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"Wir können jetzt 'FDP pur' machen", meint Zastrow.
"Wir können jetzt 'FDP pur' machen", meint Zastrow.(Foto: dpa)

Sachsens FDP-Chef hadert mit neuem Vorsitzenden: "Tun uns schwer, Lindners Worte zu hören"

Vor dem Parteitag der Liberalen in Berlin galt Holger Zastrow als größter Kritiker von Christian Lindner. In der außerparlamentarischen Opposition brauche es Machete, statt Florett, sagte er und stellte den nachdenklichen Stil des neuen Parteivorsitzenden noch vor dessen Kür infrage. Für n-tv.de bewertet der sächsische FDP-Chef jetzt den ersten großen Auftritt des 34-Jährigen in seinem neuen Amt.

n-tv.de: Sie haben nun mehr als eine Stunde lang der Rede des neuen Parteichefs Christian Lindner gelauscht. Was hörten Sie? Florett oder Machete?

Holger Zastrow: Ich konnte die Waffe, die er in der Hand hält, nicht erkennen.

Ist das gut oder schlecht?

Ich würde schon gerne erkennen, womit gefochten wird.

Sind Sie insgesamt zufrieden mit seiner Rede?

Seine Rede kam bei den allermeisten hervorragend an. Dass wir aus sächsischer Sicht, wir, der Teil der FDP, der in den letzten Jahren immer für einen gradlinigen Liberalismus und Glaubwürdigkeit gestanden hat, dass wir uns da heute etwas schwer tun, die Worte Lindners zu hören und den Beifall der gesamten Partei, muss man uns nachsehen.

Was meinen Sie?

Vor einem Dreivierteljahr haben wir das beispielsweise bei unserer Ablehnung von Energiewende und Mindestlohn sowie bei der Forderung nach einer Entlastung der Berufstätigen noch anders gehört - und es wurde auf Parteitagen leider anders entschieden. Auf einmal höre ich jetzt genau dasselbe von Christian Lindner und den Applaus der Delegierten. Er hat viele Dinge angesprochen, die auch meine Grundpositionen und die Grundpositionen der sächsischen FDP sind. Ich freue mich über den Meinungswandel, aber ich frage mich: Warum haben wir diese Unterstützung nicht schon vor einem halben Jahr bekommen? Wären wir bei der Energiewende rechtzeitig zur Vernunft, zu mehr Sachverstand und zu mehr Marktwirtschaft zurückgekehrt, hätte uns das bei der Bundestagswahl sicher geholfen.

Hat die sächsische FDP Vorbildcharakter für den Bund?

Wir in Sachsen stehen zu unseren Überzeugungen und lassen uns nicht von Stimmungen aus der Bahn werfen. Die FDP darf nicht einfach so dem Zeitgeist folgen. Wir werden vielleicht nicht von der großen Mehrheit geliebt, aber man respektiert uns, und man weiß, woran man bei der sächsischen FDP ist. Die zwei für eine Partei wichtigsten Charaktereigenschaften sind "Glaubwürdigkeit" und "Verlässlichkeit", das haben wir in Sachsen. Und das kann auch für den Bund nicht verkehrt sein.

Ist Christian Lindner der Richtige, um die FDP wieder in den Bundestag zu führen?

Ja, klar. Er ist der Einzige, der dieses Amt jetzt wirklich will. Das ist ein Indiz dafür, dass er einen Plan hat. Er ist eines unserer größten politischen Talente, und er hat die Parteitagsdelegierten mitgerissen. Klar ist aber auch: Ich kann aus sächsischer Sicht nicht darauf warten, dass sich in Berlin eine Richtung herauskristallisiert, die uns hilft. Wir haben schon im nächsten Jahr wichtige Kommunal- und Landtagswahlen.

Die FDP hat seit Jahren den Ruf, ihre Hoffnungen eher in Persönlichkeiten und Image zu setzen.

Ich sehe das kritisch. Als Liberale müssen wir aufpassen, dass wir Personen nicht über die Sache stellen. Wir haben einen Markenkern, und der ist nie die einzelne Person, die mal für einen geschichtlichen Moment die Partei führt. Der Markenkern ist unsere Haltung zu Freiheit, Leistungsgerechtigkeit und Marktwirtschaft sowie eine gesunde Staatsskepsis. Und unser Schicksal ist es nun mal, dass wir gesellschaftliche Lösungsvorschläge unterbreiten, die den Menschen auch etwas abverlangen. Das ist für viele unbequem, für einige aber ein faszinierendes Unterscheidungsmerkmal zu allen anderen Parteien. Und meistens ist das wichtiger für unsere Wähler als die vermeintliche Strahlkraft einer Person.

Gab es in Berlin einen Impuls dafür, dass die FDP dies künftig wieder stärker beherzigt, oder ist es bloße Hoffnung?

Es ist Hoffnung. Dieses Team hat noch nie zusammengearbeitet, einige Persönlichkeiten kenne ich noch nicht genug. Es ist wichtig, dass das neue Team daraus lernt und mehr Solidarität zeigt, als es Philipp Rösler erfahren hat.

Wer sich hier unter Delegierten und Spitzenpolitikern umhört, bekommt immer wieder zu hören, wie groß der Optimismus sei, wie viel Hoffnung in der Partei herrsche. Zugleich fällt auf, dass die Redner gebetsmühlenartig wiederholten, dass es die FDP braucht. Eine Art Selbstversicherung. Wie passt das zusammen?

Der Katzenjammer darüber, dass die FDP weg ist, ist groß. Ich höre das viel auch aus der Wirtschaft und von vielen Menschen, die jetzt sagen: "So haben wir es gar nicht gewollt." Das nehme ich wahr. Bei der breiten Bevölkerung, die uns am Ende wählen muss, sehe ich das Bewusstsein, dass die FDP gebraucht wird, aber noch nicht so ganz. Wenn man den schwarz-roten Koalitionsvertrag jetzt sieht, mag uns das derzeit in Hände spielen. Aber wir können uns darauf nicht verlassen. Wir müssen uns neues Vertrauen erarbeiten. Eine FDP, die so meinungsflexibel, durchsetzungsschwach und ungeschickt auftritt wie in den vergangenen Jahren, braucht kein Mensch. Aber wir haben ja jetzt auch die Chance, die APO zu nutzen: Wir können jetzt "FDP pur" machen. Und wenn die Partei wieder geradlinig und konsequent für ihren Markenkern steht, dann ist mir um die Rückkehr 2017 nicht bange.

Mit Holger Zastrow sprach Issio Ehrich.

Quelle: n-tv.de

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