Politik
Dienstag, 16. Oktober 2007

"Auf kein Talent verzichten": Mehr Bildung für Migranten

Die Bundesregierung will Zuwanderern und Kindern aus sozial schwachen Familien bessere Bildungschancen eröffnen. "Wir können auf kein einziges Talent, auf keinen Menschen in unserer Gesellschaft verzichten", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einem internationalen Symposium zur "Integration durch Bildung im 21. Jahrhundert".

Als Schwäche Deutschlands prangerte die CDU-Chefin an, dass hierzulande die Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft abhingen. Dies müsse sich ändern. Merkel wies darauf hin, dass inzwischen fast die Hälfte der Erstklässler einen Migrationshintergrund haben. Daher sei das Deutschlernen schon vor der Einschulung enorm wichtig. "Jeder junge Mensch, der in die Schule kommt, muss natürlich den Lehrer verstehen", sagte die Kanzlerin.

Fast jeder Fünfte hat einen Migrationshintergrund

Die Kanzlerin stellte fest, dass die Millionen Zuwanderer in den letzten Jahrzehnten die Bundesrepublik stark verändert haben. Heute habe in Deutschland fast jeder Fünfte einen Migrationshintergrund.

Viele dieser rund 15 Millionen Menschen, von denen die Hälfte inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hätten die Gesellschaft bereichert, lobte sie. So gebe es etwa unter den hier lebenden Türken rund 66.000 Selbstständige, die nach ihren Worten jährlich einen Umsatz von rund 70 Milliarden Euro erwirtschaften und rund 300.000 Jobs geschaffen haben. Merkel räumte allerdings ein, dass der deutsche Staat über viele Jahre der Herausforderung der Integration zu zaghaft begegnet sei.

Die Integrationsbeauftragte der Regierung, Staatsministerin Maria Böhmer, beklagte, dass in Deutschland zu viele Jugendliche aus Zuwandererfamilien die Schule ohne Abschluss verlassen und zu wenige Abitur machen. Sie und ihre Eltern, die oft schlecht Deutsch sprächen und nichts über das Bildungssystem wüssten, müssten besser gefördert werden.

Eine Möglichkeit dazu sei etwa eine bessere Verzahnung von Schulen mit den Betrieben, denn Praktika könnten die Motivation "schulmüder" Jugendlicher stark fördern.

Böhmer sagte, auch Lehrer müssten viel besser für den Umgang mit Kindern aus Zuwandererfamilien qualifiziert werden - sei es an der Universität oder in Weiterbildungsmaßnahmen.

Begabte ziehen an Deutschland vorbei

EU-Kommissionspräsident Jos Manuel Barroso betonte, Bildung und Arbeit seien zentrale Voraussetzungen für eine soziale Integration von Ausländern. Er beklagte, dass es EU-weit unter Migrantenkindern überdurchschnittlich viele Schulabbrecher gebe und viele von ihnen sich sogar schlechter integriert fühlten als die Generation ihrer Eltern.

Als Hauptgrund dafür identifizierte er die hohe Arbeitslosigkeit unter ihnen. Gelinge die Integration nicht besser, steige auch die Gefahr von Terrorismus und Kriminalität, warnte der Kommissionspräsident. Zudem nannte er es alarmierend, dass die USA weltweit rund 55 Prozent der gut ausgebildeten Einwanderer anzögen, die EU aber nur fünf Prozent.

Der Vorstandschef von Vodafone Deutschland, Friedrich Joussen, wies darauf hin, das der Wirtschaft in vielen Branchen Fachkräfte fehlten. Qualifizierte Zuwanderer fänden aber in anderen Staaten oftmals ein offeneres Klima als in Deutschland, beklagte er. Er schlug vor, den Zugang zu deutschen Universitäten nicht allein vom Abitur abhängig zu machen, denn dies benachteilige gerade Menschen mit Migrationshintergrund.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen