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Klassenziel nicht erreicht, dieses Urteil wird seltener gefällt.
Klassenziel nicht erreicht, dieses Urteil wird seltener gefällt.

Fragen und Antworten: Kommt Sitzenbleiben aus der Mode?

Von Solveig Bach

Niedersachsen will das Sitzenbleiben unter der rot-grünen Landesregierung abschaffen und reiht sich damit in eine größer werdende Gruppe von Bundesländern ein, die sukzessive auf die "Ehrenrunde" verzichtet haben oder es noch werden. Das sind inzwischen mehr, als man denkt. Um die pädagogische Ur-Maßnahme ist ein heftiger Streit entbrannt, in dem Fakten und Meinungen gegeneinander ins Feld geführt werden. Deshalb an dieser Stelle die wichtigsten Antworten.

Wie viele Kinder bleiben eigentlich sitzen?

Im vergangenen Schuljahr haben 156.000 Kinder und Jugendliche eine Klasse wiederholt. Das entspricht dem Durchschnitt von etwa zwei Prozent. Vor zehn Jahren waren es noch drei Prozent, inzwischen sinken die Zahlen. Jungen trifft es etwas häufiger als Mädchen, das Verhältnis liegt bei 59 zu 41 Prozent. Spitzenreiter bei den Sitzenbleibern ist Bayern.

Wie groß ist die Akzeptanz für das Sitzenbleiben?

Für viele Lehrer, aber auch für viele Eltern, ist Sitzenbleiben nach wie vor ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems. Bei einer Forsa-Umfrage schätzten 2006 zwei Drittel der Deutschen das Sitzenbleiben als sinnvoll ein und wollten es als pädagogische Maßnahme beibehalten.

Welche Prominenten mussten ein Schuljahr wiederholen?

Zu den prominenten Sitzenbleibern gehören die Entertainer Harald Schmidt und Thomas Gottschalk ebenso wie der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, die ehemalige Bildungsministerin Edelgard Buhlmann, aber auch der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Alt-Bundespräsident Christian Wulff. Eine Ehrenrunde drehten ebenfalls der Fußballer Mehmet Scholl, Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, Tierfilmer Heinz Sielmann, Fernsehpfarrer Jürgen Fliege und der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck.

In welchen Bundesländern kann man schon nicht mehr sitzenbleiben?

In Hamburg ist Sitzenbleiben zurzeit in den Klassen 1 bis 9 abgeschafft, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Die Klassenwiederholung ist dann für alle Schulen nur noch mit Genehmigung der Schulbehörde erlaubt. In Berlin müssen nur Gymnasiasten und - im Ausnahmefall - Grundschüler befürchten, eine Klasse wiederholen zu müssen. Auch Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und neuerdings auch Baden-Württemberg testen, wie es wäre, aufs Sitzenbleiben zu verzichten. Thüringen erlaubt das Hängenbleiben nur noch alle zwei Jahre. Im Saarland kommen an Gesamtschulen alle weiter, in Bremen von der 1. bis zur 8. Klasse alle.

Was kostet das Sitzenbleiben?

"Sitzenbleiben bringt dem Schüler nichts und ist außerdem ineffizient. Dieser Unsinn ist nämlich ziemlich teuer", so formuliert es Pisa-Chef Andreas Schleicher. Laut einer Untersuchung des Bildungsforschers Klaus Klemm aus Essen kostet Sitzenbleiben den Steuerzahler knapp eine Milliarde Euro. Klemm rechnete dies 2009 für eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus. Zu Buche schlagen vor allem der höhere Personalaufwand für die Schulen und die Schulverwaltung, der laufende Sachaufwand sowie die Investitionsausgaben.

Welche Argumente sprechen gegen die Ehrenrunde?

Unter Pädagogen wird schon lange diskutiert, ob es Schülern hilft, eine Klasse zu wiederholen. Viele Reformpädagogen halten das Wiederholen einer Klasse für ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Das zusätzliche Jahr sei verschwendete Lern- und Lebenszeit für die Kinder. "Die Idee, sich so vermeintlicher Problemkinder zu entledigen, führt in die Irre", sagt der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung Jörg Dräger. Denn von oben rutschten ja neue Sitzenbleiber nach. Der Bildungsforscher Hans Brügelmann sieht den Denkfehler beim Sitzenbleiben darin, dass man es als ein "Strafinstrument" nutzt.

Schülerinnen und Schüler, die zurück gestuft würden, fühlen sich zudem als Versager und das beschädigte Selbstwertgefühl ist der Leistungssteigerung nicht zuträglich. Untersuchungen zeigen, dass die schwachen Leistungen auch im Wiederholungsjahr blieben. Die meisten Schüler, die ein Schuljahr wiederholten, verbesserten dadurch ihre Leistungen nicht unbedingt. Peter Sinram von der Gewerkeschaft Erziehung und Wissenschaft meint: "Alle Kinder haben ihr eigenes Lerntempo." Sitzenbleiben sei ein Misserfolgserlebnis und führe zu "sozialer Stigmatisierung".

Welche Gründe sprechen dafür?

Befürworter des Sitzenbleibens sehen das freilich anders. Schließlich hätten viele erfolgreiche Menschen ein Schuljahr wiederholen müssen. Sitzenbleiben bedeute also kein generelles Versagen. Der Schüler habe vielmehr die Möglichkeit mit Wissensvorsprung in das neue Schuljahr zu gehen, was sein Selbstwertgefühl steigern kann.

Eine Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, das im Jahr 2004 Daten von mehr als 2.500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 ausgewertet hatte, zeigt: "Wer eine Klasse wiederholt, hat gute Chancen, einen besseren Schulabschluss als vergleichbare Mitschüler zu erreichen, die immer versetzt wurden."

Dieser Argumentation folgt auch der Deutsche Lehrerverband, dessen Präsident Josef Kraus die Forderung nach Abschaffung als "pädagogischen Unsinn" bezeichnet. Das Versetzen um jeden Preis sei eine krasse Fehlinvestition für die ganze Gesellschaft. "Eine Abschaffung des Sitzenbleibens käme einem Recht auf Wohlfühlschule mit Abiturvollkaskoanspruch gleich." Das Sitzenbleiben sei vielmehr eine "sinnvolle pädagogische Maßnahme, eine Chance zur Konsolidierung". Das Risiko des Scheiterns gehöre mit zum Leben.

Wie soll das Sitzenbleiben verhindert werden?

Indem Schüler individueller als bislang gefördert würden. "Individuelle Förderung heißt dabei, jedes Kind und jeden Jugendlichen mit seinem Wissensstand und Lernpotenzial zum Ausgangspunkt allen Handelns in der Schule zu machen", heißt es dazu in der schon erwähnten Bertelsmann-Studie. Schulen, Lehrerinnen und Lehrer müssten die Verantwortung für die Lern- und Leistungsentwicklung jedes Einzelnen übernehmen. "Im Unterricht wird gemeinsam, aber mit unterschiedlichen Lernwegen und Geschwindigkeiten gearbeitet – ohne dass dabei leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung gebremst beziehungsweise leistungsschwächere Schüler sitzen gelassen werden."

Dräger regt an, dass Lehrer alle zwei Wochen mit jedem Schüler den Lernfortschritt besprechen sollten. Das Problem sei weniger der Wissensrückstand in einem Fach oder einem bestimmten Teilbereich, gibt Bildungsforscher Brügelmann zu bedenken. Vielmehr gehe es um Arbeitstechnik, Arbeitshaltung und das Lernverhalten. Um diesen Problemen Rechnung zu tragen, regt Brügelmann Lernmodule an, die nach und nach bearbeitet werden. So könnten Teilrückstände besser aufgeholt werden, das Sitzenbleiben wird überflüssig.

In ihrer aktuellen Studie zur Durchlässigkeit von Schulsystemen kommt die Schulforscherin Gabriele Bellenberg zu dem Schluss: "Erst wenn es gelingt, auch einen Wandel in den Köpfen von Lehrkräften, Eltern und Verantwortlichen auszulösen – weg von Sitzenbleiben und Abschulen und hin zu individueller Förderung und Wertschätzung der Schüler – können allen Kindern und Jugendlichen faire Bildungschancen eröffnet werden."

Quelle: n-tv.de

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