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Am Nachmittag trafen Experten der OSZE an der Absturzstelle ein. Sie hätten sich allerdings nicht uneingeschränkt bewegen können, heißt es.
Am Nachmittag trafen Experten der OSZE an der Absturzstelle ein. Sie hätten sich allerdings nicht uneingeschränkt bewegen können, heißt es.(Foto: REUTERS)

80 Kinder unter den 298 Toten: Separatisten behindern OSZE-Beobachter

Noch am Nachmittag garantieren die prorussischen Separatisten der OSZE einen freien Zugang zur Absturzstelle von MH17 in der Ostukraine. Vor Ort sieht die Sache plötzlich ganz anders aus. Die OSZE ist empört. Bei der Suche nach den Schuldigen für die Katastrophe zeigen die USA mit dem Finger auf Moskau.

Prorussische Separatisten haben internationalen Beobachtern den vollständigen Zugang zur Absturzstelle des malaysischen Passagierflugzeugs in der Ukraine verwehrt. Die Beobachter könnten sich nicht uneingeschränkt bewegen, hieß es von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien. Berichte, wonach die etwa 20 OSZE-Vertreter beschossen worden seien, dementierte die Organisation. Es seien in der Nähe der Gruppe Schüsse abgefeuert worden, hieß es lediglich. Die Beobachter sollten über die Situation vor Ort berichten.

Der Ständige Rat der OSZE hatte zuvor nach einer Sondersitzung den uneingeschränkten Zugang internationaler Vertreter zum Absturzgebiet gefordert. Dem Gremium aus 57 Nationen gehören auch Russland und die Ukraine an. Die Führung der Separatisten hatte den OSZE-Beobachtern zuvor freien Zugang zum Unglücksort zugesichert.

Der ukrainische Regierungschef Arseni Jazenjuk hatten den Separatisten bereits im Laufe des Tages eine massive Behinderung der Helfer an der Absturzstelle des malaysischen Passagierflugzeugs vorgeworfen. "Diese Banditen lassen eine Untersuchung der Tragödie durch unsere Leute nicht zu", sagte Jazenjuk. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko warf den Separatisten vor, Beweise zu vertuschen. Darauf deute die Ankündigung hin, den Flugschreiber (Black Box) zunächst nach Moskau zu schicken.

Rakete offenbar im Separatisten-Gebiet gestartet

Obama hat den Verantwortlichen benannt: Russlands Präsident Putin - weil der die Waffenlieferungen an die Separatisten unterstützt habe.
Obama hat den Verantwortlichen benannt: Russlands Präsident Putin - weil der die Waffenlieferungen an die Separatisten unterstützt habe.(Foto: AP)

In Washington war am Nachmittag US-Präsident Barack Obama davon ausgegangen, dass das über der Ostukraine abgestürzte Passagierflugzeug "sehr wahrscheinlich" von prorussischen Separatisten abgeschossen wurde. Das gehe aus einem vorläufigen Geheimdienstbericht hervor. Obama forderte auch eine sofortige Waffenruhe. Es müsse eine glaubwürdige internationale Untersuchung des Vorfalls geben und die Ermittler dürften dabei nicht behindert werden.

Zudem gehen die USA davon aus, dass die Boden-Luft-Rakete aus dem von prorussischen Separatisten besetzten Gebiet abgeschossen wurde. "Wir wissen noch nicht genau, was passiert ist", räumte Obama ein. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass ein Flugzeug von den Aufständischen abgeschossen worden sei. Die Gruppe habe anhaltende Unterstützung von den Russen erhalten. Dazu gehöre Waffentraining und auch Flugabwehrgeschütze. Eine militärische Rolle der USA in dem Konflikt sehe er nach wie vor nicht.

"Wir können nicht ausschließen, dass russisches Personal beim Betrieb dieser Systeme geholfen hat", hatte zuvor die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, gesagt.

Im Schwarzen Meer befinden sich US-Schiffe, die mit Radargeräten den Luftraum über der Ukraine überwachen können. Die aufsteigenden Raketen können von dort aus bis auf ungefähr einen Kilometer genau geortet werden. Der Abschuss dürfte auch auf Bildern von US-Satelliten zu sehen gewesen sein.

Zudem gibt es noch unbestätigte Berichte, wonach die infrage kommende Buk-Abschussstation samt Personal aus Russland gekommen sein soll. Beim Versuch der Rückführung des Geräts über die Grenze nach Russland, soll es zwei Festnahmen gegeben haben.

UN verlangen umfassende Aufklärung

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Der UN-Sicherheitsrat forderte eine unabhängige Untersuchung des mutmaßlichen Abschusses. In einer einstimmigen Erklärung verlangte das Gremium am UN-Sitz in New York eine "umfassende, gründliche und unabhängige internationale Untersuchung des Vorfalls im Einklang mit den Richtlinien der internationalen Zivilluftfahrt". Auf der Sondersitzung teilte eine Sprecherin der Vereinten Nationen mit, dass unter den 298 Toten auch insgesamt 80 Kinder waren. "Der Verlust von 80 Kindern ist verheerend", sagte die Diplomatin Philippa King.

Die 15 Mitgliedsländer des Sicherheitsrates riefen zudem "alle Parteien" dazu auf, den Ermittlern "sofortigen ungeschränkten Zugang" zu der Absturzstelle zu gewähren.

Boden-Luft-Raketen explodieren in der Regel in etwa zehn Metern Entfernung vom Zielobjekt, das dann von den Splittern getroffen und zum Absturz gebracht wird. Das Flugzeug dürfte also erst durch den Aufprall komplett zerstört worden sein.

Putin setzt auf Verhandlungen

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In Moskau äußerte der russische Präsident Wladimir Putin die Hoffnung auf eine Lösung des Ukraine-Konflikts. Er stehe mit Poroschenko "in Kontakt", sagte Putin. Er hoffe, "dass wir es schaffen", allen Menschen in der Ukraine einen Weg aufzuzeigen, der "zu einem endgültigen, vollständigen und langfristigen Frieden in dem Land führt". Er rief beide Seiten zu einem Waffenstillstand auf. Mit dem Schritt sollten Verhandlungen ermöglicht werden. Zuvor hatte Putin der Ukraine indirekt die Schuld für das Unglück gegeben.

War Putins Maschine das Ziel?

Derweil treiben in Moskau die Spekulationen über die Hintergründe teils skurrile Blüten: Im staatlich kontrolliertem Fernsehen wurde die These vertreten, Putins Flugzeug könnte das eigentliche Ziel der möglicherweise abgefeuerten Rakete gewesen sein. Der Sender Russia 24 zitierte einen Vertreter der zivilen Luftfahrt mit dem Hinweis, das Logo auf dem malaysischen Flugzeug "sieht aus wie die russische Trikolore". Tatsächlich war Putin am Donnerstag von Lateinamerika aus zurück nach Russland geflogen. Seine Maschine flog ebenso wie der Flug MH17 von Malaysia Airlines über Osteuropa - ungefähr zur selben Zeit, wie der Sender Perwy Kanal feststellte.

Zudem wollen Augenzeugen ein zweites Flugzeug über der Absturzstelle gesehen haben. Der Perwy-Kanal mutmaßte, dass eine ukrainische Militärmaschine in den Absturz von MH17 verwickelt gewesen sein könnte. Einheimische hätten einen Menschen mit Fallschirm in der Region abspringen sehen. Von einem beschossenen oder gar abgestürzten zweiten Flugzeug fehlt bislang jede Spur.

Zahl der niederländischen Opfer steigt

Bei dem Absturz des in Amsterdam gestarteten Flugzeugs waren am Donnerstag 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder gestorben. Nach neuesten Angaben der Fluglinie waren 189 Niederländer an Bord. Die Niederlande sind entsetzt und trauern um ihre Toten. Die Angehörigen werden abseits der Medien von Psychologen betreut.

Malaysia Airlines verwies darauf, dass die Maschine in einem technisch einwandfreien Zustand gewesen sei. Das Wartungsbuch sei in Ordnung gewesen und die Boeing 777 habe "normal funktioniert", sagte der Vize-Präsident für das Europa-Geschäft des Unternehmens, Huib Gorter, in Schiphol. Die Maschine sei seit 17 Jahren im Einsatz und war zuletzt am 11. Juli überprüft worden. Für Malaysia Airlines handelt es sich um die zweite Tragödie innerhalb weniger Monate. Erst Anfang März war der Flug MH370 mit 239 Menschen an Bord auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwunden.

Viele Tote bei neuen Gefechten

Trotz des Flugzeugabsturzes haben sich Regierungseinheiten und prorussische Separatisten in dem Konfliktgebiet heftige Gefechte geliefert. Bei Kämpfen in Lugansk seien mehr als 20 Zivilisten getötet worden, teilte die Stadtverwaltung mit. In Lissitschansk bei Lugansk geriet nach Artilleriebeschuss eine Raffinerie in Brand. Die Arbeiter seien in Schutzkeller geflüchtet, berichtete die Zeitung "Segodnja" auf ihrer Internetseite. Die Aufständischen sprachen ebenfalls von Raketenwerfersalven im benachbarten Ort Sewerodonezk. Nach dem Beschuss eines Umspannwerks in Lugansk sei in 85 Prozent der Großstadt der Strom ausgefallen, hieß es. Die fehlende Energie habe zum zeitweiligen Ausfall der Wasserversorgung geführt, teilte die Stadtverwaltung mit. Die Regierungstruppen würden den Ring um die Stadt immer enger ziehen, sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Andrej Lyssenko. In Marinowka nahe Donezk versuchten Regierungstruppen, zu eingeschlossenen Einheiten vorzudringen. Die Sicherheitskräfte sollen nahe der Grenze zu Russland von Aufständischen eingekesselt sein.

Quelle: n-tv.de

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