Politik
Stephan Weil (l.) und David McAllister bei ihrer einzigen direkten Konfrontation im Wahlkampf.
Stephan Weil (l.) und David McAllister bei ihrer einzigen direkten Konfrontation im Wahlkampf.(Foto: dpa)

McAllister und Weil im TV-Duell: Nur das "Ätsch" hat gefehlt

Von Hubertus Volmer

Nach dem TV-Duell der niedersächsischen Spitzenkandidaten David McAllister und Stephan Weil sehen sich beide Seiten als Gewinner. Die CDU zieht Gerhard Schröder als Kronzeugen heran. Der finde: "McAllister klarer Sieger im TV-Duell". Doch tatsächlich ist alles ganz anders.

Schon vor dem Ende des Schlagabtauschs zwischen dem niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister und seinem SPD-Herausforderer Stephan Weil lassen sich beide zum Sieger erklären: "Halbzeit beim TV-Duell", twittern die Sozialdemokraten. "Und Stephan Weil lässt schon nach den ersten 30 Minuten McAllister ziemlich alt aussehen."

Das sehen die Christdemokraten naturgemäß ganz anders. "Ministerpräsident David McAllister führt zur Halbzeit im TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten im NDR klar nach Punkten", heißt es in einer E-Mail der CDU-Pressestelle an Journalisten.

Der eine spricht, der andere schaut.
Der eine spricht, der andere schaut.(Foto: dpa)

Beide Seiten irren: Dieses Duell hat keinen Sieger. Sondern einen Verlierer: das Publikum. Denn beide Kandidaten debattieren am Donnerstagabend ohne Leidenschaft, ohne Elan, über weite Strecken sogar ohne Mimik. Wenn Weil spricht, schaut McAllister meist ein wenig spöttisch, Weil hingegen scheint sich geradezu zu bemühen, so neutral wie möglich auszusehen, wenn sein Gegenüber das Wort hat. Beide blicken so staatstragend wie möglich, wenn sie selbst an der Reihe sind. Man kann dies norddeutsch nennen. Oder fad.

Peinliche Frage nach Wulff

Selbst als der Moderator die etwas peinliche Frage stellt, ob die Trennung von Christian und Bettina Wulff McAllister im Wahlkampf schade, verzieht dieser keine Miene. Nicht zum ersten Mal signalisiert er, dass es zwischen ihm und Wulff mittlerweile eine gewisse Distanz gibt. Ob von dem engen Verhältnis des Ziehsohns zu seinem einstigen Förderer nichts übrig geblieben sei? "Momentan haben wir nicht mehr Kontakt."

Weil zieht sich mit einer widersprüchlichen Antwort aus der Affäre, als er seinerseits danach gefragt wird, ob SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ihm im Wahlkampf schade. Steinbrück spiele im Landtagswahlkampf keine Rolle, sagt Weil. Und ergänzt, er habe den Eindruck, Steinbrück komme "wirklich gut an".

"Was ich sage, bestimme ich"

Auf die Fragen des Moderators hin spulen McAllister und Weil Sätze ab, die sie seit Wochen in ihren Wahlkampfreden aufsagen. Nur selten wird das Duell lebendig, etwa als der Moderator wissen will, ob Weil sich auch von den Linken zum Ministerpräsidenten wählen lassen würde. "Ich beschäftige mich nicht mit dieser Splitterpartei", antwortet Weil. Er legt sich nicht fest und bringt sich damit selbst in Bedrängnis. McAllister wirft ihm prompt vor, einer Antwort auszuweichen: "Sie eiern bei diesem Thema rum." Es folgt ein Wortgefecht, in dem beide nicht wirklich erwachsen wirken. Weil: "Was ich sage, bestimme ich, was Sie sagen, bestimmen Sie." McAllister: "Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie das so gesagt haben, dann wissen wir ja Bescheid." Fehlt nur noch ein "Ätsch".

Aktuelle Niedersachsen-Umfragen

Infratest Dimap (für die ARD)

CDU: 40 Prozent
SPD: 33 Prozent
Grüne: 13 Prozent
FDP: 5 Prozent
Linke: 3 Prozent
Piraten: 3 Prozent

Forschungsgruppe Wahlen (für das ZDF)

CDU: 39 Prozent
SPD: 33 Prozent
Grüne: 13 Prozent
FDP: 5 Prozent
Linke: 3 Prozent
Piraten: 3 Prozent

GMS (für die CDU)

CDU: 41 Prozent
SPD: 33 Prozent
Grüne: 13 Prozent
FDP: 5 Prozent
Linke: 3 Prozent
Piraten: 3 Prozent

Alle Umfragen vom 10. Januar 2013

Im Laufe der Sendung verkündet der Moderator das Ergebnis der jüngsten Umfrage. Infratest Dimap sieht die CDU demnach bei 40 Prozent, die SPD bei 33 Prozent, die Grünen bei 13 und die FDP erstmals seit Monaten wieder bei 5 Prozent. Zwei weitere Umfragen vom Donnerstag kommen zum selben Ergebnis. Linke und Piraten liegen jeweils bei 3 Prozent, ebenfalls in allen drei Umfragen.

Naturgemäß sehen sich beide Kandidaten durch diese Umfrage bestärkt: McAllister sagt, sie gebe der CDU "Rückenwind für die nächsten zehn Tage", zugleich zeigt er sich "sicher", dass die Liberalen den Sprung in den Landtag schaffen werden. Stimmen leihen will er der FDP nicht: McAllister bittet die Wähler, beide Stimmen der CDU zu geben. Was die SPD dazu bringt, ihm Scheinheiligkeit vorzuwerfen: "McAllister leugnet Zweitstimmenkampagne", verkünden die Sozialdemokraten via Twitter. Übereinstimmung in einem Punkt: Beide erwarten ein "Kopf-an-Kopf-Rennen".

Weil dagegen freut sich, dass Rot-Grün in der Umfrage vor Schwarz-Gelb liegt - dass es sich nur um einen Prozentpunkt handelt, erwähnt er nicht. Auf den Hinweis, dass es in Niedersachsen den Umfragen zufolge keine Wechselstimmung gebe, entgegnet er: "Wechselstimmung ist für mich, wenn die Menschen eine andere Regierung wählen." Die relativ große Zufriedenheit mit McAllisters Landesregierung kombiniert mit den relativ schlechten Umfragewerten von Schwarz-Gelb erklärt er mit einer latenten Zukunftsangst. Viele Menschen spürten, sagt Weil, "so gut oder weniger gut die Gegenwart sein mag, wir müssen uns für die Zukunft anstrengen, und da gehen wir in Niedersachsen auf dünnem Eis". Als Beispiel nennt er die Bildungspolitik.

"Sonst kriegen Sie Ärger mit mir"

Als es um die Einführung des Betreuungsgeldes geht, kommen die beiden Kandidaten zum ersten Mal ein wenig in Fahrt - nur leider hat man die Argumente beider Seiten mittlerweile schon oft gehört. Weil wirft der niedersächsischen Landesregierung vor, den Ausbau der Krippenplätze vernachlässigt zu haben. Bei der Betreuung der unter Dreijährigen sei Niedersachsen Drittletzter in Deutschland. Er will bis zum 1. August, also bis zur Einführung der Krippenplatzgarantie, versuchen "so viel wie möglich aufzuholen". McAllister kontert, Niedersachsen sei bei der "Ausbaudynamik" bundesweit führend.

Streit gibt es auch um die Studiengebühren, die Weil spätestens zum Wintersemester 2014/15 abschaffen will. Bei der Schulpolitik sind die Differenzen vor allem rhetorischer Art. McAllister wirft SPD und Grünen vor, "wieder eine ideologisch motivierte Schuldebatte" führen zu wollen - er droht Weil sogar: "Finger weg vom Gymnasium, sonst kriegen Sie richtig Ärger mit den Schülern, Eltern und Lehrern, und glauben Sie mir, auch mit mir". Aber Weil gibt "natürlich" eine Bestandsgarantie für Gymnasien ab und erklärt, es müsse Schluss sein mit den "unsäglichen Grundsatzdiskussionen".

Bei der Wirtschafts- und Energiepolitik betonen Weil und McAllister ebenfalls bekannte Positionen. Mit Blick auf den angeschlagenen Offshore-Zulieferer Siag Nordseewerke wirft der Sozialdemokrat dem Ministerpräsidenten eine "unerklärliche Passivität" vor. McAllister erklärt, das Thema sei zu sensibel für den Wahlkampf. Vorrang habe die Sicherung von Arbeitsplätzen.

"Humane" Flüchtlingspolitik

Beim Thema Endlagersuche bekräftigt Weil sein kategorisches Nein zu Gorleben. McAllister wirft ihm vor, mit dieser Vorfestlegung die Suche nach einem nationalen Konsens zu behindern. Einen echten Dissens gibt es bei der umstrittenen Abschiebepraxis der niedersächsischen Landesregierung. Weil nennt die Abschiebepolitik der Koalition "unmenschlich", McAllister betont, er "werbe" für eine "humane Flüchtlingspolitik", stellt sich jedoch zugleich hinter den niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann, dessen Abschiebepolitik nicht nur von der Opposition, sondern auch von den Kirchen kritisiert wird.

Auffällig ist, dass McAllister einige Male die Bundeskanzlerin erwähnt. Er habe einen guten Draht zu Angela Merkel und tausche sich oft mit ihr aus. "Ich nutze meine Kontakte in Berlin, und das hilft der Infrastruktur", sagt er. Fünf Minuten nach dem Ende des Duells verschickt die Pressestelle der CDU eine weitere Mail. In der Betreffzeile steht: "Gerhard Schröder findet: McAllister klarer Sieger im TV-Duell". Doch der Gag ist so müde wie der ganze Schlagabtausch. "Gerhard Schröder" entpuppt sich als CDU-Mitglied aus Ostfriesland.

Quelle: n-tv.de

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