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Klitschko unmittelbar nach der Feuerlöscher-Attacke
Klitschko unmittelbar nach der Feuerlöscher-Attacke(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der wankende Revolutionär: Klitschko verliert die Kontrolle in Kiew

Von Christian Rothenberg

Eigentlich will Vitali Klitschko Präsident werden. Doch nach zwei Monaten tritt die ukrainische Opposition auf der Stelle. Die Bewegung ist zunehmend gespalten, der Protest wird immer brutaler und Klitschko hadert mit seiner Rolle.

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Revolution ist schmutzig. Das darf Vitali Klitschko spätestens am dritten Januar-Wochenende erleben. Mit einem Megafon in der Hand war der Boxweltmeister auf eine Gruppe von Demonstranten zugegangen, die Pflastersteine auf Polizisten warf. Klitschko wollte schlichten, doch das gelang ihm nicht. Ein Protestler feuerte ihm kurzerhand mit einem Feuerlöscher mitten ins Gesicht. Klitschko stand plötzlich wie ein begossener Pudel da. Ein wütender Pudel, vollkommen übersät mit weißen Löschschaumpartikeln.

Seit Ende November demonstrieren Zehntausende in Kiew gegen Präsident Viktor Janukowitsch und dessen zu starke Hinwendung zur russischen Regierung. Eigentlich galt Klitschko mal als Galionsfigur für große Teile der ukrainischen Opposition, aber auch für viele Menschen in Westeuropa. Ein Weltmeister im Schwergewicht, der den Präsidentenpalast erstürmt und Janukowitsch vom Thron stürzt - viele hofften auf dieses politische Wintermärchen. Doch je länger der Protest anhält, desto mehr scheint es, als könne der 42-Jährige die Erwartungen möglicherweise gar nicht erfüllen.

Eingeschränktes Demonstrationsrecht

In den vergangenen Tagen radikalisierte sich die Auseinandersetzung in der ukrainischen Hauptstadt. Mit Gasmasken vermummte Aktivisten warfen Brandsätze und Steine und lieferten sich blutige Straßenschlachten mit der Polizei. Das Resultat waren ausgebrannte Autos und Busse und weit über 200 Verletzte. Das Innenministerium verhängte daraufhin ein verschärftes Demonstrationsrecht. Dazu zählen längere Haftstrafen für die Blockade und Besetzung von Regierungsgebäuden sowie Geldstrafen für Demonstranten vor, die sich mit Gesichtsmasken vermummen oder Helme tragen. Bei Gefahr für Leib und Leben, wie es offiziell heißt, dürfen die Polizisten nun auch ihre Waffen benutzen.

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Am Sonntagabend traf sich Klitschko, der Chef der oppositionellen Udar-Partei ist, mit Janukowitsch. Angeblich sagte der Amtsinhaber zu, einen Vermittlungsausschuss einsetzen zu wollen. Doch die Schlichtungsversuche gestalten sich nach wie vor schwierig. Der umstrittene Präsident spielt auf Zeit. Er weiß um die begrenzten Ressourcen auf der Gegenseite. Der inzwischen zwei Monate lange Protest hat Spuren hinterlassen. Die fast täglichen Demonstrationen bei Temperaturen von bis zu minus 15 Grad bringen die Teilnehmer an ihre Grenzen. Der Präsident setzt darauf, dass das Lager um Klitschko zerfasert. Mit Erfolg: Längst ist die Bewegung in friedliche Aktivisten und gewaltbereite rechte Schläger gespalten.

Mittendrin steht Klitschko, für den es immer schwieriger wird, das Lager der lange Zeit vereinten Opposition zusammenzuhalten. Als Sprachrohr des Protests gibt er sich wechselweise martialisch oder deeskalierend. So besänftigt Klitschko zwar die wütenden Demonstranten und fordert sie auf, sich nicht provozieren zu lassen. Andererseits streut er Spekulationen, Janukowitsch sorge gezielt für Chaos, indem er Schläger in die Hauptstadt bringe, Autos anzünden und Schaufenster einschlage lasse.

"Eine Situation wie im Krieg"

Mehr und mehr wird deutlich, wie hilflos Klitschko dem Geschehen inzwischen ausgesetzt ist. In einem Gastbeitrag in der "Bild"-Zeitung schreibt er: "Wir haben die Bewegung nicht mehr unter Kontrolle […]. Wenn Janukowitsch mit seinen Repressalien so weitermacht, würde es mich nicht wundern, wenn es bald Tote zu beklagen gibt." Auch zu der Feuerlöscher-Attacke nahm er Stellung. "Es war für mich eine Situation wie im Krieg." Dass er selbst angegriffen werde, zeige, wie die Stimmung inzwischen geworden sei.

Während der zusehends zähe Protest Janukowitsch in die Karten spielt, wächst die Ungeduld bei seinen politischen Gegnern. Nach zwei Monaten wollen sie Ergebnisse sehen, doch der Machtwechsel ist nicht in Sichtweite. Seit sich die Demonstrationen radikalisieren, gewinnt die rechtspopulistische Oppositionspartei Swoboda mit ihrem Chef Oleh Tjahnibok an Einfluss. Derweil beklagen immer mehr Aktivisten, Klitschko und die übrigen Anführer handelten zu unentschlossen und seien zu nachsichtig mit dem Präsidenten. "Wir brauchen einen Anführer, der uns heute und jetzt zum Sieg führt. Wir brauchen einen Namen", sagte einer der führenden Köpfe der Straßenproteste.

"Eine kurzfristige Lösung sehe ich nicht"

Wie aussichtslos die Lage ist, zeigt sich daran, dass Klitschko inzwischen immer lauter auf Hilfe von außen hofft. Zuletzt forderte er EU und USA mehrfach dazu auf, Sanktionen gegen das Regime von Janukowitsch zu verhängen. Doch allzu große Hoffnungen darf er sich nicht machen. "Eine kurzfristige Lösung sehe ich nicht", sagte Frank-Walter Steinmeier beim Treffen der EU-Außenminister in Brüssel. "Die wird man wahrscheinlich erst mit Blick auf den weiteren Zulauf der Präsidentschaftswahlen sehen werden." Die EU beschränkte sich auf den Hinweis an die ukrainische Regierung, das Recht auf Versammlungsfreiheit zu respektieren. Richtige Solidarität sieht wohl anders aus.

Viel spricht also dafür, dass die Opposition ihren zermürbenden Kampf weiterhin alleine führen muss. Dabei dürfte es vor allem für den Boxweltmeister schwierig werden. Eigentlich will Klitschko als gemeinsamer Kandidat der Opposition im Jahr 2015 für das Präsidentenamt kandidieren. Doch zurzeit scheint es, als sei sein Ansehen angekratzt: Bei der Kundgebung am Wochenende erntete Klitschko sogar Buhrufe. Auch als er schließlich im Löschschaum-Nebel versank, war die Reaktion der Menge bezeichnend. Viele Demonstranten jubelten und amüsierten sich über die Attacke. Dann wandten sie sich wieder den Pflastersteinen zu.

Quelle: n-tv.de

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