Politik
Silvester-Abend 2015 in Köln.
Silvester-Abend 2015 in Köln.(Foto: dpa)

Leser und Zuschauer sind mündig: Schluss mit der gefühlten Zensur

Ein Kommentar von Tilman Aretz

Der Presserat diskutiert über die Ziffer 12.1 des Pressekodexes. Es geht um die Frage, wie mit Nationalität und Religionszugehörigkeit von Straftätern umzugehen ist. Ist 12.1 noch zeitgemäß? Nein, er gehört abgeschafft.

Am 15. Januar 2015 verschickte die Deutsche Presseagentur folgende Nachricht: 

"Bei Ausschreitungen nach dem tödlichen Sturz eines mutmaßlichen Räubers aus dem Hamelner Amtsgericht sind mehr als ein Dutzend Polizisten verletzt worden. Aufgebrachte Angehörige des Tatverdächtigen versuchten (…), das Klinikum zu stürmen, in dem Ärzte vergeblich um das Leben des Mannes kämpften. Dabei wurden Polizisten vor dem Krankenhaus mit Pflastersteinen und Pfefferspray attackiert (…). 14 Beamte wurden verletzt. Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) sprach von 'hemmungsloser Gewalt'. Der Sprecher der niedersächsischen Stadt, Thomas Wahmes, sagte, Hameln befinde sich nach den Gewalttaten 'in einem schockähnlichen Zustand'.

Der Pressekodex - Richtlinie 12.1

Berichterstattung über Straftaten
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Der mutmaßliche Räuber war (…) beim Fluchtversuch aus dem siebten Stockwerk des Gerichts abgestürzt. (…) 'Die Mitglieder der Großfamilie schleuderten Steine, die sie zuvor aus dem Pflaster gerissen hatten, auf die zum Schutz der Klinik eingesetzten Beamten und griffen diese auch mit Pfefferspray an', sagte Polizeisprecher Jens Petersen. Am Klinikum gingen (…) mehrere Scheiben und die Glastür zu Bruch. Die Angehörigen seien teilweise aus anderen Bundesländern angereist. Einer kleinen Gruppe von Angreifern sei es zudem gelungen, das Klinikum durch einen Hintereingang zu stürmen. Landrat Bartels sagte: 'Wir haben eine Tragödie und eine schreckliche Gewalteskalation erlebt.' Gegen die Mitglieder der Großfamilie wurden Ermittlungen wegen Körperverletzung, Landfriedensbruch und Sachbeschädigung eingeleitet. Festnahmen gab es zunächst nicht."

Was ist denn bloß im beschaulichen Hameln losgewesen? Was mag sich hinter Großfamilien im Weserbergland verbergen? Die dpa verschweigt es, mit Hinweis auf Ziffer 12.1 des Pressekodexes, dem Schutz von Minderheiten vor Diskriminierung. Zum Verständnis der Ereignisse sei die Nennung des Migrationshintergrundes der Täter - es handelte sich übrigens um eine libanesische Großfamilie - "nicht zwingend notwendig", schreibt die dpa auf Nachfrage. Was für ein Irrtum.

Es ist der einzige Sachverhalt, der zum Verständnis der Nachricht beiträgt. Denn Großfamilien, die versuchen, kriminelle Angehörige mit Gewalt aus den Händen des Staates zu befreien, sind (glücklicherweise) eher nicht üblich in Deutschland. Versuchen Sie mal, innerhalb von 24 Stunden 30 Familienangehörige aus dem gesamten Bundesgebiet zu mobilisieren, die mit Steinen und Reizgas bewaffnet Polizisten attackieren und ein Krankenhaus stürmen.

Es gibt Dutzende weiterer Beispiele. Ein Parkplatzmord im Juni 2014 in Baden-Württemberg. Vater und Sohn locken den mutmaßlichen Vergewaltiger der Schwester in einen Hinterhalt und ermorden ihn. Wir erfahren nichts über die Täter. In späteren Meldungen steht dann etwas von Ehrenmord. Im September des Jahres versetzt eine Familienfehde Lüneburg in Angst und Schrecken. Es ist von einer Eskalation der Gewalt die Rede, von Familienclans. Über den türkisch-libanesischen und türkisch-kurdischen Hintergrund der Beteiligten erfahren wir nichts.

Weil Nachrichtenagenturen, Redaktionen und selbst die Pressestellen von Polizei und Strafverfolgungsbehörden - die damit eigentlich gar nichts zu tun haben - mit Hinweis auf den Pressekodex die Herkunft von Straftätern verschweigen, aus Angst, etwas falsch zu machen.

Differenzierung, nicht Gleichmacherei

Mitnichten geht es darum, Stigmatisierung und Diskriminierung zu fördern. Und ja, Kritiker einer Aufweichung von 12.1 haben recht, wenn Sie darauf verweisen, dass wir zu Vereinfachung neigen. Dass Menschen nun einmal so "ticken" und Stereotypen das Leben erleichtern und die Wirklichkeit dann zu Unrecht verkürzen, verfälschen.

Nur: Es gibt nicht die Wirklichkeit. Sie ist so, wie wir alle sie machen, wie wir sie wahrnehmen und vor allem, wie wir über sie erzählen. Deshalb sollten Medien versuchen, möglichst nüchtern, möglichst neutral, möglichst genau an den überprüfbaren Fakten zu bleiben. Und darum auch nichts dazudichten. Aber das Weglassen von Zusammenhängen und Fakten ist die gleiche Verfälschung, nur in die andere Richtung. Das merkt auch das Publikum. 

Man kann nur appellieren: Nehmt eure Leser, eure Zuhörer und Zuschauer ernst. Es sind mündige Bürger. "Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte", heißt es im letzten Satz von 12.1. Stimmt: könnte. Dass es auch unter den 11,6 Millionen n-tv.de-Lesern ein paar gibt, deren Ressentiments durch solche Meldungen bestärkt werden: Geschenkt. Wichtiger ist, dass das Nicht-Erwähnen von Zusammenhängen Vorurteile gegenüber Minderheiten – und auch den Medien selbst -  schürt, weil es sich der Differenzierung verweigert.

Journalisten kommen nicht darum herum, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Sie müssen in jedem einzelnen Fall entscheiden, ob die Herkunft, die Religion oder vielleicht die sexuelle Neigung einer Person erwähnt werden muss, um einen Sachverhalt zu erhellen. Oder ob das keine Rolle spielt und daher wegzulassen ist. "Pole missachtet Rechts-vor-Links: 76-jährige Rentnerin stirbt". Nein, das ist Unsinn. "2400 Euro erbeutet: Homosexuelle überfallen Tankstelle". Ja, und? Aber dass der Großteil der Wohnungseinbrüche in Berlin auf das Konto osteuropäischer Banden geht, ja, das sollte man sagen. 

Und wenn in Köln auf der Domplatte Frauen umzingelt werden, ihnen die Slips runtergerissen, sie betatscht und ihnen Finger in die Vagina gesteckt werden, dann muss man sagen, was da los war. Und dass das nichts mit der Form von sexueller Gewalt zu tun hat, die es natürlich und leider auch in deutschen Familien und Sozialräumen gibt. Die Täter waren in der Mehrheit Nordafrikaner. Vermutlich wussten sie auch, dass so etwas in Deutschland verboten ist, denn es gehört auch bei ihnen zu Hause nicht zu den üblichen Umgangsformen. Natürlich waren das alles fiese Kerle. Und natürlich sind nicht alle Nordafrikaner fies.

Das alles muss man sagen. Sehr deutlich. Es ist wichtig. Sonst kommen wir nicht zusammen.  

"Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden", heißt es im Pressekodex, Ziffer 12. Ja, so ist es. 12.1. gehört ersatzlos gestrichen.

Quelle: n-tv.de

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