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Eine französische Zeitschrift illustriert die brutale Vertreibung der Armenier im Jahr 1915.
Eine französische Zeitschrift illustriert die brutale Vertreibung der Armenier im Jahr 1915.(Foto: imago/Leemage)

Osmanisches Werk, deutscher Beitrag: So half Berlin beim Völkermord

Im Jahr 1915 schickte die Türkei mehr als eine Millionen Armenier in den sicheren Tod.  Der Journalist Jürgen Gottschlich kommt nach Jahren der Recherche zu dem Schluss: "Als Deutscher kann man kein unbeteiligter Beobachter sein."

n-tv.de: Der Hamburger Regisseur Fatih Akin bekam wegen "The Cut", seinem Film über den Völkermord an den Armeniern, im vergangenen Jahr Morddrohungen. Wurden Sie bei Ihren Recherchen bedroht?

Jürgen Gottschlich: Akin ist erst bedroht worden, als der Film schon gezeigt wurde. Wenn überhaupt, stehen mir die Drohungen also noch bevor. Ich rechne aber nicht damit.

In Ihrem Buch geht es nicht vordergründig um die Verantwortung der Türkei für den Völkermord. Die deutsche "Beihilfe" am Völkermord steht im Vordergrund. Sind Sie deshalb so zuversichtlich?

Ja, klar. Der Völkermord ist ein Tabu in der Türkei. Mein Buch ist aber nicht an die türkische Öffentlichkeit adressiert, sondern in erster Linie an die deutsche.

Wie sind Sie auf diese historische Facette gekommen?

Das Buch "Beihilfe zum Völkermord" vom Türkei-Korrespondenten der Taz, Jürgen Gottschlich, ist im Verlag Ch. Links erschienen, hat 344 Seiten und kostet 19,90 Euro.
Das Buch "Beihilfe zum Völkermord" vom Türkei-Korrespondenten der Taz, Jürgen Gottschlich, ist im Verlag Ch. Links erschienen, hat 344 Seiten und kostet 19,90 Euro.

Ich bin ein Deutscher, der vor 15 Jahren als Korrespondent in die Türkei gekommen ist. Je länger ich hier war und mit Leuten über den Völkermord gesprochen habe, desto mehr wurde mir bewusst: Als Deutscher kann man kein unbeteiligter Beobachter sein. Um wirklich zu verstehen, was damals passiert ist, muss man darauf eingehen, dass deutsche Soldaten, deutsche Politiker und deutsche Diplomaten eine Rolle gespielt haben.

Gleich zu Beginn Ihres Buches schildern Sie eines dieser prägenden Gespräche. Es findet in einem Café statt, im Jahr 2007 - kurz nach dem Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink. Ihr Gesprächspartner: ein türkischer Nationalist.

Es gibt eine kleinere Gruppe von türkischen Nationalisten, die beim Thema Völkermord auf einen schmutzigen Trick setzen. Sie sagen: Wenn es den Völkermord überhaupt gegeben haben soll, dann waren es doch nicht wir, sondern die Deutschen.

Eine Argumentation, die Sie zunächst einmal absurd fanden …

Klar, aber als ich auch in Gesprächen mit Armeniern immer wieder zu hören bekam, dass die Deutschen ihre Finger im Spiel hatten, nahm ich die Sache ernst und fing an zu recherchieren.

In Geschichtsbüchern heißt es gewöhnlich: Das Regime der Jungtürken hat im Jahr 1915 entschieden, die Armenier vollständig zu vernichten. Sie sahen die Armenier im Ersten Weltkrieg als Verbündete Russlands und damit als Saboteure an. Welche Rolle also hat Deutschland gespielt?

Deutschland war der wichtigste Alliierte des Osmanischen Reiches und hatte seit 1913 eine hochkarätige Militärmission vor Ort. Deutsche Generäle haben im türkischen Heer an der Planung des Krieges mitgewirkt. Und wenn man sich genauer anguckt, was diese Offiziere getan haben, stellt man fest: Auch sie vertraten die Sicht, dass die Armenier im Rücken der Front eine Bedrohung darstellen, weil sie mit Russland kollaborieren.

Sie zitieren den damaligen deutschen Marineattaché Hans Humann mit den Worten: Die Vertreibung sei "hart, aber nützlich". Welche Interessen hatte Deutschland?

Letztlich war das Ziel der Deutschen, mit England als Weltmacht gleichzuziehen. Die Briten waren in Ägypten und hatten den Suez-Kanal als die kürzeste Verbindung nach Indien. Diesen wichtigen Wasserweg wollte Deutschland angreifen. Dafür brauchte es einen starken türkischen Bündnispartner.

Wie weit reichte der Einfluss von Männern wie Humann? Trafen sie die Entscheidung zur Deportation der Armenier in die syrische Wüste?

Nein, die Hauptverantwortlichen waren die Jungtürken.

War den Deutschen das Ausmaß der Deportationen bekannt? Heute ist von bis zu 1,5 Millionen Toten die Rede.

Das hat mich bei den Recherchen am meisten erschrocken. Die Deportation der Armenier begann im April 1915. Schon Anfang Juli 1915 schrieb der damalige deutsche Botschafter Hans von Wangenheim an den Reichskanzler: Man könne nicht mehr übersehen, dass die Deportation darauf abzielt, die armenische Rasse im Osmanischen Reich zu vernichten.

Wie waren die Reaktionen?

Man hat versucht, das zu vertuschen. Und das war leicht. Nur ein kleiner Kreis von kaum mehr als einem Dutzend Männern wusste überhaupt Bescheid, und in Deutschland herrschte damals Militärzensur.

Gab es keinen Widerstand in diesem Zirkel?

Nachdem der damalige Botschafter im Oktober 1915 an einem Schlaganfall gestorben war, versuchte sein Nachfolger Graf Metternich, etwas zu unternehmen. Metternich forderte die deutsche Regierung auf, keinen Waffennachschub mehr an die Jungtürken zu schicken, wenn die Deportationen weitergehen. Vom damaligen Reichskanzler, Theobald von Bethmann Hollweg, hieß es: Man könne den Verbündeten nicht in dieser Weise in den Rücken fallen. Auch der Rest der Obersten Heeresleitung lehnte ab.

Was ist aus den Verantwortlichen geworden?

Ein Teil hat später bei den Nazis Karriere gemacht. Der letzte deutsche Generalstabschef der Jungtürken, Hans von Seeckt, wurde zum Beispiel Chef der Reichswehr. Nur sehr wenige haben sich gegen die Nazis ausgesprochen. Einer hieß Ernst Jäckh und musste 1933 aus Deutschland fliehen. Ihm verdanken wir wesentliche Einblicke in das, was damals passiert ist. Jäckh nahm sein gesamtes Archiv mit in die USA.

Damit sprechen Sie einen interessanten Punkt an. Die Zeitzeugen sind tot, die Orte des Schreckens sehen heute vermutlich ganz anders aus als vor 100 Jahren. Wie haben Sie für Ihr Buch recherchiert?

Archive und persönliche Nachlässe von den wichtigen Beteiligten sind das Entscheidende. In Deutschland sind da das Militärarchiv zu nennen und das politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Auch in der Türkei gibt es wichtige Archive. Dort ist es mitunter aber sehr schwierig zu arbeiten. Das größte Problem in diesen Archiven ist: Alle Dokumente sind in Osmanisch.

Und dagegen wirkt Latein quicklebendig ...

Osmanisch wurde mit der Sprachreform in der Türkei 1928 abgeschafft. Kaum ein Türke kann heute noch die osmanischen Archive lesen.

Gab es auch politische Hürden?

Das türkische Militärarchiv war sehr wichtig für meine Arbeit. Das liegt beim Generalstab in Ankara. Viele bedeutende Dokumente hat man mir dort einfach nicht gegeben.

Mit welcher Begründung?

Ohne Begründung.

Ihr Buch basiert nicht nur auf Archivmaterial. Es steckt voller Szenen …

Ich wollte natürlich mit Nachkommen der Armenier reden. Ich wollte mir die Tatorte angucken. Es ging mir auch darum, die Geschichte mit der heutigen Gegenwart der Türkei zu verschränken.

Gibt es eine Person oder einen Moment, der besonders eindrücklich war?

In Diyarbakir im Osten der Türkei wurde eine zerstörte armenische Kirche wieder aufgebaut. Der Vorsitzende der Stiftung, die den Wiederaufbau finanziert hat, erzählte mir: Als sie die Ruine entrümpelt haben, stießen sie auf diverse Stücke, die darauf hindeuteten, dass die Kirche noch kurz vor der Zerstörung von Deutschen als Depot und Truppenstandort benutzt wurde. Da wird Deutschlands Rolle plötzlich lebendig und greifbar. Der Leiter der Stiftung sagte auch: Die deutsche Botschaft habe davon nichts wissen wollen.

Bis zum vergangenen Jahr galt jene "große Katastrophe" in der Bundesrepublik nicht einmal als Völkermord. Und Historiker haben sich kaum mit der Verantwortung Deutschlands beschäftigt. War die Devise: Der Holocaust reicht für ein Jahrhundert, mehr müssen wir uns nicht zumuten?

Das spielt psychologisch sicher eine Rolle. Aber es kommt noch etwas hinzu: Warum sollte sich Deutschland freiwillig damit beschäftigen? In der Bundesrepublik gibt es kaum Armenier, die die deutsche Öffentlichkeit dazu zwingen würden, sich mit ihrer Verantwortung auseinanderzusetzen.

Wie denken Armenier über den Umgang Deutschlands mit seiner Verantwortung?

Sie finden, Deutschland könnte sich zumindest ein bisschen mehr bemühen. Jedes Jahr am 24. April ist der Gedenktag des Völkermordes. Am Mahnmal für das Gedenken in Armenien gibt es dann eine große Feier. Bisher war nie ein hochrangiger deutscher Politiker dabei. Ich finde, das wäre jetzt zum 100. Jahrestag eine überfällige Geste.

Mit Jürgen Gottschlich sprach Issio Ehrich

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Quelle: n-tv.de

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