Politik
Konzept mit elf Varianten: Die gepanzerten "Missionsmodule" des "Boxers" lassen sich je nach Auftrag oder Lage austauschen.
Konzept mit elf Varianten: Die gepanzerten "Missionsmodule" des "Boxers" lassen sich je nach Auftrag oder Lage austauschen.(Foto: artec-boxer.com)

Deutsche "Boxer" für Stadt und Wüste: Saudis wollen Panzer kaufen

Eine Anfrage aus Riad heizt die Diskussion um Rüstungsexporte aus Deutschland neu an: Neben dem Kampfpanzer "Leopard 2" interessieren sich die Saudis nun auch für den Truppentransporter "Boxer". Riad will angeblich gleich mehrere Hundert der hochmodernen Waffensysteme in Deutschland ordern.

Exporterfolge mit Waffen: Für die deutsche Rüstungsindustrie wäre es ein höchst lukrativer Auftrag.
Exporterfolge mit Waffen: Für die deutsche Rüstungsindustrie wäre es ein höchst lukrativer Auftrag.(Foto: artec-boxer.com)

Die beiden deutschen Rüstungsspezialisten Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann müssen einen überaus zahlungskräftigen Kunden wohl weiter vertrösten: Presseberichten zufolge will Saudi-Arabien in Deutschland mehrere Hundert Radpanzer vom Typ "Boxer" bestellen. Das Königreich habe entsprechendes Interesse bekundet, hieß es.

Bei größeren Rüstungsexportgeschäften muss der Bundessicherheitsrat seine Zustimmung geben. Die Anfrage sei am vergangenen Montag in der geheimen Sitzung des Kabinettsausschusses verhandelt worden, berichtete der "Spiegel". Die Sitzungsteilnehmer hätten ihre Entscheidung dabei jedoch auf das kommende Jahr verschoben. Den Vorsitz im Bundessicherheitsrat führt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Der "Boxer" zählt zu den modernsten Gefechtsfahrzeugen der Welt. Der bis zu 33 Tonnen schwere Panzer ist bei der Bundeswehr unter anderem in der Basisversion als "Gruppentransportkraftfahrzeug" (GTK) in Afghanistan im Einsatz. Rheinmetall und KMW sind über eine gemeinsame Tochter, die Artec GmbH, an der Herstellung des vierachsigen Radpanzers beteiligt.

Bei einem Stückpreis von etwa 3,3 Millionen Euro könnte das Auftragsvolumen für die Hersteller schnell einen dreistelligen Millionenbetrag erreichen. Dazu kämen Extras wie besondere Rüstsätze oder spezielle Aufbauten sowie Folgeaufträge aus den Bereichen Wartung, Erweiterung und Ersatzteillieferungen.

Auch für den europäischen Luftfahrtkonzern EADS könnten sich mittelfristig lukrative Effekte aus dem Rüstungsdeal ergeben. Für die Transportflugzeuge der saudischen Luftwaffe ist der "Boxer" nämlich zu schwer. Um eine rasche Verlegung auf dem Luftweg zu gewährleisten, müssten die Militärplaner in Riad von ihren veralteten Transportern C-130 "Hercules" umsteigen auf eine größere Lösung wie zum Beispiel den A400M "Grizzly" von Airbus. Auf dessen Laderaum ist der Boxer ausgelegt.

Die Leo-Debatte flammt wieder auf

Saudi-Arabien hatte in der Vergangenheit bereits Interesse an deutschen Kampfpanzern vom Typ "Leopard 2" gezeigt. Dem Magazin zufolge soll die saudische Nationalgarde auf modernstes internationales Niveau aufgerüstet werden. Waffenexporte in das arabische Land stoßen wegen der Menschenrechtslage und der verbreiteten Unterdrückung von Frauen regelmäßig auf scharfe Kritik. Truppen aus Saudi-Arabien waren im März 2011 an der Niederschlagung der Proteste in Bahrein beteiligt.

Die Grünen warnten die Bundesregierung vor dem Waffengeschäft. Merkel stehe "für einen radikalen Paradigmenwechsel in der Außenpolitik", sagte Parteichefin Claudia Roth der "Süddeutschen Zeitung". Die Kanzlerin bewege sich "weg von der restriktiven Rüstungsexportpolitik" und "hin zu einer Doktrin, die auf Waffen und Militär setzt". Damit mache sich Merkel "zur Kumpanin von Menschenrechtsverletzern, im Fall von Saudi-Arabien sogar von militanten Fundamentalisten", sagte Roth.

Laut Rüstungsexportbericht für 2011 lag Saudi-Arabien auf Platz zwölf der größten Empfänger deutscher Rüstungsgüter. Die Ausfuhr von Rüstungsgütern in das autoritär geführte Königreich Saudi-Arabien ist offenbar auch innerhalb des Bundessicherheitsrates umstritten. So zumindest ließe sich die kurzfristig verschobene Entscheidung erklären. Der "Boxer", so betont der "Spiegel", sei auch zur Aufstandsbekämpfung geeignet.

Rüstungsexperten der Bundeswehr sehen den Nutzen des "Boxers" vor allem in seinen Kompromissen aus Mobilität und Schutz für die Insassen. "Die Einsatzszenarien der Infanterie verlangen heute eine hoch mobile Truppe, die ihre Fähigkeiten im Verbund mit gepanzerten Truppen auch über große Entfernung, in urbaner Umgebung und auf Basis hoher taktischer Bewegung im jeweiligen Schwerpunkt zur Wirkung bringt", heißt es dazu beim deutschen Heer. "Nur mit einem Transportmittel für Soldaten und Gerät, das die notwendige Mobilität, den bestmöglichen Schutz und die erforderliche Wirkungsunterstützung bereithält, werden diese Fähigkeiten allerdings tatsächlich verfügbar gemacht werden können."

Aktive Rüstungsexportpolitik

Saudi-Arabien ist längst nicht das einzige Land, das in Deutschland Waffen kaufen möchte. Weitere Anfragen seien im Bundessicherheitsrat anstandslos durchgegangen, hieß es. Der Kabinettsausschuss habe die Ausfuhr von deutschen Abschussgeräten für schultergestützte Panzerabwehrwaffen und bunkerbrechende Munition der deutschen Wehrtechnikfirma Dynamit Nobel Defence aus Nordrhein-Westfalen an Israel genehmigt, berichtete der "Spiegel" weiter.

Die israelischen Streitkräfte könnten die Waffen dem Bericht zufolge auch im Kampf gegen die Hamas im Gazastreifen einsetzen. Die Anfrage aus Israel liege zudem schon länger vor: Noch im Sommer sei sie vertagt worden.

Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher kritisierte die freizügige deutsche Rüstungspolitik. "Die deutsche Zurückhaltung in der Rüstungsexportpolitik hat sich auch rückblickend als richtig erwiesen, und man sollte daran festhalten", sagte der FDP-Politiker. Für das Jahr 2012 hat die Bundesregierung noch keine Zahlen zu Rüstungsexporten veröffentlicht.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen