Politik
Jim Messina, Obamas Wahlkampfmanager, erklärt die Wiederwahl-Strategie des Präsidenten.
Jim Messina, Obamas Wahlkampfmanager, erklärt die Wiederwahl-Strategie des Präsidenten.(Foto: YouTube)

Analyse: Fünf "Pfade" nach Washington D.C.: Obamas Strategie für 2012

Sebastian Schöbel

Während die Republikaner ihren Präsidentschaftskandidaten suchen, schmiedet Obama bereits einen Plan für seine Wiederwahl. Sein Wahlkampfmanager gewährt nun seltene Einblicke in die Denkweise des Obama-Teams - und in die Welt der US-amerikanischen Polit-Strategen.

Den Namen Jim Messina muss man nicht kennen – es sei denn, man interessiert sich für die Machtspiele der US-amerikanischen Politik.

Der 43-Jährige mit dem gescheitelten Rotschopf und der Aura eines schüchternen Genies gilt als einer der mächtigsten und besten Wahlkampfmanager in Washington. Er weiß, wo man wie viele Stimmen von wem gewinnen kann. Damit soll er Obamas zweite Amtszeit möglich machen. In einem Video auf YouTube wandte er sich nun an potenzielle Unterstützer des Präsidenten und erklärte seinen Wahlkampf-Plan für 2012.

An dieser Wahl orientiert sich das Obama-Team: John Kerrys Niederlage gegen George W. Bush 2004.
An dieser Wahl orientiert sich das Obama-Team: John Kerrys Niederlage gegen George W. Bush 2004.

Die Grundlagen sind für alle Demokraten und Republikaner gleich. 270 lautet die magische Zahl. So viele Stimmen muss ein Kandidat am 5. November mindestens haben, um Präsident zu werden. Wohlgemerkt: nicht 270 Wähler, sondern 270 Wahlmänner. Die sitzen im sogenannten "Electoral College", dem Wahlmännerkollegium, und werden proportional zur Bevölkerung von den einzelnen Bundesstaaten gestellt. 538 gibt es insgesamt, 270 gilt es mindestens zu gewinnen. Große Staaten wie Kalifornien oder Florida sind damit besonders wichtig, kleine Staaten eher Nebensache. 2008 gewann Obama 365 zu 173 gegen John McCain – ein deutlicher Sieg.

Messinas Überraschung: Bei seinem Plan orientiert er sich nicht am Sieg Obamas 2008, sondern am Ergebnis von 2004. John Kerry unterlag damals George W. Bush mit 246 zu 292. Kerry gewann 20 Bundesstaaten (inklusive dem District of Columbia), Bush 31. Wo Kerry gewann, könne auch Obama siegen, so Messina. Doch weil das allein eben nicht reichen würde, hat er fünf alternative "Pfade" zum Sieg entwickelt.

Der "Westpfad"

Im Westen und Mittelwesten haben es Demokraten traditionell schwer, denn zwischen Kalifornien und Illinois wählen die US-Amerikaner vor allem republikanisch. "Mir ist die Gegend besonders wichtig, denn von dort komme ich", sagt Messina. Außerdem würden hier "in Zukunft Wahlen entschieden."

Der "Westpfad": Sieg mit 272 Wahlmännerstimmen.
Der "Westpfad": Sieg mit 272 Wahlmännerstimmen.

Das Ziel: Siege einfahren in Colorado, Nevada und New Mexico, und dazu noch in Iowa gewinnen.

Unsere Einschätzung: Machbar.

In Colorado hatte Obama 2008 neun Prozentpunkte Vorsprung auf McCain. In den letzten Umfragen für 2012 liegt er bisher vor allen aktuellen Herausforderern - gegen Romney könnte es aber knapp werden. In New Mexico und Nevada führt Obama hingegen deutlich. Auch in Iowa lag der Präsident zuletzt vorn, und wie die Vorwahl gezeigt hat, sind die Republikaner gespalten wenn es um die republikanischen Kandidaten geht.

Wichtige Wählergruppe: Latinos.

Der "Florida-Pfad"

"Florida ist der einfachste Weg zu 270 Wahlmännerstimmen", meint Messina. Der Bundesstaat vergibt in diesem Jahr 29 Wahlmännerstimmen. Rechnet man diese zu den 246 Stimmen von John Kerry dazu (der Florida 2004 nicht gewinnen konnte), ist der Sieg für Obama sicher.

Der "Florida-Pfad": Sieg mit 275 Wahlmännerstimmen.
Der "Florida-Pfad": Sieg mit 275 Wahlmännerstimmen.

Unsere Einschätzung: sehr riskant.

Wie Messina selber sagt: "Man kann nicht nur auf Florida setzen." Der Bundesstaat im Südosten ging seit 1980 nur zweimal an die Demokraten: 1996 an Clinton und 2008 an Obama. Und dieser letzte Sieg war knapp. Allerdings leben in Florida auch viele Rentner, die über die von den Republikanern geforderten Kürzungen im Sozialsystem sehr unzufrieden sein könnten. Zurzeit liegt Obama hier in Führung, doch Florida ist alles andere als sicher für ihn.

Wichtige Wählergruppen: Rentner, Latinos.

Der "Südpfad"

Die Südstaaten sind seit den 1960er Jahren ein schwieriges Pflaster für Demokraten: Hier waren sie einst dominant, doch das änderte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (u.a. wegen der Bürgerrechtsbewegung). Obama gewann 2008 North Carolina und Virginia, dazu Florida. Messinas Ansage: Nochmal das Ganze.

Der "Südpfad": Sieg mit 274 Wahlmännerstimmen.
Der "Südpfad": Sieg mit 274 Wahlmännerstimmen.

Unsere Einschätzung: schwierig.

In Virginia lag bisher Mitt Romney in fast allen Umfragen vor Obama, in North Carolina sind die beiden gleichauf. 2008 gewann Obama North Carolina mit weniger als 20.000 Stimmen Vorsprung. Wohl auch deswegen haben die Demokraten ihren großen Nominierungsparteitag nach Charlotte, der größten Stadt von North Carolina, verlegt - was Jim Messina auch unumwunden zugibt. Man arbeite "hart" in beiden Staaten und fühle sich "gut" dort.

Optimismus klingt anders.

Wichtige Wählergruppen: Afro-Amerikaner, Unabhängige Wähler und Wechselwähler

Der "Mittelwesten-Pfad"

Ohio ist das große Ziel. 18 Stimmen sind hier zu gewinnen. Kommen dann noch Iowas 6 Stimmen hinzu dazu sind es genau 270 insgesamt. 2008 konnte Obama hier deutlich gewinnen, doch der Bundesstaat ist alles andere als sicheres Terrain für Demokraten. George W. Bush gewann hier zweimal, ebenso Reagan. Ohio ist ein berüchtigter "Swing State", der mal so, mal so wählt. Bei den Kongresswahlen 2010 feierten die Republikanern gleich mehrere siege hier, unter anderem im Rennen um den Posten des Gouverneurs.

Der "Mittelwesten-Pfad": Sieg mit 270 Wahlmännerstimmen.
Der "Mittelwesten-Pfad": Sieg mit 270 Wahlmännerstimmen.

Unsere Einschätzung: sehr schwierig.

Arbeitslosigkeit wird hier die Debatte definieren. Sollte Obama gegen Romney antreten, könnte es sehr schwer werden: Romney bewirbt sich als Wirtschaftsexperte, der Jobs schaffen kann. Obama muss hingegen eine hohe Arbeitslosigkeit und die schwächelnde Volkswirtschaft verantworten."In keinem anderen Bundesstaat haben wir 2011 so viel gearbeitet", sagt Messina - fügt aber schnell hinzu, dass Ohio nicht der einzige Weg zur Wiederwahl ist.

Auch hier also: Optimismus klingt anders, zumal Ohio in sämtlichen anderen Plänen keine Rolle spielt. Und es ist das denkbar knappste Ergebnis, bei dem kein anderer Staat (verglichen mit 2004) verloren gehen darf.

Wichtige Wählergruppen: Arbeiter, Wechselwähler.

Der "Vergrößerungspfad"

Der "Vergrößerungspfad": Sieg mit 272 Wahlmännerstimmen.
Der "Vergrößerungspfad": Sieg mit 272 Wahlmännerstimmen.

Raus mit dem Alten, rein mit dem Neuen: Statt sich auf vorherige Wahlergebnisse zu stützen, so Messina, sollten die Demokraten 2012 neue Wege einschlagen. "Und dafür müssen wir Staaten gewinnen, die uns 2008 nicht offen standen."

Zum Beispiel Arizona. Vor vier Jahren gab es da noch nichts zu holen, denn es war die Heimat von Gegner John McCain. "Es gibt Hundertausende nicht registrierte Wähler dort", so Messina. Und Obama liege schließlich in den bisherigen Umfragen vorn. "Wir glauben, dass wir dort angreifen können," meint der Stratege.

Unsere Einschätzung: schwierig.

Sollte es Obama gelingen, Arizona zu gewinnen, könnte er es sich erlauben, Staaten wie Pennsylvania und New Hampshire, wo Romney stark sein wird, zu verlieren. Auch Ohio, Florida und North Carolina würden nicht mehr "gebraucht". Allerdings hat die Obama-Regierung auch gegen Arizonas kontroverses Anti-Einwanderer-Gesetz geklagt, nun soll das Oberste Bundesgericht entscheiden. Die meisten Weißen sind für das Gesetz, Latinos sind dagegen.

Wichtige Wählergruppen: Latinos, arme und junge Wähler, Erstwähler.

Fazit

Sicher ist Messinas "Strategie der fünf Pfade" ein Mindestansatz: Insgeheim dürfte es ihm darum gehen, die 270-Stimmen-Marke mit einigem Abstand zu überwinden. Allerdings zeigen die verschiedenen Pläne, mit wie vielen Schwierigkeiten Obamas Team 2012 rechnet: Viele wichtige Staaten, darunter Florida, Virginia und North Carolina, sind alles andere als sicher im Lager des Präsidenten. Von allen Republikanern ist und bleibt Mitt Romney der schwierigste Gegner: er kann Obama wertvolle Stimmen im Mittelwesten abjagen.

Dafür rechnet sich Obama offenbar große Chancen im Südosten aus: New Mexico und Colorado sind hier der Schlüssel zum Sieg, und um Arizona will man zumindest kämpfen.

Große Geheimnisse hat Jim Messina mit seinem Strategie-Video nicht enthüllt: All diese Optionen spielen die Republikaner seit Wochen durch. Und bei jeder Variante rattern die Taschenrechner, denn jeder Bundesstaat, um den gekämpft werden muss, kostet Geld.

Deswegen beschließt auch Obamas Wahlkampfmanager Messina sein kleines Briefing mit einer einfachen Bitte: Geld. "Am Ende geht es nur darum, ob wir die Mittel haben, das alles umzusetzen."

Quelle: n-tv.de