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Eines der Bilder, die laut der Shebab-Miliz, einen der getöteten französischen Soldaten und seine Ausrüstung zeigen.
Eines der Bilder, die laut der Shebab-Miliz, einen der getöteten französischen Soldaten und seine Ausrüstung zeigen.(Foto: dpa)

Tote französische Soldaten in Somalia: Milizen stellen Leiche zur Schau

Der Versuch französischer Spezialkräfte, einen Landsmann in Somalia aus mehrjähriger Geiselhaft zu befreien, endet in einem wüsten Feuergefecht mit 20 Toten. Die Geiselnehmer versuchen nun, die gescheiterte Mission der Franzosen mit makaberen Mittel für ihre Propaganda auszuschlachten.

Der gescheiterte Einsatz französischer Spezialkräfte in Somalia wirft etliche Fragen auf: Welche Rolle spielten die USA beim dem Versuch, eine französische Geisel aus den Händen der Shebab-Miliz zu befreien? Lebt die Geisel noch? Und: Können die radikalen Islamisten die gescheiterte Mission für ihre Propaganda ausschlachten?

Seine Befreiung ist gescheitert, sein Schicksal unklar: Denis Allex, in einem undatierten Video seiner Geiselnehmer (Archivbild).
Seine Befreiung ist gescheitert, sein Schicksal unklar: Denis Allex, in einem undatierten Video seiner Geiselnehmer (Archivbild).(Foto: dpa)

Sicher ist mittlerweile: Die Vereinigten Staaten haben ihrem Nato-Partner Frankreich bei dem glücklosen Versuch Unterstützung geleistet, einen französischen Staatsbürger aus den Händen von Islamisten in Somalia zu befreien.

Die Hilfe bei der gescheiterten Aktion habe sich jedoch lediglich auf "begrenzte technische Unterstützung" beschränkt, erklärte US-Präsident Barack Obama in einem Schreiben an den Kongress. Als Oberbefehlshaber über das Militär darf er geheime Kommandoaktionen autorisieren, muss sie jedoch anschließend vor den Abgeordneten rechtfertigen.

"US-Kampfflugzeuge traten kurzzeitig in somalischen Luftraum ein, um die Rettungsaktion falls nötig zu unterstützen", teilte Obama mit. Die Flugzeuge hätten aber "ihre Waffen während der Operation nicht eingesetzt". Bis zum Abend hätten alle US-Einheiten Somalia wieder verlassen.

Die französische Armee hatte am Freitag versucht, mit einer Kommandoaktion einen französischen Geheimagenten zu befreien, der sich seit mehr als drei Jahren in den Händen der islamistischen Shebab-Miliz befand. Der Einsatz der Elitekräfte im somalischen Hinterland rund 100 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Mogadischu lief komplett aus dem Ruder und mündete schließlich in ein tödliches Fiasko. Den französischen Soldaten gelang es offenbar nicht, die Kontrolle vor Ort zu erlangen und den Widerstand der Islamisten zu unterdrücken.

Widersprüchliche Angaben

Neben dem 2009 verschleppten Geheimagenten Denis Allex seien auch zwei französische Soldaten ums Leben gekommen, teilte Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian mit. Allex sei von den Geiselnehmern getötet worden. "Alle Hinweise bestätigen uns in dieser Annahme", sagte Le Drian. Auf somalischer Seite seien bei der Aktion 17 mutmaßliche Kämpfer der Islamisten ums Leben gekommen.

Eine fehlgeschlagene Mission befehligt, die Geisel tot und einen Mann zurückgelassen? Francois Hollande steht in der Verantwortung.
Eine fehlgeschlagene Mission befehligt, die Geisel tot und einen Mann zurückgelassen? Francois Hollande steht in der Verantwortung.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Al-Shebab-Miliz, die Allex im Juli 2009 aus einem Hotel in der somalischen Hauptstadt Mogadischu entführt hatten, dementierte dagegen den Tod der Geisel. Allex sei am Leben und befinde sich weitab von dem Schauplatz der Aktion in Sicherheit. Binnen zwei Tagen werde über das weitere Schicksal von Allex entschieden, drohten sie. Beobachter werteten den offenen Widerspruch zur offiziellen französischen Darstellung als Täuschungsversuch. Sollten die militanten Islamisten jedoch recht haben, dürfte sich die Situation durch die gescheiterte Befreiung erheblich verschlimmert haben.

Elitesoldat in Gefangenschaft

Bei dem rund 45-minütigen Feuergefecht hätten die Rebellen zudem nicht nur zwei Franzosen getötet, sondern einen weiteren, verletzten französischen Soldaten in ihre Gewalt gebracht, erklärte die Miliz. Zuletzt hieß es schließlich aus Somalia, auch er sei gestorben. Der Franzose sei seinen Schussverletzungen erlegen, teilte ein Sprecher der Rebellen mit. "Unser Medizinerteam hat versucht, ihm zu helfen, aber er hatte keine Chance", fügte er hinzu. Seine Leiche und die seines bereits am Freitag während des Gefechts getöteten Kameraden würden zur Schau gestellt.

Im Internet-Kurzbotschaftendienst Twitter veröffentlichte die Shebab kurz darauf drei Fotos von der Leiche eines weißen Manns. Auf einem der Bilder war nur das Gesicht, auf den beiden anderen auch weitere Teile des Körpers zu sehen. Tödliche Verletzungen ließen sich auf den Fotos nicht eindeutig ausmachen.

Die Islamisten gaben in Bildunterschriften an, bei dem Toten handle es sich um den Kommandeur der gescheiterten Befreiungsaktion. Der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault verurteilte die Veröffentlichung der Fotos als "besonders abscheuliche Zurschaustellung".

Die Bilder könnten für erhebliche politische Dynamik sorgen - ähnlich wie im Fall von zwei getöteten US-Soldaten, die somalische Milizen nach der "Schlacht von Mogadischu" im Herbst 1993 zur Schau stellten.

In Washington hatten die Zahl der eigenen Todesopfer und die Eindrücke von der Schändung der Leichen der Soldaten dazu beigetragen, dass sich die USA aus ihrem Engagement für Somalia zurückzogen und das Land dem Zerfall überließen. Es ist wahrscheinlich, dass die Al-Shebab-Milizen nun einen ähnlichen medienwirksamen Propagandaerfolg für sich erzielen wollen.

Möglicherweise auch Zivilisten getötet

Verlässliche Angaben sind aufgrund der Lage vor Ort schwer zu bekommen. Nach Angaben somalischer Anwohner sollen bei der Schießerei nicht nur mehrere Al-Shebab-Kämpfer ihr Leben verloren haben, sondern mindestens auch acht Zivilisten.

Der katastrophale Fehlschlag im somalischen Hinterland bringt das französische Militär international in Erklärungsnot: Die Regierung in Paris muss sich nun rechtfertigen, warum sie sich für den Einsatz von Waffengewalt in feindlichem Territorium entschied und damit jede Hoffnung auf eine Verhandlungslösung aufgab.

Die Entführer hätten den Franzosen unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten, erklärte das französische Außenministerium. Deshalb habe sich die Regierung zu dem Einsatz entschlossen. Allex war als Agent des Auslandsgeheimdienstes Direction Generale de la Securite Exterieure, der als Militärbehörde dem Verteidigungsministerium untersteht, in Somalia tätig.

Späte Bitte um US-Unterstützung

Offen blieb in den Stellungnahmen aus Paris und Washington, warum die Franzosen auf das Wagnis eines militärischen Alleingangs bestanden und dabei auf die Unterstützung erfahrener Kommandosoldaten aus den USA verzichteten. US-Medienberichten zufolge drangen die Einheiten der US-Luftwaffe erst in den somalischen Luftraum ein, als sich die bedrängten Franzosen bereits in ein hartnäckiges Feuergefecht mit einem offenbar gut vorbereiteten Gegner verwickelt sahen. Unklar blieb, ob die Unterstützung aus Luft aufgrund der Lage vor Ort nicht möglich war, oder ob die Franzosen auf die Hilfe der Amerikaner bewusst verzichteten.

Die Al-Shebab-Miliz hat in der Vergangenheit in Somalia zahlreiche Anschläge verübt. Sie versucht seit Jahren, im Süden des Landes einen islamischen Staat zu errichten und bekämpft die Übergangsregierung in Mogadischu. Für die Freilassung ihrer Geisel Denis Allex hatten die Islamisten eine Reihe von Forderungen gestellt. So verlangten sie, dass Frankreich seine Unterstützung für die Regierung Somalias einstellt und die Afrikanische Union (AU) ihre Friedenstruppen abzieht. Aus der Sicht der französischen Regierung mussten das uneinlösbare Forderungen bleiben. Die Soldaten der AU-Mission unterstützen in dem weitgehend rechtslosen Land am Horn von Afrika den Kampf gegen die Rebellen.

Quelle: n-tv.de

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