Politik
Von 1981 bis 1987 moderierte Rudi Carrell "Rudis Tagesshow".
Von 1981 bis 1987 moderierte Rudi Carrell "Rudis Tagesshow".(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Carrells deutsch-iranischer Schlüpferstreit: Leg' dich nicht mit Mullahs an

von Christian Rothenberg

Ein besonders heikles Tondokument der deutsch-iranischen Beziehungen lagert unter Verschluss bei Radio Bremen. Vor 25 Jahren bringt Komiker Rudi Carrell die Bundesrepublik mit einem kurzen Spot über den damaligen iranischen Revolutionsführer an den Rand einer Staatskrise.

Zielscheibe des Sketches von Entertainer Rudi Carrell: Irans Ayatollah Khomeini.
Zielscheibe des Sketches von Entertainer Rudi Carrell: Irans Ayatollah Khomeini.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es ist das Jahr 1987. Gorbatschow kündigt die Perestroika an, Willy Brandt tritt als SPD-Parteivorsitzender zurück, die Barschel-Affäre verursacht ein öffentliches Rätsel, die Bundesregierung erhöht das Begrüßungsgeld für Besucher aus der DDR auf 100 DM. Und Rudi Carrell widmet am Abend des 15. Februar in seiner bekannten Satiresendung "Rudis Tagesshow" dem achten Jahrestag der eine ganz besonders liebevolle Bildmontage. Darin lässt der Entertainer verschleierte Iranerinnen Unterwäsche auf den Ayatollah werfen. "Ayatollah Khomeini wird von der Bevölkerung gefeiert und mit Geschenken überhäuft", sagt Carrell dazu süffisant. Dann ist der Sketch, der an Dreistigkeit von Carrells Nachahmern heute wohl täglich übertroffen wird, auch schon wieder vorbei. Nur 14 Sekunden dauert die Sequenz, aber sie reichen, um ein politisches Erdbeben auszulösen.

Kurz nach der Sendung klingelt bei Reinhard Schlagintweit, dem Nah- und Mittelost-Beauftragten des Auswärtigen Amtes, das Telefon. Der iranische Botschafter Mohammed Djavad Salari ist außer sich, empört über den Fernsehbeitrag und in seinen religiösen Gefühlen verletzt. Er fordert eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung. Doch die verweist nur auf die Meinungsfreiheit der Medien. "Wenn Dritte etwas machen, können wir es nur bedauern", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes über den Carrell-Witz.

Glückwunsch-Telegramme aus dem Irak

So nehmen die Ereignisse ihren Lauf. Der Iran zieht seinen deutschen Botschafter ab, verweist zwei deutsche Diplomaten, den stellvertretenden deutschen Botschafter sowie den Kulturattaché, des Landes und schließt seine Generalkonsulate in Hamburg und Frankfurt. In Teheran demonstrieren Studenten und schimpfen über das faschistische Deutschland, Iran-Air stellt seine Flüge nach Deutschland ein. Auch für das Teheraner Goethe-Institut bedeutet der Eklat das Ende. Im iranischen Fernsehen erfahren die Mitarbeiter von der Schließung. Sogar die Tagesschau berichtet über die Folgen von Carrells Sketch.

Carrell entschuldigte sich gegenüber dem Iran, erhielt aber trotzdem Morddrohungen.
Carrell entschuldigte sich gegenüber dem Iran, erhielt aber trotzdem Morddrohungen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Und Carrell? Der Entertainer entschuldigt sich beim iranischen Volk, er bedauert es, eine Gruppe von Menschen beleidigt zu haben. Es sei nicht seine Aufgabe, Leute zu ärgern. Der Niederländer, der es seinerzeit zum obersten humoristischen Chronisten der Bundesrepublik gebracht hatte und mit seiner Satiresendung heute als Vorreiter der politischen Comedy gilt, versteht die Welt nicht mehr. Er bekommt sogar Glückwünsch-Telegramme. Viele Diplomaten aus dem Irak, der in diesen Tagen gegen den Iran Krieg führt, sind von seiner Ayatollah-Nummer begeistert. Doch Carrell erhält auch Morddrohungen. In den folgenden Wochen sichern Polizisten sowohl sein Grundstück in der Nähe von Bremen als auch die Dreharbeiten am Set seiner Show. "Wenn es weiter eskaliert, könnte es das Ende meiner Karriere sein", soll Carrell in dieser Zeit gesagt haben.

Danach moderiert Carrell "Herzblatt"

Drei Sendungen nach Ausstrahlung der Ayatollah-Nummer und sechs Jahre nach Beginn der Reihe ist dann auch Schluss für "Rudis Tagesshow". Einen Zusammenhang zwischen dem Skandal und dem Ende der erfolgreichen Sendung bestreitet Michael Glöckner, der Sprecher von Radio Bremen, dem damals produzierenden Sender, auf Nachfrage von n-tv.de. Doch wenige Monate später moderiert Carrell schon die Flirtsendung "Herzblatt".

Im Jahr 2010, die diplomatischen Beziehungen zum Iran haben sich allmählich wieder beruhigt, bittet das Haus der Geschichte in Bonn um einen Mitschnitt für die Ausstellung zum Thema "Was darf Satire? Humor und Politik in Deutschland". Aber Radio Bremen verweigert die Herausgabe. Man habe damals intensiv darüber diskutiert, erinnert sich Sprecher Glöckner. "Wir haben den Beitrag dann nicht zur Verfügung gestellt, weil er damals zu erheblichen Kontroversen geführt hat und als ehrverletzend empfunden wurde." Und doch erinnert die Ausstellung schließlich mit der Tagesschau-Meldung und einem Brief des Senders an Carrells kleinen politischen Eklat aus dem Jahr 1987.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen