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"Sexuelle Allmachtsphantasien": NRW-Minister erklärt die schreckliche Silvesternacht

Von Christoph Herwartz, Düsseldorf

Ein Bericht der NRW-Regierung zeigt die widerlichen Taten aus der Silvesternacht in Köln. Nicht alle Fragen dazu kann der Innenminister beantworten.

Ralf Jäger muss nun reden. Er hat sich lange Zeit gelassen, sich ausführlich zu den Vorkommnissen an Silvester zu äußern. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen wollte erst alle Erkenntnisse zusammentragen darüber, was sich vor dem Kölner Hauptbahnhof abgespielt hat und warum die Polizei es nicht verhindern konnte. Nun, da er seinen etwa 60 Seiten starken Bericht vorlegt, versucht er offensiv zu wirken. Auf keinen Fall darf der Eindruck der Vertuschung entstehen. Die Polizei steht bei einigen ohnehin schon in Verdacht, die Lage lange beschönigt zu haben. Zumindest hat sie wohl bewusst die Herkunft der mutmaßlichen Täter verschwiegen.

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Jäger muss also etwas vorlegen. Und was er vorlegt, ist zunächst einmal eine Liste, in der die angezeigten Taten von Köln beschrieben werden. In Stichworten ist dort notiert, was die Frauen in Köln durchmachen mussten: "Angrapschen mit Diebstahl, Schritt fassen", steht da. "Bei allen wurde versucht, Finger in Scheide einzuführen" oder "Gruppe 20 Männer (Nafri) hielt GES fest und griffen vorne in Hose. Anschließend wurde Geldbörse entwendet". Das Kürzel "Nafri" steht für "Nordafrikaner", "GES" steht für "Geschädigte". Über 13 Seiten erstreckt sich diese Liste.

"Nach dem Alkohol- und Drogenrausch kam der Gewaltrausch. Und er gipfelte in sexuellen Allmachtsphantasien", beschreibt Jäger das Bild, das er sich von dieser Nacht gemacht hat. Gewalttäter hätten sich aus der großen Masse gelöst, Frauen eingekesselt und attackiert. Überwiegend seien es Nordafrikaner gewesen, die aus unterschiedlichen Städten angereist waren. Jäger betont damit den Unterschied zwischen den rund tausend aufgeputschten Männern, die in gewalttätiger Art und Weise auf dem Vorplatz marodierten, und den Männern, die aus diesem Mob heraus Straftaten begangen haben.

"1000 Männer treffen sich nicht zufällig"

Er stellt die Lage also wie folgt dar: Es muss eine Verabredung gegeben haben, die dazu führte, dass sich die Tausend Mann starke, relativ homogene Gruppe zwischen Dom und Hauptbahnhof zusammenfand. Dann schaukelte sich die Menge in ihrer Gewalttätigkeit hoch. Männer schossen Silvesterraketen von der Freitreppe an der Südseite des Bahnhofsvorplatzes in die Menge. Dann räumte die Polizei den Platz. Die vorgelegte Liste der angezeigten Straftaten zeigt, dass die meisten Straftaten erst danach stattfanden. Von den 170 Straftaten, die am 7. Januar der Polizei bekannt waren, fanden etwa 30 vor der Räumung statt. Diese Straftaten, so stellt es Jäger dar, seien eher nicht abgesprochen gewesen. Die reinen Diebstähle und Raubüberfälle waren dabei in der Minderheit. Bei den meisten Taten habe das sexuelle Vergehen im Vordergrund gestanden.

Die vorgelegte Liste der Tatverdächtigen bestätigt, dass die Mehrzahl dieser Leute aus Nordafrika stammt. Das wichtigste Land ist Marokko. Es sind viele Asylbewerber und einige Männer ohne Aufenthaltsstatus darunter.

In entscheidenden Fragen sind die Ermittler noch nicht weitergekommen. "Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass sich 1000 Menschen nicht zufällig treffen", sagt Jäger. Alles weitere ist Spekulation: Wie haben sie sich verabredet und wer hat diese Verabredung initiiert? War Gegenstand der Verabredung, "ausgelassen Silvester zu feiern", wie es Jäger bewusst überspitzt ausdrückt? Oder war von vornherein geplant, Diebstähle und sexuelle Übergriffe zu begehen?

Entlastet ist Jäger nicht

Parallel zu diesen Fragen läuft die Aufarbeitung des Polizeiansatzes. Die nordrhein-westfälische Opposition nimmt Jäger unter Beschuss und versucht, ihm eine möglichst direkte Verantwortung für die Geschehnisse, gar für die rechten Umtriebe, die seitdem in Köln zu beobachten sind, zuzuschieben. Jäger gibt zu, dass es massive Fehler bei der Polizei gegeben habe. Eine verfügbare Verstärkung sei nicht angefordert worden. Der Grund dafür sei eine Kommunikation unterschiedlicher Stellen, die man nur als katastrophal bezeichnen kann. Im Bericht des Ministeriums steht, dass "an allen Stellen nur Teilinformationen aber an keiner Stelle eine umfassende Lageübersicht vorlag, die eine aktuelle und sachgerechte Bewertung zugelassen hätte". Dies sieht Jäger als die Ursache des gescheiterten Einsatzes an.

Ist er damit entlastet? Ganz und gar nicht. Denn die Frage ist, warum Kommunikationswege nicht festgelegt sind und sich offenbar keine Stelle dafür verantwortlich fühlt, die Informationen zu sammeln. Verantwortlich für solche Organisationsfragen war Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers. Jäger hat ihn mittlerweile in den Ruhestand versetzt, in vielen anderen Situationen nahm Jäger Albers aber schon offensiv in Schutz. Bislang hatte das Ministerium also an Albers Amtsführung offenbar nichts auszusetzen – was jetzt auf das Ministerium zurückfällt.

Die Oppositionsparteien CDU und FDP werden Jäger darüber hinaus vor, Ablenkungsmanöver zu starten und nicht genug zu informieren. So erhielten die Abgeordneten auch den etwas unübersichtlichen Bericht erst mit Beginn der Ausschusssitzung. Gezielte Fragen zu stellen, ist so wesentlich schwieriger.

Quelle: n-tv.de

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