Politik
Ausgebuht: Angela Merkel
Ausgebuht: Angela Merkel(Foto: REUTERS)
Freitag, 22. September 2017

Wahlkampfendspurt der Union: Publikum in München buht Merkel aus

Von Julian Vetten, München

Nach jahrelangem Gezanke in der Flüchtlingspolitik wollen Angela Merkel und Horst Seehofer kurz vor der Wahl ihre Versöhnung feiern. Statt einem eindrucksvollen Signal der Einigkeit heißt es in der bayrischen Landeshauptstadt stattdessen: Unser tägliches Pfeifkonzert gib uns heute.

Angela Merkel ist heiser, als sie vor die Menge am Münchner Marienplatz tritt. Kein Wunder, in den vergangenen Wochen jagte ein Wahlkampfauftritt den nächsten, die Bundeskanzlerin musste also ganz schön viel reden. Und weil kaum noch eine Rede ohne Pfiffe und Buhrufe stattfindet, musste Merkel eben auch immer sehr laut reden, wenn sie denn gehört werden wollte. Wer meint, dass sich derlei Entgleisungen nur auf die AfD-Hochburgen im Osten beschränken, ist auf dem Holzweg: Bevor die Kanzlerin an diesem Freitagabend ihren Weg nach München fand, war sie bereits in Ulm und Heppenheim zu Gast - und wurde gnadenlos ausgepfiffen. Auf dem Marienplatz ist das nicht anders: Ein gellendes Pfeifkonzert empfängt Merkel und geißelt für eine geschlagene Stunde die Trommelfelle aller Anwesenden. Den großen Wahlkampfendspurt der Union hatte sich wohl nicht nur die Kanzlerin anders vorgestellt.

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Eigentlich wollte Merkel mit ihrem Auftritt in der bayerischen Landeshauptstadt zeigen, dass der Versöhnungsprozess mit der Schwesterpartei CSU und ihrem Vorsitzenden Horst Seehofer nun endlich, zwei Tage vor der Wahl, komplett abgeschlossen ist. Während der bayerische Ministerpräsident die Politik Merkels auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise als "Herrschaft des Unrechts" bezeichnet hatte und noch im Dezember 2016 eine Obergrenze für Flüchtlinge als Koalitionsbedingung ausgab, hat sich die Beziehung der beiden Parteien und ihrer Chefs mittlerweile deutlich entspannt. "Nicht den Hauch einer Differenz" sah Seehofer nach einem gemeinsamen Auftritt mit Merkel im Juli, spätestens dann war auch die Obergrenze passé.

Kakophonie des Missmuts

"Das, was 2015 war, das darf, das soll und das wird sich auch nicht wiederholen. Wir haben aus den Ereignissen von damals gelernt", sagt die Kanzlerin nun bei ihrer Rede auf dem Marienplatz. Es ist ihr verbales Zugeständnis an Seehofers harte Attacken von damals. Und auch der bayerische Ministerpräsident übt sich im neuen Kuschelkurs: "Das waren gute zwölf Jahre für die Bundesrepublik", kündigt Seehofer die Kanzlerin an und lässt sich im Anschluss daran noch viel Zeit, die übrigen Gäste auf der Bühne vorzustellen - in der Hoffnung, die Krachmacherfraktion vor den Wellenbrechern damit zu ermüden.

Es ist vergebens. Um einen relativ überschaubaren inneren Kreis aus Unions-Anhängern hat sich eine merkwürdige Allianz versammelt: Eine Abordnung der Antifa hält sozialistische Transparente hoch, direkt daneben brüllen sich Pegidisten und AfD-Sympathisanten mit "Hau ab"-Rufen die Seele aus dem Hals. Die Kanzlerin versucht währenddessen, ihr hinlänglich bekanntes Programm abzuspulen, folgen kann man ihr dabei aber kaum - zumal sich irgendwann auch noch die dröhnenden Glocken der nahen Frauenkirche zur Kakophonie des Missmuts hinzugesellen.

Inhaltlich ist hier und heute nichts zu machen, das wird auch der Kanzlerin schnell klar. "Mit Pfeifen und Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands sicherlich nicht gestalten", wendet sich Merkel schließlich indirekt an das unzufriedene Häuflein. Und erntet donnernden Applaus von der bis dato so ruhigen Mehrheit.

Quelle: n-tv.de

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