Politik
Sonntag, 09. Mai 2010

Katholiken atmen auf: Kirche sucht den Neuanfang

Walter Mixa ist weg. Die Katholiken in Deutschland atmen auf, sie wollen einen Neuanfang wagen und den Fall des Ex-Bischofs von Augsburg gründlich aufarbeiten. Doch dabei droht der Kirche Ungemach: Sie wird sich mit sexuellen Missbrauch, Alkoholproblemen und Homosexualität des Klerikers auseinandesetzen müssen. Über allem schwebt die Frage nach dem tausendfachen Kindesmissbrauch unter dem Dach der Kirche.

Einladung zum Sonntagsgottesdienst im Augsburger Dom.
Einladung zum Sonntagsgottesdienst im Augsburger Dom.(Foto: dpa)

Führende Katholiken haben erleichtert auf die schnelle Absetzung des Augsburger Bischofs Walter Mixa reagiert. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Robert Zollitsch, begrüßte die zügige Entscheidung des Papstes. Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, erklärte der Schritt beende eine Zeit der Unsicherheit im Bistum Augsburg. Papst Benedikt XVI. hatte am Samstag den Rücktritt Mixas angenommen, den der Geistliche Rom am 21. April angeboten hatte - nach wochenlanger Kritik und Gewaltvorwürfen früherer Heimkinder.

Bereits am Freitag war bekanntgeworden, dass die Staatsanwaltschaft Ingolstadt Vorermittlungen wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch gegen den 69-Jährigen eingeleitet hat. Der Papst soll von den neuen Vorwürfen gewusst haben, bevor er seine erwartete Entscheidung traf. Nach Medienberichten soll es sich dabei um einen Missbrauchsfall aus Mixas Zeit als Eichstätter Bischof zwischen 1996 bis 2005 handeln. Damit steht erstmals in Deutschland ein katholischer Bischof unter dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs.

Mixa in Schweizer Klinik

Walter Mixa ist von seinem Amt als Bischof von Augsburg entbunden.
Walter Mixa ist von seinem Amt als Bischof von Augsburg entbunden.(Foto: dpa)

Der Geistliche ließ die Vorwürfe über einen Augsburger Anwalt als unzutreffend zurückweisen und erklärte sich zur Zusammenarbeit mit den Ermittlern bereit. Der 69-Jährige hat sich in ein Schweizer Krankenhaus zurückgezogen. Dort wolle er noch zwei Wochen bleiben, um sich untersuchen und wegen "Problemen mit den Schleimbeuteln am Knie" operieren zu lassen, sagte Mixa der "Bild am Sonntag". Nach Informationen aus Kirchenkreisen ist der 69-Jährige wegen eines angeblichen Alkoholproblems in Behandlung.

Der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann erhob schwere Vorwürfe gegen Mixa. Es gebe leider immer wieder Menschen, die ihren Aufgaben in der Kirche nicht genügten. "Es bleibt eine erhebliche Verletzung des Vertrauens", sagte er dem ZDF. Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" zeigte sich von der Papst-Entscheidung erleichtert.

Grünwald leitet Bistum

Weihbischof Josef Grünwald wird das Bistum vorläufig leiten.
Weihbischof Josef Grünwald wird das Bistum vorläufig leiten.(Foto: dpa)

Mixa bleibt formell geweihter Bischof auf Lebenszeit, hat aber keine Diözese mehr und ist auch nicht länger Militärbischof der Bundeswehr. Weihbischof Josef Grünwald wird das Augsburger Bistum vorläufig leiten. Erfahrungsgemäß dauert es rund zwölf Monate bis zur Ernennung eines neuen Bischofs. Die Ereignisse um den zurückgetretenen Bischof Walter Mixa hätten die Diözese zutiefst belastet und gespalten, schrieb Grünwald in einem offenen Brief an die Mitarbeiter der Diözese Augsburg.

Benedikt verwies bei der Annahme des Rücktrittsgesuchs auf einen Paragrafen des kanonischen Rechts, der den Ruhestand eines Geistlichen wegen Krankheit oder "anderer schwerwiegender Gründe" vorsieht. Ein Bischof kann seinen Rücktritt nur anbieten, der Papst muss dem Schritt zustimmen. Das Kirchenoberhaupt hatte am 29. April mit DBK-Chef Zollitsch im Vatikan über den Fall Mixa beraten. Dann handelte Benedikt vergleichsweise rasch - in der Vertuschungsaffäre des irischen Missbrauchsskandals dauerte es teilweise Monate, bis der Papst Rücktrittsgesuche annahm.

"Wir brauchen Neuanfang"

Zollitsch sagte, die Entscheidung gebe allen Beteiligten die Chance zum Neubeginn: "Einen Neuanfang, den wir dringend brauchen." Die Vorgänge der jüngsten Zeit hätten das Bistum Augsburg und auch die katholische Kirche in Deutschland sehr belastet. "Der Verlust der Glaubwürdigkeit wiegt schwer", sagte der Erzbischof. "Wir wollen den Weg der inneren Heilung, Beruhigung und des Neuanfangs gehen", erklärte Zollitsch weiter, der sich auf eine schriftlich vorbereitete Erklärung stützte und keine Fragen beantwortete.

Zölibat nicht für jeden

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Spiegel", die neuen Vorwürfe gegen Mixa müssten "schonungslos aufgeklärt" werden. Gefragt zu dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche antwortete Schick: "Es ist richtig, dass nun alles herauskommt. (...) Überall, wo etwas unter der Decke gehalten wird, wird alles nur noch schlimmer." Über das Thema Zölibat müsse diskutiert werden. Es gehöre zur Kirche. "Ich meine, Bischöfe, Ordensleute und Domkapitulare müssen es leben. Ob jeder Pfarrer das Zölibat leben muss, ist eine andere Frage."

"Der Spiegel" hatte zudem berichtet, Mixa solle in seiner Zeit als Eichstätter Bischof häufig junge Seminaristen in seine Privaträume im Bischofshaus eingeladen und mit ihnen gemeinsame Saunabesuche unternommen haben. Dem Kleriker seien homosexuelle Neigungen nachgesagt worden, hieß es in dem Bericht unter Berufung auf Kirchenkreise weiter. Dem Magazin zufolge wies sein Anwalt die Vorwürfe "mit aller Entschiedenheit" zurück.

Quelle: n-tv.de

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