Politik
Diese Postings kosten Dirk vermutlich seinen Job.
Diese Postings kosten Dirk vermutlich seinen Job.

Fremdenhass im Netz: Rechts gepostet, Job verloren

Von Benjamin Konietzny

Mit dem Flammenwerfer auf Flüchtlingskinder, Migranten mit Elektroschocks in Gaskammern treiben oder mit einem Schredder durch den Eurotunnel fahren. Solche Fantasien verbreiten Nutzer im Netz - mit beruflichen Konsequenzen.

Dirk lässt seinem Hass freien Lauf. In der Facebook-Gruppe "Zeig Flagge Deutschland" beschreibt ein Moderator, wie sein Dorf angeblich regelrecht von Asylanten überrannt wurde. Manuel eröffnet die Diskussion: "Deutschland braucht mehr Züge die mit pack gefüllt werden und dann direckt ins die gaskammer oder den hochofen entlert werden". Und dann schreibt Dirk: "Stimmt genau. Ich melde mich auch freiwillig als oberster Begrüßer an der Rampe". Mit Elektroschocks will er sie empfangen und das schreibt er auch.

Wenn Dirk nicht im Internet unterwegs ist und seinen rechten Fantasien freien Lauf lässt, arbeitet er beim Frankfurter Dienstleistungskonzern Wisag. Das steht auch so auf seinem Facebook-Profil. Und noch bevor er wieder zur Besinnung kommt und seine Kommentare kurze Zeit später löscht, wird ein Screenshot von seinen Äußerungen gemacht. Den kann er nicht mehr löschen. Auf der Seite seines Arbeitgebers weisen wenig später Nutzer darauf hin, dass Dirk gern an der Rampe stehen würde, um Elektroschocks zu verteilen.

Autoren werden "angeschwärzt"

Rechtsradikale und gewaltverherrlichende Postings im Netz seien nichts Neues, doch die Qualität der Äußerungen habe sich verändert, sagt Robert Lüdecke von der Antonio-Amadeu-Stiftung, die sich mit Rassismus in Deutschland auseinandersetzt. "Wir beobachten aber, dass die Postings immer offener und aggressiver werden", so Lüdecke. "Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, darüber denken die Menschen scheinbar nicht nach."

"Flammenwerfer" gingen dem 19-Jährigen bei diesem Bild durch den Kopf.
"Flammenwerfer" gingen dem 19-Jährigen bei diesem Bild durch den Kopf.

Offener und radikaler: Das führt auch dazu, dass Autoren solcher Postings immer häufiger bei ihren Arbeitgebern für ihre Äußerungen "angeschwärzt" werden. Gleich mehrere Blogs und Facebook-Seiten dokumentieren die Hass-Parolen mit Klarnamen und veröffentlichen zum Teil gleich den Namen des Arbeitgebers mit. Denn nicht jeder, der sich in dieser Form äußert, ist so umsichtig, den Namen der Firma, in der er arbeitet, auf seinem Facebook-Profil nicht zu nennen.

So auch im Fall eines 19-jährigen Lehrlings bei Porsche. Vor wenigen Wochen spritzte die Freiwillige Feuerwehr eines österreichischen Dorfes Flüchtlingskinder an heißen Tagen nass. Die sympathischen Fotos der Aktion landen bei Facebook, der 19-Jährige schreibt, dass Flammenwerfer in seinen Augen die bessere Wahl wären. Auch er steht bei Facebook zu seinem Arbeitgeber. Doch der nicht zu ihm: Dutzendfach wird Porsche auf die Gesinnung eines seiner Angestellten hingewiesen. Letztlich verliert der 19-Jährige seinen Job.

Dirk steckt in Schwierigkeiten

"Wir lehnen jegliche Art der Diskriminierung strikt ab. Dieser Vorfall hat uns daher zum Handeln gezwungen", sagt ein Porsche-Sprecher dem österreichischen "Kurier". Später entschuldigt sich der Lehrling bei Facebook. Doch es ist zu spät. Porsche beschäftigte während des Nationalsozialismus Dutzende, möglicherweise Hunderte Zwangsarbeiter. Dem Unternehmen ist daran gelegen, eine klare Linie zu ziehen.

Die Rechtsprechung in diesen Fällen ist nicht eindeutig. Einem Angestellten wurde vor vier Jahren gekündigt, weil er an einer NPD-Veranstaltung teilgenommen hatte und für die Partei geworben hatte. Das Bundesarbeitsgericht urteilte damals, dass dies kein Kündigungsgrund sei. Bei einem Aufruf zu rechter Gewalt jedoch - wie im Fall des Lehrlings - verhalte es sich anders, sagt etwa der Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer gegenüber dem "Spiegel": "Das hat eine andere Qualität. Der Lehrling hat Grenzen überschritten, indem er mehr oder weniger zu Mord und Totschlag aufgefordert hat. Solche Leute kann kein vernünftiger Arbeitgeber tolerieren".

Auch beim Roten Kreuz gab es derartige Vorfälle: "300 arme Flüchtlinge in Designerklamotten und Smartphones. Nur gefühlte 10 Prozent echte Flüchtlinge, der Rest reine Schmarotzer und Wirtschaftsflüchtlinge", schrieb eine Mitarbeiterin bei Facebook. Das Rote Kreuz reagiert prompt und setzt die Mitarbeiterin vor die Tür. "Es gibt für jeden Mitarbeiter eine Social Media Policy, die unterschrieben werden muss. Daran muss sich jeder halten", so ein Sprecher.

Auch bei Dirks Arbeitgeber ist man inzwischen auf seine Äußerungen aufmerksam geworden. Das Unternehmen lässt prüfen, welche Schritte gegen seinen Angestellten eingeleitet werden können und sammelt belastbare Beweise für sein Posting. Die Wisag will sich nicht übereilt von ihrem Mitarbeiter trennen. Pressesprecherin Heidi Frühe macht jedoch klar, dass in dem Unternehmen kein Platz für Rassismus ist und Dirk mit harten Konsequenzen rechnen muss, die vermutlich über eine Abmahnung hinausgehen.

"Wir wünschen uns mehr davon"

Andernorts lassen sich die Vorgesetzten weniger Zeit. Einen Artikel des rechten Nachrichtenportals "Blu-News" darüber, dass erneut Hunderte Flüchtlinge versucht haben, den Eurotunnel zu stürmen, kommentiert Markus B. mit den Worten: "Wozu gibt es schneepflug züge mit stahlwand und schretter vorne dran?" Das Ende seines Kommentars ziert ein Smiley. Markus' Arbeitgeber, die Condor Sicherheit, reagiert schnell: "Wir verachten all jene, die durch ihr Handeln gleich welcher Art Menschen wegen Ihrer Herkunft, Rasse oder Religion misshandeln", steht kurze Zeit später auf der Facebook-Seite. Man habe die Konsequenzen gezogen. Unter dem Post ist eine frische Stellenanzeige verlinkt.

Doch ist es richtig, derartig rigorose Konsequenzen zu ziehen? Für die Antonio-Amadeu-Stiftung ist es ein wichtiges Zeichen des Arbeitgebers. "Wir wünschen uns mehr davon, dass wir gesamtgesellschaftlich mehr Stellung gegen rechte Gewalt beziehen", sagt Sprecher Robert Lüdecke. Ob eine Kündigung die Menschen jedoch zum Umdenken bewegt, da ist sich auch Lüdecke nicht sicher. "Es ist wie beim NPD-Verbot: Wenn man die verbietet, verschwindet das Denken nicht." Man könne nur hoffen, dass die Menschen auf diese Weise zum Nachdenken angeregt werden.

Und letztlich sei es auch aus wirtschaftlicher Perspektive für deutsche Unternehmen kaum zu vertreten, Rassismus und rechten Parolen Platz zu bieten. "Die Migration stärkt den Wirtschaftsstandort. Das ist ein wichtiges Signal", sagt Lüdecke.

Auch Dirk wird sich vermutlich demnächst nach einem neuen Job umschauen müssen. Sein Arbeitgeber wird ihm seine Äußerungen wohl nicht durchgehen lassen. Kommende Woche muss er beim Betriebsrat vorsprechen. Das sei nötig, damit seine Kündigung auch wirksam werde, erklärt Sprecherin Frühe. Ob sich Dirk in Zukunft zurücknimmt, ist allerdings ungewiss. Ganz oben auf seiner Facebook-Seite hat er ein Bild der rechten Gruppe "Aufwachen Deutschland" geteilt. Darauf zu sehen ist der Schriftzug "Grenzen dicht! Für die Sicherheit unserer Bürger!"

Quelle: n-tv.de

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