Politik

"Tag der Tränen" nach Katastrophe vor Lampedusa: Papst prangert Gleichgültigkeit an

Das Entsetzen ist groß. Bei der Havarie eines Schiffs ertrinken vor Lampedusa vermutlich mehr als 300 Flüchtlinge aus Afrika. UN-Sonderberichterstatter Crépeau kritisiert scharf die europäische Flüchtlingspolitik. Auch der Papst fordert Konsequenzen.

Die Zahl der Toten steigt immer weiter.
Die Zahl der Toten steigt immer weiter.(Foto: dpa)

Der UN-Sonderberichterstatter für die Rechte von Migranten, François Crépeau, hat nach dem jüngsten Flüchtlingsdrama vor der Insel Lampedusa die europäische Einwanderungspolitik kritisiert. "Diese Toten hätten vermieden werden können", sagte Crépeau vor der UN-Vollversammlung in New York. Die illegale Einwanderung könne nicht "ausschließlich mit repressiven Maßnahmen" bekämpft werden, sagte der kanadische Jurist. Dieses Vorgehen verstärke nur die Macht der Schleuser.

Crépeau rief die Staatengemeinschaft dazu auf, die Möglichkeiten für eine legale Einwanderung auszubauen. Sanktionen müssten nicht die Flüchtlinge treffen, sondern beispielsweise die Arbeitgeber, die illegale Einwanderer beschäftigten. Dies werde jedoch aus "politischen Beweggründen" unterlassen. In den Aufnahmeländern müsse die "Vorstellung von Vielfalt und Multikulturalität" akzeptiert werden.

Papst Franziskus sprach von einem "Tag der Tränen". Sichtlich bewegt verurteilte er "die Gleichgültigkeit gegenüber jenen, welche die Sklaverei, den Hunger fliehen, um die Freiheit zu suchen, doch stattdessen den Tod finden, wie gestern in Lampedusa".

Franziskus hatte am Donnerstag im Vatikan gesagt, es könne nur als "Schande" bezeichnet werden, dass schon wieder Menschen bei einem solchen Unglück ums Leben gekommen seien. "Wir müssen uns zusammenschließen, damit diese Tragödien aufhören", forderte der Papst. Der Papst hatte Lampedusa vor zwei Monaten besucht und auf das Schicksal der Flüchtlinge als Folge einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit" aufmerksam gemacht.

Gauck fordert besseren Schutz

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Bundespräsident Joachim Gauck appellierte an die EU, Flüchtlingen einen besseren Schutz angedeihen zu lassen. Leben zu schützen und Flüchtlingen Gehör zu gewähren, seien wesentliche Grundlagen der Rechts- und Werteordnung, sagte Gauck. "Zuflucht Suchende sind Menschen - und die gestrige Tragödie zeigt das - besonders verletzliche Menschen. Sie bedürfen des Schutzes. Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte", so der Bundespräsident.

Der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, Tom Koenigs, warf der EU Untätigkeit vor. Die Katastrophe "hätte verhindert werden können und hätte verhindert werden müssen", sagte der Grünen-Politiker im NDR. Er kritisierte, dass sich die Europäische Union nur auf den Schutz der Grenzen konzentriere. Koenigs forderte, Institutionen zu schaffen, die die Seenotrettung organisieren. Außerdem müssten Schlepper stärker bestraft werden.

Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano forderte eine Überprüfung der Gesetzeslage. Normen, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, sollten geändert werden, sagte er nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur Ansa in einem Interview mit Radio Vatikan. Die Gesetze müssten Italien würdig sein und den Grundprinzipien von Menschlichkeit und Solidarität entsprechen.

Mit Bestürzung reagierte die EU-Kommission auf das tödliche Drama. "Es ist wirklich eine Tragödie, ganz besonders, weil auch Kinder betroffen sind", erklärte EU-Regionalkommissar Johannes Hahn. "Es ist etwas, über das Europa wirklich traurig sein muss und wir sollten sehen, wie wir die Lage verbessern", sagte er.

Noch 220 Flüchtlinge werden vermisst

Eine überlebende Migrantin wird im Krankenhaus von Palermo versorgt.
Eine überlebende Migrantin wird im Krankenhaus von Palermo versorgt.(Foto: dpa)

Vor der italienischen Insel Lampedusa war in der Nacht zum Donnerstag ein Boot mit bis zu 500 Asylsuchenden aus Afrika nach einem Brand gekentert. Mehr als 130 Menschen ertranken, rund 150 konnten lebend geborgen werden. Die Zahl der Opfer wird vermutlich noch drastisch steigen, rund 220 vermissten Insassen gelten inzwischen als tot. "Wir haben keine Hoffnung mehr, Überlebende zu finden", sagte ein Mitglied der Finanzpolizei. Taucher berichteten, dass sie nahe dem Schiffswrack am Meeresgrund dutzende weitere Toten gesehen hätten.

Das Boot mit etwa 500 Menschen aus Nordafrika an Bord hatte im Mittelmeer vor der Nachbarinsel Isola dei Conigli Feuer gefangen und war dann gekentert. 155 Menschen konnten von der Küstenwache in Sicherheit gebracht werden, andere versuchten, sich selbst über Wasser zu halten.

Berichten zufolge sollen einige Migranten auf dem Schiff eine Decke angezündet haben, um dadurch ein Fischerboot in der Nähe auf sich aufmerksam zu machen. Das Feuer breitete sich aus, das Schiff kenterte. Das tunesische Innenministerium teilte mit, das Boot sei in Libyen aufgebrochen und auf seinem Weg nach Lampedusa an der tunesischen Hafenstadt Sfax vorbeigefahren. Die Flüchtlinge sollen überwiegend aus Somalia und Eritrea stammen. Sie waren nach Angaben von Geretteten vor zwei Tagen in der libyschen Hafenstadt Misrata gestartet.

"Keine Krakenwagen, sondern Särge"

Fernsehbilder zeigten, wie Rettungsteams in dem kleinen Hafen von Lampedusa eingehüllte Leichen nebeneinander aufbahrten. "Unglücklicherweise brauchen wir keine Krankenwagen mehr, sondern Särge", berichtete der örtliche Arzt Pietro Bartolo. "Es ist ein Horror", sagte Bürgermeisterin Giusi Nicolini nach dem zweiten Flüchtlingsdrama innerhalb weniger Tage. "Sie hören nicht auf, weitere Leichen zu bringen."

Innenminister Angelino Alfano reiste nach einem Treffen mit Regierungschef Enrico Letta nach Lampedusa, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Letta bezeichnete den Tod der Migranten als "ungeheure Katastrophe". Die Minister von Alfanos PdL-Partei sagten eine geplante Pressekonferenz ab. Für diesen Freitag wurde in Italien Staatstrauer angeordnet.

Verfahren gegen Schleuser

Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Ermittlungsverfahren, einer der mutmaßlichen Schleuser wurde Medienberichten zufolge bereits festgenommen. "Eine enorme Tragödie, für die es keine Worte gibt", sagte Vize-Innenminister Filippo Bubbico.

Kurz vor dem Unglück war ein Boot mit 463 Migranten vor Lampedusa angekommen. Bei gutem Wetter versuchen immer wieder Flüchtlinge, die europäischen Küsten zu erreichen. Oft endet die Überfahrt auf den kaum seetüchtigen Booten für einige tödlich. Erst am Montag waren 13 Menschen vor der Küste Italiens ertrunken.

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Quelle: n-tv.de

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