Politik
Bogk über Assange: "Es haben in der Tat einige Leute ein Problem mit der Art und Weise, wie Assange Wikilieaks betrieben hat."
Bogk über Assange: "Es haben in der Tat einige Leute ein Problem mit der Art und Weise, wie Assange Wikilieaks betrieben hat."(Foto: REUTERS)

Chaos Computer Club über Wikileaks: "Privatsphäre gibt es nicht für Staaten"

Ist die Wikileaks-Veröffentlichung richtig? Ja, meint der Chaos Computer Club. " Der Staat ist kein Selbstzweck und kann auch kein privilegierter Zirkel sein." Zugleich kritisiert CCC-Sprecher Andreas Bogk im Interview mit n-tv.de die Wikileaks-Anhänger für Angriffe auf Kreditkartenfirmen. "Das ist sehr destruktiv". Bogk weist zudem darauf hin, dass die Enthüllungen von Wikileaks durchaus Sprengkraft besitzen. Sie machten etwa deutlich, "dass die US-Regierung Einfluss auf die deutsche Regierung nimmt; dass der Büroleiter des FDP-Chefs ein amerikanischer Spitzel ist, ist eigentlich eine unerhörte Geschichte".

n-tv.de: Hat die Öffentlichkeit wirklich ein Recht darauf, die Kommunikation zwischen den US-Botschaften und dem Außenministerium in Washington zu lesen?

Andreas Bogk: Meiner Meinung nach schon. Viel staatliches Handeln ist noch immer wenig transparent, und der Staat ist ja eine Konstruktion, die dem Bürger dienen soll, die dafür da ist, die Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Der Staat ist also kein Selbstzweck und kann auch kein privilegierter Zirkel sein.

Wohin führt es aber, wenn Regierungen nicht mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit kommunizieren können?

"Bisschen dumm angestellt": US-Außenministerin Clinton.
"Bisschen dumm angestellt": US-Außenministerin Clinton.(Foto: dpa)

Zunächst muss man sagen, dass die USA sich ein bisschen dumm angestellt haben, als sie die über 250.000 Depeschen mehr als zwei Millionen Mitarbeitern zugänglich gemacht haben. Eine größere Transparenz von staatlichem Handeln ist grundsätzlich aber eine gute Sache. Ein Problem wird daraus, wenn es nur einige Staaten betreffen würde. Wenn ein Staat also in der Lage ist, geheim zu agieren, und der andere nicht, dann hat natürlich der Staat, der geheim agieren kann, Vorteile gegenüber dem anderen. Aber wenn wir in einer Situation sind, in der alle Staaten und alle Unternehmen jederzeit damit rechnen müssen, dass ihr Handeln offengelegt wird, kommt es zu keiner Verschiebung des Kräftegleichgewichts zwischen den Staaten, sondern zu einer Lage, in der insgesamt friedlicher und umsichtiger miteinander umgegangen wird.

Dahinter steht der Gedanke, dass alle Informationen frei zugänglich sein müssen. Wie kann man den einzelnen Bürger davor schützen, zum Opfer dieser Transparenz zu werden? Wie viel Transparenz verträgt eine Gesellschaft?

Das ist eine wichtige Frage. In der Hackerethik, zumindest in unserer deutschen Variante, steht der Satz: "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen." Wir glauben nach wie vor an das Recht auf Privatsphäre. Allerdings ist Privatsphäre ein Recht, das Menschen zusteht, nicht Staaten oder Unternehmen. Sie können keine Privatsphäre beanspruchen.

Julian Assange fordert radikale Informationsfreiheit. Die "Süddeutsche Zeitung" hat plausibel dargestellt, dass dies für ihn kein Selbstzweck ist, sondern dass Assange damit politische Ziele verbindet. Danach ist Assange ein "Anarcho-Kapitalist" - also in doppelter Hinsicht ein Staatsfeind. Würde Transparenz nicht voraussetzen, dass Assange seine Ziele offen diskutiert?

Es haben in der Tat einige Leute ein Problem mit der Art und Weise, wie Assange Wikilieaks betrieben hat. Wikileaks als Plattform existiert ja schon seit einiger Zeit und es gab auch einige Leute, die daran mitgewirkt haben. Mit dem Wandel von einer neutralen Veröffentlichungsplattform hin zu einer, ich sag's mal vorsichtig: PR-getriebenen, sehr personenzentrierten Maschinerie, sind viele Leute nicht einverstanden. Sie werfen Wikileaks vor, intransparent zu arbeiten, und zwar nicht nur beim Vorgehen, sonder auch, was die Ziele der Plattform betrifft.

Welche Ziele hat Assange? Will er das System verändern oder zerstören?

Angriffe auf Mastercard und Visa: "Eine Art wildgewordene Demonstration".
Angriffe auf Mastercard und Visa: "Eine Art wildgewordene Demonstration".(Foto: AP)

Das kann ich nicht sagen. Ich habe seine Texte gelesen, da geht es schon um Veränderung. Es geht aber nicht um Zerstörung im Sinne eines Nihilismus, dass die Menschheit gegen die Wand laufen muss, sondern um eine Transformation zu einer besseren Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der ein gewählter Volksvertreter dem Volk rechenschaftspflichtig ist, und diese Rechenschaftspflicht auch durchgesetzt werden kann, ist eine bessere Gesellschaft.

Einige Hacker haben damit begonnen, mit der "Operation Payback" die Webseiten von Kreditkartenfirmen anzugreifen, die Konten von Wikileaks gesperrt haben. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Ich finde die hochproblematisch. Zunächst einmal handelt es sich dabei nicht wirklich um Hacker-Angriffe, sondern um eine Art wildgewordene Demonstration - jetzt hätte ich fast Lynchmob gesagt. Da passiert technisch nichts besonders Spannendes, nichts, was man Hacking nennen könnte. Es sind einfach zehntausende Leute, die gleichzeitig auf einer Website rumklicken. Mehr steckt nicht dahinter. Das ist sehr destruktiv. Auf der anderen Seite kann ich das aber auch verstehen. Wenn der Einzelne ohnmächtig zugucken muss, wie die US-Regierung alle schmutzigen Tricks verwendet, um eine freie Nachrichtenquelle im Internet abzudrehen, und es die Möglichkeit gibt, seine Meinung zu äußern, indem man da mitmacht - menschlich finde ich das nachvollziehbar. Die Art der  Eskalation halte ich allerdings für eine schlechte Sache.

Ein Hacker, der sich "Coldblood" nennt, hat der BBC gesagt, dass diese Angriffe möglicherweise einigen Leuten weh tun, aber es sei "der einzig effektive Weg, diesen Firmen zu sagen, dass wir, die Menschen, unzufrieden sind". Ist es nicht ziemlich anmaßend, wenn ein Hacker, der nicht einmal seinen Namen verrät, für "die Menschen" spricht?

Das Spannende ist ja, dass so ein Angriff nur funktioniert, wenn viele Leute dabei mitmachen. Das heißt, allein dadurch, dass er stattfindet, ist nachgewiesen, dass es viele Leute gibt, die das für richtig halten. Insofern spricht er in jedem Fall für all die Leute, die sich beteiligen.

Sie haben gesagt, die Möglichkeit, Informationen über das Netz zu verbreiten, führe zu einer Machtverschiebung, in der weniger die etablierten Zirkel Entscheidungen treffen, sondern die Macht stärker in die Hand des Bürgers gelegt wird. Führt diese Machtverschiebung wirklich zu einer Demokratisierung? Im Internet kann zwar jeder alles sagen und veröffentlichen, aber Leser findet er damit noch lange nicht. Wer die Öffentlichkeit erreicht, gehört ja meist auch zu einem elitären Zirkel.

Der Unterschied ist, dass jeder das Potenzial hat, gelesen zu werden. Wer eine interessante Nachricht hat, wer sie interessant formuliert, kann gelesen werden. Es ist nicht mehr so, dass man einem etablierten Medium angehören muss, um die Chance zu bekommen, gehört zu werden. Jeder hat die Chance, gehört zu werden. Und wie man gerade an Wikileaks sieht, gibt es durchaus Themen, für die die Leute sich interessieren.

Wie wird das die Welt verändern? Oder verändert es sie schon?

Es verändert die Welt schon. Es gibt immer wieder Informationsbrocken, die einem zum Beispiel helfen, das internationale Geschehen einzuordnen. Die einem etwa klarmachen, dass die US-Regierung Einfluss auf die deutsche Regierung nimmt; dass der Büroleiter des FDP-Chefs ein amerikanischer Spitzel ist, ist eigentlich eine unerhörte Geschichte. Im Rahmen der Wikileaks-Veröffentlichungen kommt das so nebenbei daher. Früher, bei Günter Guillaume, war das ein großer Staatsskandal. Meine Hoffnung ist, dass so etwas mehr und mehr aufhören wird, wenn mehr Licht ins Dunkle fällt; dass die Arbeit im Geheimen weniger wird, die klandestine Steuerung von Prozessen und Regierungen.

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Mit Andreas Bogk sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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