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Ohne Polizeischutz kein Profifußball: Sollten die Vereine dafür bezahlen?
Ohne Polizeischutz kein Profifußball: Sollten die Vereine dafür bezahlen?(Foto: picture-alliance/ dpa)

Kosten für Polizeieinsätze beim Fußball: Streit im uniformierten Block

von Sebastian Schöbel

Die zwei großen deutschen Polizeigewerkschaften sind wie feindliche Fanlager: Wenn es um Fußball geht, sind sie selten einer Meinung. Beide beklagen die hohe Belastung durch die Sicherung von Bundesligaspielen, bei den Lösungen aber wird heftig gestritten. Nur bei einer Sache ist man sich einig: Der Angst vor der kommenden Zweitliga-Saison.

Man könnte Rainer Wendt durchaus als Problem-Fan bezeichnen. Jedenfalls ist der Duisburger bei den Managern des Deutschen Fußballbundes (DFB) und der Deutschen Fußballliga (DFL) aktenkundig: als Unruhstifter, Störenfried, Nervensäge. Nur dass Wendt keine Massenschlägereien auf der Tribüne anzettelt oder volle Bierbecher auf Linienrichter wirft: Wendt ist eine Art Ultra in Grün, er ist Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Und seine größte Leidenschaft in dieser Funktion ist die Kritik am deutschen Fußball-Establishment.

Für die Sicherheit bei Bundesligaspielen leisten Polizisten jährlich tausende Überstunden.
Für die Sicherheit bei Bundesligaspielen leisten Polizisten jährlich tausende Überstunden.(Foto: picture alliance / dpa)

Pünktlich zur Innenministerkonferenz in Frankfurt schockt Wendt den deutschen Profifußball - mal wieder: Die Liga solle sich gefälligst an den erheblichen Kosten beteiligen, die bei der Sicherung von Fußballspielen anfallen. Zum Beweis holt Wendt die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze hervor: 1.217.395 Arbeitsstunden fielen in der Spielzeit 2009/2010 bei den Polizeibehörden der Länder an, 10 Prozent mehr als im Jahr davor. Bei der Bundespolizei waren es noch einmal über eine halbe Million Arbeitsstunden. Rund 1400 Polizisten waren nur für Fußballspiele im Einsatz. Von den Bundesligavereinen würde Wendt deshalb rund 50 Millionen Euro verlangen.

Seine Rechnung ist simpel: Eine Planstelle bei der Polizei koste rund 80.000 Euro. Multipliziert man das mit der Anzahl von Polizeibeamten, die jährlich für Einsätze rund um Fußballstadien benötigt werden, käme man auf rund 100 Millionen Euro Mehrkosten. Die Hälfte davon will Wendt auf die Bundesliga abwälzen. "Ein Freundschaftspreis", sagt er. Schließlich verdiene man bei der DFL und dem DFB Millionen mit dem Volkssport Fußball. Die Innenminister lehnen das bisher jedoch ab.

Kritik am Prinzip "Rent-a-Cop"

"Das ist typisches Fußball-Denken", meint Jörg Radek. "Aber mit Geld allein bewegen sie nichts." Radek sitzt quasi im Fanblock von Wendts Erzrivalen, der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Der erfahrene Bundespolizist ist stellvertretender Vorsitzender der GdP und hält überhaupt nichts von der Forderung, die Liga wegen des nötigen Polizeiaufgebots bei Spielen zur Kasse zu bitten. "Nicht einmal große Vereine wie Schalke 04 könnten da ihren Anteil zahlen." Wer so rechne, riskiere den Ruin kleinerer Verein, vor allem in den unteren Ligen.

Ohne polizeiliche Unterstützung durch andere Bundesländer würden viele Fußballspiele wohl nicht stattfinden.
Ohne polizeiliche Unterstützung durch andere Bundesländer würden viele Fußballspiele wohl nicht stattfinden.(Foto: picture alliance / dpa)

Rainer Nachtigall rechnet auch, er kommt auf die Zahl 174.000. So viele Einsatzstunden hätten bayerische Polizisten 2009 in anderen Bundesländern verbracht, vor allem zur Absicherung von Fußballspielen. "Und die Zahl steigt weiter an", so Nachtigall, Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes der DPolG. Sein Gewerkschaftsfreund Wendt nennt das "Einsatztourismus", Nachtigall selbst bezeichnet diese Praxis als "Rent-a-Cop": Andere Bundesländer würden sich zu "Dumpingpreisen" Polizeibeamte für Großveranstaltungen ausleihen, während sie selber Personal abbauen. In einem verträglichen Maße ist diese länderübergreifende Hilfe in Ordnung, sagt Nachtigall. "Gerade die neuen Länder überstrapazieren diese Solidarität allerdings."

Sachsen leiht Polizisten aus - und baut selber Stellen ab

Zum Beispiel der Freistaat Sachsen. Ein geborgter Polizist aus Bayern koste dort am Tag 1,30 Euro, plus diverser Zusatzkosten wie Verpflegung oder Wochenendzuschlag. Eine Hundertschaft sei schon für 50.000 Euro für drei Tage zu haben. Daheim in Bayern beliefen sich die Kosten für einen Polizisten dagegen auf 250 Euro am Tag. Nachtigall bilanziert: "Für Sachsen ist es billiger, Kräfte aus Bayern zu holen statt eigene Leute einzustellen." Derweil litten seine Kollegen in Bayern unter der massiven Belastung. "Die kommen nicht mehr aus den Stiefeln."

Vor allem in den neuen Bundesländern wird bei der Polizei Personal abgebaut.
Vor allem in den neuen Bundesländern wird bei der Polizei Personal abgebaut.(Foto: picture alliance / dpa)

Tatsächlich will der Freistaat bis 2020 rund 2600 Polizisten weniger beschäftigen. Dabei räumt das Innenministerium in Dresden durchaus ein, dass gerade die sächsische Fußballszene "vergleichsweise gewalttätig" sei. Auf 100.000 Einwohner kämen 33 gewalttätige Fans, doppelt so viel wie der Bundesdurchschnitt. Allein 2008 kamen insgesamt rund 450.000 Mannstunden bei der Polizei nur für Fußballspiele zusammen. Am Personalabbau halte man dennoch fest, schließlich sei die Zahl der Einwohner rückläufig.

Rainer Wendt sieht das anders. Nicht die Zahl der Einwohner sei entscheidend, sagt er, sondern die Präsenz der Polizei in der Fläche. "Das ist fast so, als würden sie die Feuerwehr abschaffen, weil es irgendwo länger nicht gebrannt hat."

Angst vor dem "furor saxonicus"

Dabei muss gerade in Dresden des Öfteren gelöscht werden. Gerade hat der DFB Dynamo Dresden mit einem Spiel vor leeren Rängen gedroht: Anhänger hatten beim Relegationsspiel gegen den VFL Osnabrück das Feld gestürmt. Der Zweitligaaufsteiger ist für seine Fans berüchtigt: Randale ist keine Seltenheit, die Szene steht im Verdacht, von rechten Gruppen unterlaufen zu sein. Über 50.000 Euro Strafe musste der Verein wegen seiner Fans in der letzten Saison berappen.

Fans von Dynamo Dresden stürmen nach dem Spiel gegen Osnabrück das Spielfeld.
Fans von Dynamo Dresden stürmen nach dem Spiel gegen Osnabrück das Spielfeld.(Foto: picture alliance / dpa)

Es ist eigentlich der einzige Punkt, bei dem sich beide Polizeigewerkschaften einig sind.

"Die 2. Liga könnte zur Krawall-Liga werden", sagt Wendt.

"Die 2. Liga ist die Chaos-Liga", sagt Radek.

Die Gewalt sickere inzwischen sogar zu den unteren Ligen durch, erklärt Radek. "Inzwischen haben wir schon Problemspiele in der Landesliga." Bei der Bundespolizei sei man inzwischen am Limit. "Ein Viertel der Bundespolizisten hat Burnout, der Krankenstand beträgt 15 Prozent." Wendt hält eine Entzerrung des Spielplans für zwingend notwendig - die GdP unterstützt das zumindest teilweise.

Ansonsten begegnen sich die beiden Gewerkschaften, die insgesamt über 200.000 Polizeibeamte vertreten, mit tiefer Abneigung. Die DPolG wirft der GdP vor, dem DFB nach dem Mund zu reden. "Das hat mit dem Kuschelfaktor der Ehrentribüne zu tun", schimpft Wendt. Die GdP wirft Wendt Populismus vor. "WIR sind der Ansprechpartner der Liga", heißt es süffisant aus der Berliner Gewerkschaftszentrale. Der DFB selbst positioniert sich deutlich. Wendt warf man einmal sogar "geistige Brandstiftung" vor, weil er die Sicherheit in Stadien angezweifelt hatte.

Am 15. Juli geht es in Liga zwei los - gleich mit einem Brennpunktspiel. Energie Cottbus empfängt Dresden. Es könnte ein heißer Saisonauftakt werden.

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Quelle: n-tv.de

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