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Afghanische Regierungstruppen ziehen sich vor den anrückenden Taliban aus Kundus zurück.
Afghanische Regierungstruppen ziehen sich vor den anrückenden Taliban aus Kundus zurück.(Foto: imago/Xinhua)

Islamisten erobern Provinzhauptstadt: Regierung: Kundus fällt an Taliban

Die Offensive der Taliban auf Kundus ist offenbar erfolgreich: Laut dem afghanischen Innenministerium fällt die Stadt an die Islamisten. Doch die Regierungstruppen sammeln sich zum Gegenschlag - am Flughafen, wo Hunderttausende Zivilisten sind.

Zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus haben die radikalislamischen Taliban die nordafghanische Provinzhauptstadt erobert. "Die Stadt ist unglücklicherweise an die Taliban gefallen", sagte ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums in Kabul.

"Die Regierungstruppen bereiten eine Offensive am Flughafen (Kundus) vor", sagte Sedikki weiter. Der Flughafen ist noch unter Kontrolle der Regierung. "Verstärkung ist eingetroffen. Wir versuchen, die Stadt zurückzuerobern. Im Moment können wir keine Opferzahlen bestätigen." Auf den Straßen lägen jedoch zahlreiche Leichen, wie afghanische Medien unter Berufung auf Einwohner berichteten.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid teilte mit: "Nach der Eroberung des Polizei-Hauptquartiers und des Gouverneursgebäudes ist nun ganz Kundus als erste Hauptstadt einer Provinz unter unserer Kontrolle." Ein Taliban-Kommandeur in Kundus-Stadt namens Mullah Usman sagte: "Unsere Kämpfer bewegen sich nun in Richtung des Flughafen-Hügels vor, wo sich der Feind versteckt." Die Taliban hätten den Sitz des Gouverneurs, das Gebäude des Provinzrats und eine Radiostation in Brand gesetzt. Ein Regierungsmitarbeiter in Kundus-Stadt, der anonym bleiben wollte, meinte: "Taliban-Kämpfer mit ihren Waffen sind überall in der Stadt." Nach Angaben des Polizeisprechers leisteten die Regierungskräfte noch "Widerstand in einigen Gebieten" der Stadt.

UN-Gebäude geplündert

Vizegouverneur Hamdullah Daneschi wurde nach Berichten von Augenzeugen zum Flughafen gebracht, wohin viele der rund 300.000 Bewohner der Stadt geflohen waren. Dort unterhalten die afghanischen Sicherheitskräfte Stützpunkte. Der Gouverneur hielt sich bereits vor dem Angriff der Taliban im Ausland auf.

Ein Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation sagte, Ausländer hätten sich ebenfalls am Flughafen außerhalb der Stadt versammelt. Lokale Medien berichteten, die Vereinten Nationen hätten ihr Personal aus Kundus abgezogen. Das UN-Gebäude sei danach von den Taliban geplündert worden. Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hatte schon vor der Offensive alle internationalen Mitarbeiter aus Kundus herausgebracht.

Das Auswärtige Amt schätzte die Entwicklung als "kritisch" ein. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilte mit, in ihrem Krankenhaus in Kundus seien seit Montagmorgen mehr als 100 Verwundete behandelt worden, 36 davon schwebten in Lebensgefahr.

"Flagge im Stadtzentrum gehisst"

"Die Taliban haben ihre weiße Flagge im Stadtzentrum gehisst", sagte bereits zuvor der Vizegouverneur der Provinz Kundus. Damit waren die Taliban bis auf einige hundert Meter an den Gouverneurspalast vorgedrungen, der jedoch zuletzt von starken Einheiten von Armee und Polizei verteidigt wurde. Dort lieferten sich Regierungseinheiten und Taliban heftige Kämpfe.

Bereits zuvor hatten sie mehrere Regierungsgebäude eingenommen. Auch das Provinzkrankenhaus mit 200 Betten wurde von den Taliban erobert. Aus einem Gefängnis, das von den Islamisten eingenommen wurde, entließen sie mehr als 600 Gefangenen. Dort inhaftierte Taliban-Kämpfer schlossen sich den Gefechten gegen Armee und Polizei an.

Menschen sollen in Häusern bleiben

Die Bewohner der Stadt verschanzten sich in ihren Häusern. Dazu hatten die Taliban selbst aufgerufen. Viele flohen aber auch Richtung Flughafen. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid teilte über Twitter mit, in dem eingenommenen Krankenhaus suchten Taliban-Kämpfer nach "verwundeten feindlichen Soldaten". Einige Polizisten seien gefangengenommen worden. Die Taliban hätten Fahrzeuge und Waffen erobert und setzten ihren Vormarsch fort.

Es war bereits das dritte Mal in diesem Jahr, dass die Taliban versuchten, Teile von Kundus zu erobern. Im Juni hatten die afghanischen Streitkräfte einen Angriff abgewehrt. Der Einmarsch in eine Provinzhauptstadt wäre für die Islamisten ein Meilenstein in ihren seit fast 14 Jahren anhaltenden Kämpfen.

Die Bundeswehr betrieb in Kundus bis 2013 ein großes Feldlager. Die Gewalt in Afghanistan hat in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Der Nato-Kampfeinsatz endete im Dezember 2014. Seither sind deutlich weniger ausländische Soldaten im Land, deren Auftrag die Ausbildung und Beratung der afghanischen Sicherheitskräfte ist.

Quelle: n-tv.de

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