Politik
Der Westen sieht in Russlands Präsident Putin den Aggressor. Gabriele Krone-Schmalz sagt: "Man sollte nicht holzschnittartig Gut und Böse aufteilen."
Der Westen sieht in Russlands Präsident Putin den Aggressor. Gabriele Krone-Schmalz sagt: "Man sollte nicht holzschnittartig Gut und Böse aufteilen."(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Krone-Schmalz im Interview: "Russlands Ängste muss man anerkennen"

Als Korrespondentin hat Gabriele Krone-Schmalz vier Jahre lang in Moskau gelebt. Im Interview mit n-tv.de wirbt die Journalistin für mehr Verständnis mit Russland und Präsident Wladimir Putin. Den Begriff Putin-Versteher mag die 64-Jährige allerdings überhaupt nicht.

n-tv.de: Sie haben gestern am Petersburger Dialog teilgenommen, einem Forum, das die Verständigung zwischen Deutschland und Russland fördern soll. Wie war die Atmosphäre?

Zwischen 1987 und 1991 war Gabriele Krone-Schmalz ARD-Korrespondentin Moskau. Anschließend moderierte sie für einige Jahre den "Kulturweltspiegel" und schrieb verschiedene Bücher über Russland.
Zwischen 1987 und 1991 war Gabriele Krone-Schmalz ARD-Korrespondentin Moskau. Anschließend moderierte sie für einige Jahre den "Kulturweltspiegel" und schrieb verschiedene Bücher über Russland.(Foto: imago stock&people)

Gabriele Krone-Schmalz: Die Atmosphäre war gut und traurig gleichzeitig. Gerade in solchen Situationen bewährt es sich, wenn man Institutionen hat, die sich dem Dialog verpflichtet fühlen. Die Stimmung der Konferenz war nicht bösartig, sondern besorgt, wie man die Kuh vom Eis kriegt. Die Situation ist verfahren.

Der Dialog wurde von zwei Tagen auf zwei Stunden gekürzt. Wie intensiv lässt sich in dieser kurzen Zeit diskutieren?

Im Prinzip versucht man die Quadratur des Kreises, was nicht gelingen kann. Der Anlass ist jedoch passend, insbesondere mit Blick darauf, dass vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg begonnen hat. Darüber lohnt es sich in der aktuellen Situation mehr denn je nachzudenken. In zwei Stunden ist das natürlich schwierig bis unmöglich.

Kanzlerin Merkel hat 2013 gesagt: "Nur im offenen Dialog, der mit einschließt, auch eigene Standpunkte zu hinterfragen, können letztendlich Verständnis und Vertrauen wachsen." Sehen Sie Anhaltspunkte dafür, dass Deutschland oder Russland ihre Haltungen im Ukraine-Konflikt kritisch hinterfragen?

Das geschieht auf russischer Seite fast noch mehr als auf deutscher. Man versucht, dem anderen das eigene Verhalten zu erklären. Der springende Punkt ist, dass man denjenigen, die aus einer anderen Gesellschaft kommen, zuhört und zwar so unvoreingenommen wie möglich.

Sie sagen, die russische Seite hinterfrage ihr Handeln stärker. Können Sie dafür Beispiele nennen?

Was mir auffällt, ist dieses um Verständnis werben, warum gewisse Dinge sich so hochgeschaukelt haben. Dafür ist der Blick in die Vergangenheit nötig. Manche martialischen Äußerungen des Westens kommen mir sehr ahistorisch vor. Jeder muss sehen, welche Entwicklung Russland hinter sich hat. So lange ist die Sowjetunion ja noch nicht her. Man kann nicht auf der einen Seite die Ängste ernst nehmen, die es in Polen und den baltischen Staaten gibt, aber gleichzeitig die Ängste der Russen nicht anerkennen.

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Lässt sich dadurch rechtfertigen, dass Russland die Aufständischen in der Ostukraine unterstützt?

Ich bin immer dafür, dass man den Blick so weit wie möglich schweifen lässt und so viele Seiten wie möglich miteinbezieht. Das Engagement der westlichen Welt und von Russland sollte in der Berichterstattung viel stärker gegenübergestellt werden. Aus meiner Sicht hat der Konflikt damit angefangen, dass versäumt wurde, zu erklären, was das EU-Assoziierungsabkommen für die Ukraine bedeutet. Jeder hätte wissen müssen, dass es die Ukraine zerreißt. Dazu kommt: Anfangs war es fast ein Sakrileg, wenn jemand die Idee hatte, dass Russland mit am Tisch sitzen müsse. Da hieß es: Was hat Moskau damit zu tun? Eben doch eine ganze Menge, wie ich finde. Deshalb sollte man heute deutliche Worte in beide Richtungen finden und nicht holzschnittartig Gut und Böse aufteilen.

Zweifeln Sie denn daran, dass Moskau die prorussischen Aktivisten in der Ostukraine fördert?

Wenn ich es genau wüsste, würde ich das sagen. Fakt ist: Der Westen hat ein Interesse an der Ukraine und Russland auch. Allerdings gehe ich davon aus, dass es überhaupt nicht im Interesse Moskaus ist, sich dort Landesteile einzuverleiben. Das wäre viel zu teuer und kompliziert. Russland sieht die Ukraine - die Krim ist eine andere Baustelle - als ein Territorium, das sich nicht notgedrungen zwischen Ost und West entscheiden muss. Beide Länder sind so stark miteinander verwoben, dass es weite Teile in die Luft sprengen würde, wenn man die Ukraine vor diese Alternative stellt.

Wie Sie es beschreiben, geschieht vor allem Russland Unrecht in der westlichen Wahrnehmung.

Ein konkretes Beispiel: Es heißt immer, Russland dreht den Gashahn zu. Ganz selten wird erwähnt, dass die Ukraine seit Jahren Schulden in astronomischen Höhen vor sich herschiebt. Ich bin ziemlich sicher, dass auch in rechtsstaatlich verfassten Staaten, wo Marktwirtschaft herrscht, längst jemand gesagt hätte: Entweder du zahlst oder du kriegst nichts mehr! Natürlich lässt sich so etwas politisch ausnutzen, aber die Basis ist eine andere.

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Sie fordern mehr Verständnis mit Russland. In diesen Tagen fällt häufig der Begriff Putin-Versteher …

Dinge zu verstehen, bedeutet ja nicht, dass man sich ihnen moralisch stellt. Es heißt lediglich, dass man Zusammenhänge begreift und durchschaut. Wenn man also Russland oder die USA versteht, hat man einen großen Vorteil: Man kann Verhaltensweisen des jeweiligen Landes ganz anders einsortieren. Wie der Begriff in diesen Tagen gebraucht wird, ist allerdings hochgradig problematisch. Es wird zur Ausgrenzung und Diffamierung benutzt, sonst müsste es ja auch USA-Versteher geben.

Sie haben mehrere Jahre in Russland gelebt. Inwiefern hat das Ihre Haltung zu Moskau beziehungsweise Ihr Verständnis für die Politik von Wladimir Putin beeinflusst?

Wenn man jahrelang mit einzigem Wohnsitz in einem anderen Land lebt und mit offenen Augen durch die Gegend läuft, dann führt das zwangsläufig dazu, dass man viel mehr davon versteht, wie die Menschen dort ticken. Ich habe in der Zeit zwischen 1987 und 1991 in Russland gelebt. Das immunisiert für lange Zeit gegen dummes Gequatsche über dieses Land.

Fällt Ihnen ein Beispiel ein, das veranschaulicht, dass die Dinge in Russland anders laufen?

Als mein Mann und ich damals nach Russland gegangen sind, habe ich erwartet, dass wir früher oder später als Drecks-Deutsche oder Nazis beschimpft werden. In der Sowjetunion gibt es ja kaum eine Familie, die nicht mindestens ein Familienmitglied im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Ich hatte also damit gerechnet, weil mir auf Reisen in den Niederlanden und in Frankreich solche Verhaltensweisen begegnet sind. Aber dies ist mir in der gesamten Zeit in Russland kein einziges Mal passiert. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich weiß, Verallgemeinerungen sind immer schlecht, aber ich glaube, die Menschen dort sind in der Lage, auf eine Art zu differenzieren, die uns im Westen fast fremd ist.

Auch nach dem Friedensgipfel in Genf beruhigt sich die Lage in der Ukraine nicht. Wie groß ist Ihre Hoffnung auf Entspannung?

Das ist eine fiese Frage. Ich hätte gerne Hoffnung. Trotz meines fortgeschrittenen Alters habe ich den Glauben an die Intelligenz der Menschheit noch nicht verloren. Ich vertraue auf den Druck von Gesellschaften, die nicht mehr Willens sind, irgendwelche Kriegstreiberei mitzumachen. Ein großes Risiko liegt jedoch darin, dass sowohl im Westen als auch im Osten der Ukraine bewaffnete Milizen ihr Unwesen treiben, die weder auf Washington noch auf Moskau hören.

Mit Gabriele Krone-Schmalz sprach Christian Rothenberg

Krise in der Ukraine: Die Brennpunkte im OstenStepMap

Quelle: n-tv.de

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