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Anschlag auf "Charlie Hebdo": Polizei nimmt mehrere Verdächtige fest

Nach dem Anschlag von Paris nimmt die Polizei noch in der Nacht mehrere Verdächtige fest. Unklar ist, wo die Männer und Frauen festgenommen wurden und ob auch die beiden Hauptverdächtigen Chérif und Said Kouachi darunter sind. Zuvor hatte sich der 18 Jahre alte Schwager der Brüder gestellt.

Ein verdächtiges Fahrzeug am Rand  der französischen Hauptstadt, eine Polizeistreife auf der Suche nach den Attentätern von Paris und ein vergessener Personalausweis: Ein unglaublicher Zufall hat die französischen Behörden bei der Suche nach den Verantwortlichen des grausamen Anschlags auf die Pariser Satirezeitung "Charlie Hebdo" mit zwölf Toten ein großes Stück weitergebracht. Offenbar vergaß einer der Täter beim Wechsel des Fluchtfahrzeugs seinen Ausweis im Wagen, die Polizei konnte daraufhin das Brüderpaar Chérif und Said Kouachi als Hauptverdächtige identifizieren.

Im Lauf der Nacht nahmen die Behörden dann sieben Menschen aus dem Umkreis der Brüder fest - darunter auch einen 18-jährigen Obdachlosen, der sich selbst stellte und offenbar der engste Helfer der Brüder war. Premierminister Manuel Valls wollte sich nicht dazu äußern, ob die Kouachis ebenfalls unter den Festgenommenen sind, ständig aktualisierte Fahndungsaufrufe lassen allerdings nicht darauf hoffen.

Charleville-Mézières liegt kurz vor der Grenze nach Belgien: Ob sich die beiden Hauptverdächtigen noch in Frankreich aufhalten, ist unklar.
Charleville-Mézières liegt kurz vor der Grenze nach Belgien: Ob sich die beiden Hauptverdächtigen noch in Frankreich aufhalten, ist unklar.

Wo sich die beiden Gesuchten aufhalten, ist unklar. Polizeiaktionen in Reims, Straßburg und in weiteren Orten Frankreichs lieferten offenbar keine neuen Ergebnisse. Der jüngste der drei mutmaßlichen Täter stellte sich in der Kleinstadt Charleville-Mézières nahe der belgischen Grenze der Polizei. Wie aus Ermittlerkreisen verlautete, ging der 18-jährige Schwager der beiden Hauptverdächtigen am späten Mittwochabend auf die Polizeistation der Stadt und wurde dort festgenommen. Medienberichten zufolge soll es sich um den 1996 geborenen Hamyd Mourad handeln. Der junge Mann habe seine Unschuld beteuert.

Unbestätigten Angaben zufolge ging er freiwillig zur Polizei, nachdem sein Name im Zusammenhang mit dem Attentat in sozialen Netzwerken im Internet aufgetaucht war. Der junge Mann wird verdächtigt, den beiden anderen "bei ihrem Angriff geholfen zu haben", wie es zuvor vonseiten der Polizei geheißen hatte. Mitschüler in Charleville-Mézière sollen Medien zufolge jedoch erklärt haben, er sei am Morgen in der Schule gewesen.
 

Flucht Richtung Belgien?

Fahndungsaufruf: Die beiden Männer gelten als extrem gefährlich.
Fahndungsaufruf: Die beiden Männer gelten als extrem gefährlich.(Foto: picture alliance / dpa)

Medienberichten zufolge soll er einen der Fluchtwagen gesteuert haben, mit denen die Attentäter trotz sofort eingeleiteter Großfahndung aus der Pariser Innenstadt entkamen. Ob sich aus seiner Anwesenheit nahe der Grenze Rückschlüsse auf den Fluchtweg der beiden verdächtigen Brüder Said (34) und Chérif Kouachi (32) ziehen lassen, blieb unklar.

Womöglich unterlief den Attentätern bei ihrer Flucht aus Paris ein folgenschwerer Fehler, der die Polizei schnell auf eine Spur gebracht haben könnte. Wie die französische Zeitschrift "Le Point" schreibt, hätten die Terroristen einen Personalausweis in ihrem Fluchtwagen vergessen, als sie am Rande der Hauptstadt das Auto wechselten.

Terror mit französischem Pass

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Mit einem Großaufgebot an Sicherheitskräften hatten in der Nacht Beamte einer Spezialeinheit unter anderem Wohnungen in der nordostfranzösischen Stadt Reims durchsucht. In der Nacht hieß es, die Polizei verhöre Menschen aus dem Umfeld der Brüder. Alle drei an der Tat beteiligten Männer sollen aus Paris stammen und die französische Staatsbürgerschaft besitzen.

Die französische Polizei sucht weiter landesweit nach den beiden Männern. Die beiden gesuchten Brüder sollen im islamistischen Milieu aktiv sein. Die Ermittler beschrieben die flüchtigen Verdächtigen als "gefährlich und schwer bewaffnet". Einer der beiden Brüder war nach Angaben der Ermittler im Jahr 2008 verurteilt worden, weil er in dschihadistischen Netzwerken bei Versuchen mitgeholfen haben soll, Kämpfer in den Irak zu schicken.

Tausende Polizisten im Einsatz

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Bei den Durchsuchungen in Reims waren Kräfte der Eliteeinheit Raid beteiligt. Zuvor hatte es bereits Durchsuchungen in Straßburg sowie im Großraum Paris gegeben, festgenommen wurde dort niemand. Bei den Razzien in Reims handle es sich um Durchsuchungen und "Verifizierungen" von Orten, die mit den Verdächtigen in Verbindung stünden, hieß es in der Nacht aus Ermittlerkreisen.

Mindestens zwei Bewaffnete hatten am Mittwoch gegen Mittag die Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" in der Pariser Innenstadt gestürmt und dort gezielt mit Sturmgewehren auf die anwesenden Redaktionsmitglieder geschossen. Bei dem schwersten Terroranschlag in Frankreich seit Jahrzehnten kamen insgesamt zwölf Menschen ums Leben, darunter acht Journalisten der Satirezeitschrift, zwei Polizisten sowie Chefredakteur Stéphane "Charb" Charbonnier. Es gab elf Verletzte.

Erneut fallen Schüsse in Paris

Derweil hat ein Mann am südlichen Stadtrand von Paris mit einem Maschinengewehr das Feuer auf Polizisten eröffnet. Eine Polizistin und ein Mitarbeiter der Stadtreinigung seien lebensgefährlich verletzt worden, hieß es aus Polizeikreisen. Der 52-jährige Angreifer wurde festgenommen. Der Hintergrund der Schießerei ist unklar, doch verließ Innenminister Bernard Cazeneuve überstürzt eine Krisensitzung im Elysée-Palast zum Anschlag auf "Charlie Hebdo".

Die Schießerei ereignete sich in der Nähe der Porte de Châtillon im Süden von Paris. Der Täter trug eine schusssichere Weste. Mit einem Schnellfeuergewehr schoss er auf Polizisten, die zu einem Unfall gerufen worden waren. Der Mann schoss den Polizisten von hinten in die Rücken. Aus Ermittlerkreisen hieß es, es gebe derzeit keinen "eindeutigen Zusammenhang" mit der Attacke auf "Charlie Hebdo" am Mittwoch.

Zudem ist es am Morgen in einem Restaurant nahe einer Moschee von Villefranche-sur-Saône zu einer Explosion gekommen. Verletzt wurde bei dem Vorfall nach Angaben aus Justizkreisen niemand. Ob die Explosion im Zusammenhang mit dem Anschlag steht, ist noch unklar.

"Damit Charlie lebt"

Das Blutbad vom Mittwoch löste Entsetzen und Abscheu aus. Mehr als 100.000 Franzosen gingen gestern Abend landesweit auf die Straßen, um sich mit "Charlie Hebdo" zu solidarisieren. Auch weltweit bekundeten Tausende ihre Solidarität, so etwa in Berlin. US-Präsident Barack Obama, Papst Franziskus und Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigten sich erschüttert. Auch islamische Staaten wie Katar und Muslimverbände verurteilten die Tat.

Mehrere französische Zeitungen druckten eine fast schwarze Seite eins. Die eher linke "Libération" schrieb auf schwarzem Grund: "Nous sommes tous Charlie" (Wir sind alle Charlie). Die konservative Zeitung "Le Figaro" titelt: "La Liberté assassiné" (Die ermordete Freiheit). Das Blatt "Le Parisien" schrieb auf dem Titelblatt: "Ils ne tueront pas la liberté" (Sie werden die Freiheit nicht töten).

Auch eine Reihe deutscher Zeitungen druckte Mohammed-Karikaturen und andere religionskritische "Charlie Hebdo"-Zeichnungen nach. Unter der Schlagzeile "Vive la liberté" ("Es lebe die Freiheit") bestreitet die Berliner Zeitung "B.Z." die gesamte Titelseite ihrer Donnerstagausgabe mit Titelbildern des Magazins. "Wir veröffentlichen die Satire von Charlie Hebdo aus Respekt vor den Ermordeten, die die Meinungsfreiheit verteidigten", heißt es in einer Erklärung der Zeitung an ihre Leser. Auch andere Blätter zeigen Zeichnungen.

Drei französische Medienhäuser sagten der Satirezeitschrift Hilfe zu. Der staatliche Hörfunk und das Fernsehen sowie die Tageszeitung "Le Monde" erklärten, sie wollten dem Magazin das notwendige Personal und Sachmittel zur Verfügung stellen. Ihre Mitteilung trägt die Überschrift: "Damit Charlie lebt."

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Quelle: n-tv.de

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