Politik

Obama appelliert an Afro-Amerikaner"Nehmt das Schicksal in die Hand"

17.07.2009, 16:44 Uhr

Zum 100-jährigen Bestehen der Bürgerrechtsorganisation NAACP hat US-Präsident Obama seine leidenschaftlichste Rede gehalten. Noch immer haben Afro-Amerikaner schlechtere Chancen als Weiße - Obama rief die Schwarzen jedoch zugleich dazu auf, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

2lav5809-jpg3903172062386471711
"Es gibt keine Entschuldigung": Barack Obama bei seiner Rede vor dem NAACP. (Foto: dpa)

Es war die leidenschaftlichste Rede, die er bislang als Präsident der Vereinigten Staaten gehalten hat. Das war nicht der ewig coole Barack Obama, der in New York vor das Podium trat. Nicht der agile Obama, der täglich in die Kameras blickt, immer lächelt - ob beim Thema Bankenkrise, Gesundheitskrise oder Afghanistan-Krieg. Ein halbes Jahr hat der erste schwarze US-Präsident gebraucht, bis er sich an eines der heikelsten Themen heranwagt. Die Rassenfrage, die tägliche Benachteiligung der Schwarzen - ein delikateres Thema kann es für einen Afro-Amerikaner im Weißen Haus kaum geben.

Niemals zuvor hat Obama derart leidenschaftlich, derart engagiert versucht, die schwarze Minderheit aufzurütteln, aus der Lethargie zu reißen. Obama, Sohn eines Austauschstudenten aus Afrika und einer weißen Amerikanerin, nahm bei seiner Rede zum 100-jährigen Bestehen der Bürgerrechtsorganisation NAACP kein Blatt vor dem Mund. Er beließ es nicht bei der üblichen "politisch korrekten" Klage über die nach wie vor bestehenden Rassenschranken.

"Euer Schicksal liegt in Eurer Hand!"

"Keine Entschuldigung!", lautete seine knallharte Botschaft. Statt ewig über die eigene Benachteiligung zu jammern, statt sich in der Opferrolle einzurichten, sollen die Schwarzen endlich mehr eigene Anstrengungen unternehmen, den Aufstieg aus der Misere suchen. Der Schlüsselsatz der Rede hieß: "Niemand hat das Schicksal für Euch vorgezeichnet. Euer Schicksal liegt in Eurer Hand!" Kein Zweifel: Ein weißer Präsident hätte die Rede so nicht halten können. "Eine aufwühlende Predigt", kommentierte die "New York Times".

obama
Als Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt wurde, weinten viele Afro-Amerikaner vor Glück. (Foto: REUTERS)

Natürlich, Obama sprach auch vom Leidensweg der Schwarzen. Er sprach von Sklaverei, von Lynchjustiz, von alten und neuen Barrieren. Noch heute hätten Afro-Amerikaner schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, geringere Bildungschancen und landeten häufiger im Gefängnis : "Machen wir uns nichts vor: Die Schmerzen der Diskriminierung sind in Amerika noch immer zu spüren", sagte Obama. Doch das war gleichsam nur Einleitung, ein Stück Seelenmassage für die Schwarzen. Dann kam die Philippika.

Neue Haltung gefordert

Am schlimmsten sei es, dass sich viele Schwarze mit ihrem Status als Bürger zweiter Klasse abgefunden und diese Rolle verinnerlicht hätten. Schwarze Eltern müssten sich mehr um ihre Kinder kümmern, ihnen bei den Hausaufgaben helfen, für ihren Schulerfolg sorgen. "Das heißt, die Computerspiele wegräumen, die Kinder zu einer vernünftigen Zeit ins Bett stecken."

Worüber Obama sprach, war allen im Raum klar, es ging um eines der traurigsten Kapitel: Die Vernachlässigung von Kindern in schwarzen Familien. "Wir brauchen eine neue Mentalität, eine neue Haltung", sagte Obama. Seine Stimme schien sich beinahe zu überschlagen. Jedem im Saal war klar, der Präsident spricht aus tiefster Seele.

Rassenfrage krampfhaft ausgeklammert

Die Lage der Schwarzen, das Verhältnis von Schwarz und Weiß - normalerweise meidet Obama dieses Thema. Vor allem im Wahlkampf versuchte er, dass Thema geradezu krampfhaft auszuklammern. Es waren die Auftritte seines ehemaligen radikalen schwarzen Pastors Jeremiah Wright ("Gott verdamme Amerika"), die ihm fast die Kandidatur gekostet hätten.

katrina
Nach dem Hurrikan "Katrina" im Jahr 2005 regte sich viel Kritik: Die US-Regierung habe zu wenig für die schwarzen Einwohner New Orleans getan, hieß es. (Foto: REUTERS)

Obama weiß: Lediglich 13 Prozent der Amerikaner sind Schwarze, will er gewählt werden, braucht er die Stimmen der Weißen. Dagegen fragten sich Kritiker aus den Reihen der Afro-Amerikaner zeitweise provokant, ob der "Mischling Obama" auch wirklich "schwarz genug" ist.

Auch im Weißen Haus versucht Obama konsequent den Eindruck zu vermeiden, er sei "ein Präsident der Schwarzen". Neuste Umfragen ergaben, dass 52 Prozent der Weißen hinter Obamas Politik stehen - bei den Schwarzen sind es dagegen 96 Prozent.

Quelle: Peer Meinert, dpa