gehen.

Seit Jahrzehnten wird an Tunnelsystem gebaut

Nur wenige Menschen haben diese Welt gesehen und können davon berichten. Zu jenen, die nach eigenem Bekunden Zutritt zu der geheimen Tunnelwelt hatten, gehört Hwang Jang Yop. Er war über Jahrzehnte so etwas wie der Chefideologe der Kims und soll die sogenannte Juche-Ideologie, die die Diktatur in Nordkorea theoretisch unterfüttert, miterfunden haben. 1997 aber lief Hwang über. Die "Washington Post" verglich sein Überlaufen mit einer Flucht Joseph Goebbels' aus Nazi-Deutschland.

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Der mittlerweile verstorbene Hwang gab ausführlich Auskunft über das unterirdische Nordkorea. Kurz nach dem Waffenstillstand von 1953 habe Kim Il-Sung mit dem Bau beginnen lassen. In etwa 300 Meter unter der Erde Pjöngjangs verläuft laut Hwang der exklusive Tunnel für die Kim-Familie, ranghohe Parteifunktionäre und Militärs. Rund 50 Kilometer weit soll sich das Netz unter der Hauptstadt erstrecken.

Und mehr noch: Es reiche auch darüber hinaus. So soll Kim, vermutlich bis heute, per Auto oder über ein weit verzweigtes Schienennetz unter der Erde strategisch wichtige Punkte seines Reichs erreichen können - etwa den 40 Kilometer von Pjöngjang entfernt gelegenen Hafen Nampo, die Uran-Mine von Suncheon oder das traditionsreiche Anwesen der Kims in Yeongwon (hier starb der Staatsgründer Kim Il Sung im Jahr 1994).

Ein gezielter Luftschlag, mit dem Ziel, Kim zu eliminieren, wäre dadurch sehr schwer zu planen - von der Frage, ob das Chaos, das auf einen solchen Anschlag folgen würde, beherrschbar wäre, einmal ganz abgesehen. Wo hält sich der Diktator aktuell auf? Kaum einer weiß das. Und selbst wenn: Die stärkste Tiefenbombe, über die die USA verfügen, kann Ziele bis zu 60 Meter unter der Erde zerstören - für Kims Bunker und Tunnel reicht das also nicht. Bei einer Invasion des Landes könnte es für Kim dennoch ungemütlich werden in seiner unterirdischen Luxuswelt.

Gleisverbindung unter dem Yalu?

Ziel einer möglichen Flucht ist daher seit Jahren China - der bisher treue Verbündete Nordkoreas. Das bestätigt ein weiterer hochrangiger Überläufer, der ehemalige Vizebotschafter Nordkoreas in London, Thae Yong Ho. Im vergangenen Jahr begab er sich in die Hände des vermeintlichen Feindes und packte bei CIA und MI5 aus. Auch er berichtete von Tunneln, die Kim zur Flucht nutzen könne. Zudem habe Kim zwei stets vollgetankte Kleinflugzeuge in seiner Nähe, um mit seiner Frau und seinen wichtigsten Militärs nach China zu kommen. Fünf seiner Wohnsitze hätten zu diesem Zweck eigene Startbahnen. Jenseits der eigenen Grenzen solle er dann das militärische Kommando weiter ausüben.

Und die Gerüchte über Kims Fluchtpläne gehen noch weiter, die "Welt am Sonntag" berichtete neulich darüber: In Taegwan, rund 150 Kilometer nordwestlich von Pjöngjang und 20 Kilometer von der Grenze zu China entfernt, ist auf Satellitenbildern ein Bahnhof zu entdecken. Er ist nur für Kim gebaut worden und soll mit einem dreifachen Starkstromzaun gesichert sein. Der Grund: Nach wenigen Metern mit dem Zug verschwinden die Gleise in einem Berg - und tauchen nicht wieder auf. Auf chinesischer Seite aber, 700 Meter vom Ufer des Grenzflusses Yalu entfernt, kommen wie aus dem Nichts Schienen zum Vorschein. Eine Bahnlinie für den Diktator direkt nach China?

Die Faktenlage ist dünn. Experten sind sich uneins darüber, ob das so überhaupt denkbar ist. Hanns Günther Hilpert, Nordkorea-Kenner der Stiftung Wissenschaft und Politik, sagte dem "Focus", dass so etwas wohl kaum ohne Wissen oder auch mit Duldung Pekings existieren könne. Andere Beobachter sind sich da nicht so sicher. Das Verhältnis zwischen China und Nordkorea ist erst in den vergangenen Monaten merklich abgekühlt. Zuvor gab es gemeinsame Interessen an einem Machterhalt der Kims. Schließlich ist das diktatorisch geführte Nordkorea ein Puffer zwischen China und der Einflusssphäre der USA, Südkorea. Der Tunnel könnte schon seit Jahrzehnten bestehen - doch wer weiß, ob er aktuell noch für Kim passierbar wäre?

Quelle: n-tv.de

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