Politik
Bernd Lucke und Peter Gauweiler verstanden sich besser, als es den Anschein hatte.
Bernd Lucke und Peter Gauweiler verstanden sich besser, als es den Anschein hatte.

Überraschende Harmonie: Lucke umjubelt, Gauweiler muss zum Flieger

Von Christian Rothenberg

Viele Politiker halten nach wie vor Distanz zur AfD. CSU-Vizechef Peter Gauweiler gehört nicht dazu. Wie AfD-Chef Bernd Lucke ist er ein Euroskeptiker. Schon ist von einer Koalition in Brüssel die Rede.

Peter Gauweiler hat nicht viel Zeit. In gut einer Stunde muss er zum Flieger Richtung München. Aber wirklich eilig hat Vera Lengsfeld es deshalb nicht. Die 61-Jährige liest erst einmal ein paar Zeilen aus ihrem Buch vor. Es geht um die bewegten Tage im Herbst 1989, die friedliche Revolution. Es ist eine ungewöhnliche Einleitung.

Lengsfeld saß bis 2005 für die CDU im Bundestag, heute tritt sie als Sprecherin des Forums Demokratie auf. Die Bürgerinitiative veranstaltet die Podiumsdiskussion zum Thema "Bürgerbeteiligung in Europa" im Berliner Maritim Hotel in der Friedrichstraße. Es sollen gut 80 unterhaltsame Minuten werden, nicht nur dank Gauweiler. Doch schon der Start verläuft holprig. Und überhaupt: Irgendwie ist der Wurm drin an diesem Abend.

(Foto: Stephanie Pilick)

Daran hat auch Bettina Röhl ihren Anteil. Die Journalistin führt als Moderatorin durch die Diskussion. Zunächst spricht sie von Lengsfelds Vergangenheit in der Partei "Bündnis Grüne/ Die 90". Gelächter gibt es auch, als sie AfD-Chef Bernd Lucke als Nachfolger von Guido Westerwelle begrüßt. "Na, zumindest was Ihre Teilnahme in Talkshows betrifft", schiebt Röhl verschämt nach. Als wäre das nicht genug, klingelt dann auch noch Luckes Handy.

Über Sexualkunde will niemand reden

Große Kontroversen können die Zuschauer von den Diskutanten nicht erwarten. Neben Lucke, Gauweiler und Lengsfeld sitzt nur noch Christian Dürr, ein junger FDP-Politiker aus Niedersachsen, auf dem Podium. Vertreter von SPD, Grünen und Linken sucht man vergeblich. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch war eingeladen, sagte jedoch wieder ab. Das mag auch daran liegen, dass das Forum Demokratie parteipolitisch nicht so unabhängig ist, wie es gerne tut. Beatrix von Storch, die Vorsitzende und Gründerin des Vereins, gehört zum rechten Parteiflügel der AfD und kandidiert auf Listenplatz drei für die Europawahl.

Inhaltlich bringt die Debatte nicht viel Erhellendes. Attacken gegen die vermeintlich zwiespältige Einstellung der SPD zu Volksinitiativen sind öde, wenn kein Sozialdemokrat mitredet. Fragen zu geeigneten Themen und Hürden für Referenden verlaufen sich rasch. Sind Referenden über den Sexualkunde-Unterricht in Baden-Württemberg sinnvoll, will Röhl wissen, aber niemand geht darauf ein. Ob die Kanzlerin ihre Skepsis gegenüber direkter Demokratie ablegen könne? "Wenn ein Gedanke erstmal in der Welt ist, wird er sich auch durchsetzen", philosophiert Lengsfeld. Minuten später ätzt sie gegen die "Wischi-Waschi-Programme" der Parteien zur Europawahl. Mit einer Einschränkung: Das Programm der AfD habe sie noch nicht gelesen.

Häme, Pfiffe und Spott

Viel lieber richtet sich Moderatorin Röhl jedoch an die beiden Herrn zu ihrer Rechten: Lucke und Gauweiler. Mit dem Besuch des Bayern ist den Veranstaltern ein besonderer Coup gelungen. Zumindest einen Zweck erfüllt das gesellige Miteinander also. Es ist ein Zeichen für alle Freunde und Feinde: Seht her, die CSU setzt sich nicht nur auf ein Podium mit Lucke, sondern sogar direkt neben ihn! Wohin das führen kann? Vielleicht zu einer gemeinsamen Koalition, mutmaßt Röhl. Lucke und Gauweiler schauen etwas irritiert.

Aber allzu viel trennt die beiden nicht, das gilt vor allem für das Thema Europa. Es brauche eine Volksinitiative gegen das geplante Freihandelsabkommen, fordert Gauweiler und der AfD-Chef nickt. Wenn Lucke redet, mustert der Sitznachbar ihn. Die EU-Institutionen unterlägen keiner demokratisch legitimierten Kontrolle, beklagt Lucke und Gauweiler nickt. Im Interview mit n-tv.de hatte der CSU-Vize zuletzt noch gemahnt, die AfD im Blick zu haben. Diese wolle schließlich die CDU ersetzen. Doch von Meinungsverschiedenheiten oder Konkurrenz ist heute nichts zu spüren. Das Beschnuppern verläuft friedlich.

Für Lucke ist der Abend ohnehin ein Heimspiel, seine Beiträge belohnen die Zuschauer mit heftigem Beifall. Auch Gauweiler kommt gut an. "Das sage ich, als erfahrener Polemiker", ist so ein typischer Gauweiler-Satz, oder: "Die CSU ist doch eigentlich ganz okay. Ich wäre froh, wenn man sie auch in Berlin wählen könnte." Das sagt er, kurz bevor er freundlich verabschiedet wird.

Gauweiler ist gerade weg, da gibt es schließlich ein bisschen von jener Europa-Romantik, die bisher gefehlt hat. "Europa ist ein Wohlstandsprojekt. Deutschland hat davon immer profitiert", sagt FDP-Mann Dürr. Im Publikum trifft das auf wenig Gegenliebe. Häme, Pfiffe, Spott, Lucke räkelt sich grinsend im Sessel, der Liberale schaut betreten drein. Dürr wechselt daraufhin das Thema und kritisiert die Mütterrente der Bundesregierung. Doch Lucke gibt sich davon unbeeindruckt und legt noch einmal nach: "Sie können ja nicht alle meine Reden und Interviews lesen, Herr Dürr", setzt er an, und eine Frau in der dritten Reihe findet das sehr komisch. Peter Gauweiler darf das nicht mehr miterleben. Er muss ja zum Flieger Richtung München. Doch er will wiederkommen, das hat er versprochen.

Quelle: n-tv.de

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