Politik
Das Blatt L'Espresso macht mit einem Dossier über "Nazitalia" auf.
Das Blatt L'Espresso macht mit einem Dossier über "Nazitalia" auf.
Mittwoch, 30. August 2017

Rechtsradikale in Italien: Mussolini wird wieder salonfähig

Von Andrea Affaticati, Mailand

Ein Priester, der Flüchtlinge ins Schwimmbad mitnimmt, wird im Netz aufs Schlimmste angegriffen. An einem Badestrand wird Mussolini verherrlicht, doch die Gäste sehen darin eher Jux als eine Straftat. Der Faschismus erlebt in Italien eine Renaissance.

Don Massimo Biancalani, Priester in Vicofaro, einem Vorort der toskanischen Stadt Pistoia, hatte Anfang voriger Woche die Fotos auf Facebook gepostet: Man sah junge Flüchtlinge aus Afrika, die glücklich im einem der städtischen Schwimmbäder herumplantschen. Darunter stand: "... und heute Schwimmbad!!! Sie sind meine Heimat, die Rassisten und Faschisten meine Feinde!"

Es dauerte nicht lange, bis der Vorsitzende der Lega Nord Matteo Salvini zurückpostete: " Massimo Biancalini ist Anti-Lega, Anti-Italien, Antifa-Priester, er predigt in Pistoia. Das ist keine Fake News. Na dann, schönes Bad".

"Regeln: Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Strenge" - ein Schild am Strand Punta Canna.
"Regeln: Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Strenge" - ein Schild am Strand Punta Canna.(Foto: AP)

Salvinis Eintrag war so etwas wie ein Startschuss. Die meisten Kommentare zur Schwimmbadaktion des Priesters waren fremdenfeindliche Hasstiraden bis hin zu Morddrohungen. Auch die Rechtsradikalen von Forza Nuova meldeten sich schnell zu Wort und verkündeten der nächsten Sonntagsmesse beiwohnen zu wollen, um nach dem Rechten zu sehen und "über die Doktrin zu wachen".

Und dann kamen sie auch, wenngleich in einer überschaubaren Gruppierung von fünfzehn Leuten und im Geleit der Sicherheitskräfte. Ihnen gegenüber stand, eine bis dahin auf diesem Kirchenplatz nie gesehene Menschenmenge, die sie mit Wörtern wie "Faschisten" und "schämt euch" empfing. Don Massimo gab stattdessen jedem einzelnen von ihnen die Hand und bläute ihnen noch vor dem Betreten der Kirche ein: "Jungs, benehmt euch anständig". Und so saßen sie dann Seit an Seit, rechts die Gruppe von Forza Nuova, links die vom Priester aufgenommenen Flüchtlinge, fast alle Muslime. "Die Kirche ist das erste Feldlazarett" predigte Don Massimo vom Pult und scheute es auch nicht die Flüchtlingspolitik der Regierung zu kritisieren.

Der Vorfall in Pistoia kann mittlerweile als paradigmatisch für den Vormarsch der Rechten in Italien stehen. Die Stadt war bis vor kurzem eine der letzten Hochburgen des Mitte-Links Lagers, daher auch der Spitzname "Pistoia la rossa". Doch bei den letzten Gemeindewahlen vor zwei Monaten gewann, unterstützt von der rechten Partei Fratelli d’Italia, Lega Nord und Berlusconis Forza Italia der Kandidat Alessandro Tommasi, selbst einmal Mitglied der Rechten Partei Alleanza Nazionale.

"Nazitalia"

Die Rechte wird immer mutiger. Allein in den ersten sieben Monaten des Jahres verübten sie neun Angriffe, sprich Anschläge gegen Migranten oder Stadtverwaltungen, die ihnen eine Unterkunft zugewiesen hatten. Die Wochenzeitung "L’Espresso" veröffentlichte Ende Juli ein Dossier über "Nazitalia". "Die Migranten und die Wirtschaftskrise sind das Benzin mit dem sie wachsenden Konsens ernten", stellte die Zeitung fest. Wobei die Bagatellisierung dieser "Re-Faschistisierung" seitens der Bevölkerung noch beängstigender erscheint. Wie im Fall von "Punta Canna", einem Strandbad in Chioggia, nicht weit von Venedig entfern.

Im Juli sorgte dieses mittlerweile in "Duce-Strand" umgetaufte Fleckchen für internationale Schlagzeilen. Ein großes Schild mit Mussolins Konterfei warnte die Besucher schon beim Eintritt: "Antidemokratische Regime-Zone. Wem’s nicht passt, der soll sich verpissen". Damit aber nicht genug. Entlang des Pfads, der zum Meer führt, waren Holztafeln mit weiteren faschistischen Parolen aufgestellt: "Regeln: Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Strenge"; "Strandservice nur für Kunden, wer nicht pariert, der kriegt eine drauf." Und diese Sprüche gehörten noch zu den harmloseren.

Im Schatten der Sonnenschirme hörte man Duce Lobpreisungen, las man in einem Bericht der Tageszeitung "la Repubblica", die den Fall an die Öffentlichkeit brachte. Der Betreiber Gianni Scarpa, ein bulliger 64 Jähriger mit gelbem Stirnband und einer Sammlung von Duce Memorabilia in seinem Büro, verteidigte seine Einstellung auch vor laufenden Kameras, obwohl in Italien die Verherrlichung des Faschismus strafbar ist. Jetzt läuft ein Verfahren gegen ihn. Geschadet hat es aber nicht. Zwar musste er einige Schilder entfernen, dafür wurde sein Strandbad diesen Sommer zur Pilgerstätte von Neugierigen und Nostalgikern. Das Geschäft läuft also prima. Untere den Gästen bekannten sich einige offen zum Faschismus, andere meinten, man sollte das alles nicht so ernst nehmen, sondern als Jux verstehen. Dass rechtsradikale Gedankengut scheint in Italien zunehmend salonfähig zu werden.

Quelle: n-tv.de

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