Politik
Zwischenstand: Die Kanzlerin spricht etwas mehr als der Herausforderer.
Zwischenstand: Die Kanzlerin spricht etwas mehr als der Herausforderer.(Foto: picture alliance / dpa)

Duell mit Kette: Steinbrück in Merkel-Land

Von Hubertus Volmer

Das TV-Duell zeigt: SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück ist der bessere Redner. Doch gegen Kanzlerin Merkel kommt er nicht an. Er scheitert an ihrer Erzählung von einem Land, in dem es allen gut geht.

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Schon wenige Minuten nach dem Ende des TV-Duells zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Peer Steinbrück hat der Twitter-Account "Deutschland Kette" mehr als 4500 Follower. "Sie trägt mich falsch! Ich bin doch nicht Belgien!", lautet der erste Eintrag. Das ist der spöttische Humor der Netzgemeinde: Seht her, Merkel versucht mit einer schwarz-rot-goldenen Halskette zu punkten, wie armselig!

Doch Merkels Kette in den Deutschlandfarben ist kein Zeichen für die Fantasielosigkeit der Bundeskanzlerin. Sie ist eine Metapher für diesen Wahlkampf: Merkel hat dafür gesorgt, dass über Halsketten gesprochen wird statt über die Eurokrise, die noch immer nicht beendet ist, die Energiewende, die zu scheitern droht, die unterfinanzierte Bildung, die marode Infrastruktur, die von Schulden geplagten Kommunen.

Im TV-Duell bleibt Merkel so vage, wie man es von ihr gewohnt ist. Als sie auf die von CSU-Chef Horst Seehofer geforderte Pkw-Maut angesprochen wird, wechselt sie einfach das Thema. Ihr gehe es darum, "dass wir nicht dauernd unser Land so schlecht malen", sagt Merkel. Zu Seehofers Maut-Plänen - der immerhin gedroht hat, keinen Koalitionsvertrag zu unterschreiben, der diese Maut nicht beschließt - sagt sie nur: "Wir werden ganz sicher einen Weg finden, dass alle miteinander zufrieden sind, und auch die Autofahrer."

"Relativ sensationell"

Das ist Merkel: Wir werden ganz sicher einen Weg finden, und dann sind alle zufrieden. Doch diese Runde geht an den Kanzlerkandidaten der SPD. Peer Steinbrück hakt noch einmal nach, ihm reicht Merkels Antwort nicht. Er will wissen, welche Konsequenzen Seehofers Forderung haben wird. "Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben", sagt die Kanzlerin schließlich. Und wundert sich, als sich alle wundern, dass sie sich einmal festlegt.

Die Deutschlandkette.
Die Deutschlandkette.(Foto: picture alliance / dpa)

So leicht hat Steinbrück es ansonsten nicht. Er attackiert die Bundeskanzlerin nach Kräften, bleibt dabei freundlich, vermeidet arrogante Töne. Er macht seine Sache gut, spricht die Zuschauer direkt an, skizziert seine Vorstellungen, macht Unterschiede zu Merkel deutlich. "Sozial ist, was gute Arbeit schafft, die anständig entlohnt wird", sagt er etwa und grenzt sich damit von Merkel ab, die zuvor betont hatte, "dass wir nichts tun dürfen, was Arbeitsplätze in Gefahr bringt".

Als Redner, so viel ist klar, ist Steinbrück Merkel so überlegen, wie die meisten dies vor dem Duell erwartet hatten. Denn Merkels Rhetorik ist so unklar wie ihre politische Linie. Auf die Frage, was denn wohl rauskomme, wenn sie den Wahl-O-Mat durchklicke, antwortet die CDU-Vorsitzende: "Ich glaube, dass da gut CDU rauskommen kann." Über die schwarz-gelbe Haushaltspolitik sagt Merkel: "Was wir geschafft haben in den letzten vier Jahren ist ja wirklich relativ sensationell." Nicht einmal in diesem Punkt will Merkel sich festlegen.

Keine Experimente

Viel lieber als die Festlegung ist ihr die Betonung der großen Gemeinsamkeiten. Dass Geld in Bildung, Infrastruktur, Schuldenabbau und Kommunen gesteckt werden müsse, sei "ja gar kein strittiger Punkt unter uns". Die Garantieerklärung der deutschen Spareinlagen, die sie 2008 bei dem legendären Auftritt gemeinsam mit Steinbrück ausgesprochen hatte, die gelte, sagt Merkel, "Ich glaube, da sind wir uns einig". Und sie lobt den Kurs de r Sozialdemokraten in der Euro-Politik: "Ich fand es gut und richtig, dass die SPD die meisten Entscheidungen mitgetragen hat."

Ihre Botschaft ist: Alles ist gut. Wenn etwas nicht gut ist, dann wird sie sich darum kümmern. "Da muss man weiter arbeiten", sagt Merkel über das Gesundheitssystem, das "insgesamt" jedoch "sehr zuverlässig" sei. Steinbrück widerspricht: "Ich sage voraus, dass das derzeitige System in fünf bis sechs Jahren an die Wand fährt."

Das ist der Kern: Merkel zeichnet das Bild eines Landes, dem es im Grundsatz gut geht. Steinbrück dagegen sieht ein Land, in dem viel liegengeblieben ist, in dem vieles falsch läuft oder doch zumindest sehr bald falsch laufen wird. Das macht er gut, doch gegen die Hegemonie der Kümmer-Kanzlerin kommt er nicht an. Er bleibt ein Gast in ihrer Welt. "Wem können die Menschen mehr vertrauen, dass es Deutschland gut geht?", fragt Merkel. Die Frage entspricht dem inoffiziellen Wahlkampfmotto der CDU: Keine Experimente.

"Wenn Sie möchten, dass ich weiter als Ihre Bundeskanzlerin arbeiten kann, dann bitte ich Sie um Ihre Unterstützung und Ihre beiden Stimmen für die CDU", sagt Merkel am Ende ihres Schlussworts. "Wir können das alles nur gemeinsam schaffen. Und jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Abend." In Merkels Deutschland geht es nicht um Probleme. In Merkels Deutschland geht es darum, dass alle einen schönen Abend haben. Die Netzgemeinde mag über Merkel und ihre Deutschlandkette spotten. Doch die Mehrheit der Wähler, das zeigen die Umfragen, teilt ihre Erzählung.

Quelle: n-tv.de

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