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Markige Anti-Russland-Plakate in der polnischen Hauptstadt Warschau.
Markige Anti-Russland-Plakate in der polnischen Hauptstadt Warschau.(Foto: AP)

Russlands Rolle in der Ukraine: "Moskau setzt auf die Gewaltoption"

Die Rebellen im Osten der Ukraine sind von externer Hilfe abhängig - in Form von Propaganda, Kämpfern und Finanzmitteln, sagt Osteuropa-Forscherin Margarete Klein im Gespräch mit n-tv.de. Der Einsatzwille der Bevölkerung ist gering, Moskau aber setze auf Gewalt. Die Folge: ein enormer Vertrauensverlust.

n-tv.de: Frau Klein, wie sind Kämpfer der Rebellen in der Ostukraine organisiert und wie schätzen Sie ihre Mannstärke ein?

Margarete Klein: Es wird geschätzt, dass circa 7000 bis 15.000 Kämpfer auf Seiten der Rebellen stehen. In der Vergangenheit gab es unter den Rebellen viele konkurrierende Gruppierungen, die sich teils gegenseitig verdrängt haben. Eine besondere Position hat Igor Girkin alias Strelkow inne, der in Donezk versucht, eine Art Rebellenarmee unter einheitlichem Kommando aufzubauen.

Inwiefern werden die Separatisten aus Moskau unterstützt? Gibt es dafür Belege?

Die Unterstützung aus Moskau erfolgt auf ganz unterschiedliche Weise. Zunächst die Propaganda, die Freiwillige in Russland glauben lässt, sie müssten ihr sogenanntes Brudervolk verteidigen. Das hilft den Rebellen bei der Rekrutierung neuer Kämpfer und gibt ihnen eine Legitimation nach außen. Zudem belässt es Russland bei einer durchlässigen Grenze, die diese Kämpfer mitsamt Kriegsgerät problemlos überqueren können.

Woher kommen die Waffen?

Dr. Margarete Klein forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik zu Osteuropa und Eurasien.
Dr. Margarete Klein forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik zu Osteuropa und Eurasien.(Foto: SWP Berlin)

Es ist schwer zu beweisen, woher die Waffen kommen, aber wie die Rekrutierung stattfindet, darüber gibt es einige Erfahrungsberichte von Rückkehrern. Viel läuft demnach über soziale Netzwerke. Dann kommt es zu Treffen mit einer Kontaktperson, beispielsweise in Moskau, danach geht es für zwei Wochen in ein Trainingslager in den Süden Russlands, wo die Rekruten ausgebildet und mit Waffen ausgestattet werden. Dann überqueren sie nachts die Grenze in Richtung Ukraine.

Wie wird das alles bezahlt?

Wenn die Unterstützung von außen wegbricht, würde der gewaltsame Widerstand gegen Kiew im Osten des Landes wahrscheinlich schnell in sich zusammenfallen. Einzelne Gruppierungen gäbe es weiterhin, aber die könnten sich gegen die Regierungstruppen kaum zur Wehr setzen. Der militärische Arm der Rebellen lebt von der Unterstützung aus Russland. Daneben scheinen auch der ukrainische Ex-Präsident Viktor Janukowitsch und ostukrainische Wirtschaftsbosse die Rebellen zu unterstützen.

Was würde passieren, wenn die Zivilbevölkerung genug von den Kämpfen hat?

Die Unterstützung für die Rebellen ist in der Bevölkerung nicht besonders groß. Zwar lehnen viele im Osten der Ukraine die Führung in Kiew ab, aber sie wollen keine gewaltsame Auseinandersetzung. Igor Strelkow hat sich immer wieder unwahrscheinlich darüber aufgeregt, dass in einer Millionenstadt wie Donezk nicht ein paar Tausend Männer bereit sind, für die Sache der Rebellen einzutreten. Er hat also Probleme, Truppen aus der lokalen Bevölkerung zu rekrutieren. Das erklärt auch den hohen Anteil externer Kämpfer bei den Separatisten, also russischer, oder auch tschetschenischer, ossetischer und armenischer Herkunft. Dass die Separatisten fast nur aus lokalen Milizen in der Ostukraine bestehen, ist eine Erzählung, die Moskau natürlich gerne aufrechterhält. Darauf sollte der Westen nicht hereinfallen.

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit der Ukraine das Wort Stellvertreterkrieg. Wie realistisch ist das?

Der Konflikt ist kein Stellvertreterkrieg. Das würde heißen, dass die ukrainische Seite Stellvertreter des Westens ist. Die russische Führung hat Angst, dass ihr die Ukraine entgleitet und hat keine politischen Gegenstrategien. Deshalb setzt Moskau auf die Gewaltoption. Die Vorstellung einer Eurasischen Union hat nicht überall Anhänger, das muss Russland derzeit schmerzhaft feststellen. Die Ukraine ist ein Schlüsselland und Moskau glaubt offenbar, dass kontrollierte Instabilität eine wirksame Taktik sein kann. Das ist sehr gefährlich. Denn die Geister, die Putin rief, die Separatisten und Nationalisten, wird er vielleicht so schnell nicht wieder los. Dazu kommt der Vertrauensverlust des Westens gegenüber Russland, der enorm ist.

Was wird als Nächstes passieren?

Nach dem Flugzeugabsturz wird die Ukraine ihre Antiterror-Operation intensivieren und Kiew damit noch härter gegen die Rebellen vorgehen. Auf der anderen Seite wird Russland die Separatisten zugleich wohl weiter unterstützen - aber es ist kaum vorstellbar, dass das offen geschieht. Hätte Wladimir Putin bereits eine Chance gesehen, den Absturz der Passagiermaschine der ukrainischen Führung anzuhängen, hätte er das getan.

Mit Margarete Klein sprach Roland Peters

Quelle: n-tv.de

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