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Zwischenbericht zum MH17-Absturz: Kreml-Theorie vorerst widerlegt?

Von Issio Ehrich

Das Dutch Safety Board veröffentlicht seinen Zwischenbericht zum Absturz von Flug MH17. Der Report enthält keine Schuldzuweisungen, auch das Wort Rakete kommt nicht vor. Und doch bringt er die Suche nach den Verantwortlichen womöglich ein gehöriges Stück voran.

Der Zwischenbericht zum Absturz von Flug MH17 enthält keine Schuldzuweisungen. Die waren aber auch nicht zu erwarten. Die niederländische Untersuchungsbehörde, das Dutch Safety Board (DSB), hat den Bericht im Einklang mit den Leitlinien der International Civil Aviation Organisation (ICAO) erstellt. Und in den Leitlinien dieser weltweit anerkannten Organisation spielen Kategorien wie Schuld und Verantwortung nur bedingt eine Rolle. Zwischenberichte sollen im Sinne der ICAO einen möglichst klaren Verlauf der Ereignisse schildern, Betriebsfehler aufspüren und dann Maßnahmen vorschlagen, die die Flugsicherheit verbessern. Die Leitlinien die ICAO beziehen sich auf die zivile Luftfahrt. Es geht um Pannen und Fehler, nicht um Abschüsse.

298 Menschen verloren beim Absturz von Flug MH17 ihr Leben. Die meisten stammten aus den Niederlanden. Deshalb übernahm das Dutch Safety Board die Ermittlungen.
298 Menschen verloren beim Absturz von Flug MH17 ihr Leben. Die meisten stammten aus den Niederlanden. Deshalb übernahm das Dutch Safety Board die Ermittlungen.(Foto: REUTERS)

Und in dieser Tradition steht auch der Zwischenbericht des DSB. Trotzdem bringt er die Suche nach einem Schuldigen womöglich ein gehöriges Stück weiter.

Kein Betriebsfehler

Laut dem DSB startet Flug MH17 am 17. Juli um 10.31 Uhr vom Amsterdamer Flughafen Schiphol. Das Ziel des Jets mit 298 Passagieren an Bord: Kuala Lumpur International Airport. Die ersten drei Stunden des Fluges verlaufen normal. Es ertönten keine Warnsignale im Cockpit. Auch die Kommunikation der Crew lässt keine Fehlfunktion erahnen. So zumindest die Quintessenz der Auswertung des Sprachrekorders und des Flugdatenschreibers. Und das DSB hat keine Hinweise darauf gefunden, dass diese manipuliert wurden. Auch die Triebwerke laufen rund. Hinweise auf menschliches Versagen gibt es nicht. Die Crew verfügt zudem über alle notwendigen Zertifikate und medizinischen Checks.

Um 13.20 Uhr befindet sich MH17 über dem Osten der Ukraine in der Nähe von Dnipropetrowsk. Von der hiesigen Flugaufsicht geht noch ein Funkspruch an die Crew. Doch der Funkspruch wird nie beantwortet.

Was um 13.20 Uhr in rund 10.000 Metern Höhe geschieht, was am Ende zum Absturz führt, all das erklärt das DSB nicht. Die Behörde gibt nur an, was sie an den Wrackteilen entdecken konnte: Spuren von Einschlägen vieler schneller "Objekte", die das Flugzeug von außen durchdrangen. Der Jet zerbrach demnach wahrscheinlich aufgrund dieser zerstörten Strukturen noch in der Luft.

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In dem Bericht heißt es: "Die Art des Schadens, der im Flugzeugrumpf zu beobachten war, passt nicht zu bekannten Betriebsfehlern beim Flugzeug, den Triebwerken oder dem System." Was die DSB so nüchtern und technisch schildert, bestätigt zwar nicht, was längst viele als Fakt angesehen haben: dass die Maschine abgeschossen wurde. Doch die Ausführungen untermauern diese These. Die vielen kleinen Einschlagslöcher sind typische Schäden bei einem Angriff mit Raketentypen, die kurz vor dem Ziel explodieren.

Wohl kein Kampfjet in der Nähe

Auch wenn es nicht die vordergründige Intention des DSB ist, der Bericht bringt womöglich auch die Suche nach dem Schützen voran - indem er eine beliebte Theorie des Kreml sehr unwahrscheinlich erscheinen lässt. Moskau sprach immer wieder davon, dass sich ein ukrainisches Kampfflugzeug kurz vor dem Absturz in der Nähe von MH17 aufhielt. Moskau schürte den Verdacht, dass Kiew für den Abschuss verantwortlich zeichnet. Noch Mitte Juli hieß es, dass sich ein Jet vom Typ Suchoi SU25 dem Passagierflugzeug auf bis zu fünf Kilometer genähert haben soll. Im Bericht des DSB heißt es dagegen: "Laut der Radar-Daten befanden sich zum Zeitpunkt drei zivile Flugzeuge im selben Kontrollraum wie Flug MH17. Alle standen unter der Aufsicht der Radarstation von Dnipro. Um 13.20 Uhr betrug die Entfernung des nächsten Flugzeuges 30 Kilometer." Von einem Miltitär-Jet ist keine Rede. Zudem handelt es sich bei der Suchoi SU25 um ein 40 Jahre altes Fabrikat, das über keine Stealth-Technologie verfügt. Auf den Radarbildern von Dnipropetrowsk hätte es mit großer Wahrscheinlichkeit also sichtbar sein müssen. Denn nach Angaben des Ukrainian State Air Traffic Services verfügt die betreffende Radarstation über primäres und sekundäres Radar. Zumindest theoretisch sind deshalb auch Flugzeuge ohne einen in der zivilen Luftfahrt üblichen Transponder sichtbar.

Endgültig ist diese Erkenntnis allerdings noch nicht. Schließlich handelt es sich beim nun vorgelegten Report lediglich um einen Zwischenbericht. Noch sind nicht alle verfügbaren Daten ausgewertet. Darauf weist das DSB an dieser Stelle des Berichts noch einmal ausdrücklich hin. Moskaus Theorie erscheint nun aber zumindest unwahrscheinlicher.

Für das Szenario, das der Westen zeichnet, sprechen dagegen weiterhin viele Indizien. Der geht davon aus, dass MH 17 von prorussischen Separatisten von einer Boden-Luftrakete abgeschossen wurde. Kurz nach dem Absturz brüstete sich ein führendes Milizmitglied in sozialen Netzwerken mit dem Abschuss eines Transportflugzeugs vom Typ Antonow AN26. Als sich herausstellte, dass an jenem 17. Juli kein Transportflugzeug über der Ukraine abgestürzt ist, sondern ein Passagierjet, wurden die Einträge gelöscht. Zudem berichtete der ukrainische Geheimdienst von abgehörten Funk- und Telefongesprächen, die auf dieses Szenario hindeuten.

Quelle: n-tv.de

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