Politik
Die B61 unter einem Flugzeug. Deutsche Tornados müssten für die neue Version angepasst werden.
Die B61 unter einem Flugzeug. Deutsche Tornados müssten für die neue Version angepasst werden.

Auch in Deutschland: USA bauen Präzisions-Atombombe

Von Jochen Müter

Offiziell ist der Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz nur ein einfacher Fliegerhorst. Ein offenes Geheimnis aber ist: Hier lagern Atomwaffen, die den USA gehören. Die Waffen sollen nun zu Präzisionsbomben umgebaut werden. Kritiker sehen eine Aufrüstung durch die Hintertür. Die Bundesregierung wiegelt ab.

Die B61 ist 3,58 Meter lang, Durchmesser 33 Zentimeter. Grau gestrichen, glänzend, mit einem schwarzen Kopf. Wenn sie aufschlägt, entwickelt sich maximal eine Sprengkraft von über 300 Kilotonnen TNT. Zum Vergleich: "Little Boy", die Atom-Bombe von Hiroshima, hatte etwa 15 Kilotonnen. 90.000 Menschen starben sofort. Sie wurden in Sekunden verdampft oder verbrannt. In den 60er bis 80er Jahren ist die B61 die am meisten gebaute Kernwaffe der USA. Und im Zuge der in der Nato geltenden "nuklearen Teilhabe", die die Bündnispartner zur Kooperation verpflichtet, wurde das rund 500 Kilogramm schwere Geschoss in der gesamten westlichen Welt verteilt. Von den mehr als 3000 gebauten Exemplaren landeten fast 500 in Europa – auch in Deutschland.

Der Luftwaffenstützpunkt Büchel - hier lagern wohl US-Atomwaffen.
Der Luftwaffenstützpunkt Büchel - hier lagern wohl US-Atomwaffen.(Foto: picture alliance / dpa)

Büchel heißt die Gemeinde in Rheinland-Pfalz, in der heute noch die Bomben lagern. Eine Landstraße führt hinein, eine weiße Kirche zieht den Blick auf sich, Kornfelder kreisen die Häuser ein. Rund 1100 Einwohner hat der Ort. Ein übersichtliches Fleckchen Deutschland. Auf der Homepage schreibt der Bürgermeister: "An der Pahlbachhütte wurde ein schwarzer Pullover gefunden. Der Besitzer wird gebeten, sich mit mir in Verbindung zu setzen."

Ein Kilometer von dem Kleidungsstück entfernt ist die Beschaulichkeit vorbei. Dort liegt die Basis des Jagdbombergeschwaders 33, der Fliegerhorst Büchel. Ein großer Arbeitgeber, rund 2500 Beschäftigte. Tornado-Kampfjets sind hier stationiert. Und in unterirdischen Silos liegen bis zu 20 B61-Bomben. Die letzten verbliebenen Kernwaffen auf deutschem Boden. Sie gehören den USA, im Ernstfall abwerfen aber würden sie deutsche Flugzeuge. Offiziell bestätigt wurde die Existenz der Sprengkörper an diesem Standort nie – dementiert aber auch nicht. Die Bomben von Büchel sind ein offenes Geheimnis.

"Nukleare Teilhabe"

Die sogenannte "nukleare Teilhabe" innerhalb der Nato besagt, dass Mitgliedsländer ohne eigenes Atomwaffenarsenal in das Abschreckungsszenario mit einbezogen werden. So gelangen US-Waffen in europäische Länder. Hauptproblem ist, dass die USA ihre Hoheitsrechte vor Ort nur schwer ausüben können. Einige Stützpunkte sind daher unsicher und nach Ansicht zahlreicher Kritiker gar nicht für die Lagerung von Atomwaffen geeignet.

Ein Geheimnis, das allerdings seit Jahren kein Thema mehr war. So ist den meisten Deutschen wohl völlig unbekannt, dass es noch Atomwaffen in ihrem Land gibt. Das könnte sich nun ändern. Grund dafür ist der Plan der US-Regierung, ihr atomares Arsenal zu modernisieren. Acht Milliarden Dollar sind dafür angesetzt, Tendenz steigend. Das Vorhaben ist Folge eines Deals, den Präsident Barack Obama mit den Republikanern machen musste, damit diese ihm keine Steine in den Weg legen, wenn er mit Russland über das Start-Abkommen verhandelt. Start ist wichtig für Obama. Nicht nur, weil es das bedeutendste Abrüstungsprojekt der Welt ist, sondern auch, weil es soviel Prestige bringt. Der Charismatiker hatte schließlich für seine Vision von der nuklearwaffenfreien Welt den Friedensnobelpreis kassiert. Doch wer Visionen hat, muss augenscheinlich auch Kröten schlucken. Oder anders gesagt: erstmal Geld in vorhandene Nuklearwaffen stecken. Ein Widerspruch.

Aus dumm mach' schlau

Die Modernisierung der Bomben stößt erwartungsgemäß auf großes Unbehagen. So hat sich die Ärzteorganisation IPPNW, die die Verhütung eines Atomkrieges als Ziel hat, ausführlich mit den Plänen des US-Militärs befasst. Das Fazit: Hinter der Modernisierung verstecke sich eine Art Aufrüstung. Durch die Hintertür werde eine neue Waffenklasse in der Bundesrepublik stationiert. Die Details verraten, wie die Atomwaffengegner darauf kommen. Die bisherigen Unterarten der B61-Bombe sollen in einer neuen Version, der B61-12, quasi verschmolzen werden. Dabei werden alte, aber auch neue Teile benutzt. Hauptpunkt aber ist: Der Fallschirm, an dem die nukleare Ladung eigentlich zu Boden segelt, wird ersetzt durch ein Lenksystem, das die Bombe sechs Mal präziser macht. "Die bisherigen 'dummen' Atombomben sollen zu Lenkwaffen umgerüstet werden", so Otfried Nassauer, renommierter Abrüstungsforscher, zu n-tv.de. Unter anderem sei noch möglich, dass sogar ein lasergestütztes System zum Einsatz kommt. Für Nassauer ist klar: Der Umfang der Umbauten ist nicht mehr nur als Instandhaltung eines vorhandenen Arsenals zu verstehen.

Dieser Meinung ist auch Oliver Meier von der Universität Hamburg, Experte für US-Waffenpolitik. Er sagt, für die Amerikaner sei die B61-12 keine neue Waffe, weil alte Atomsprengköpfe benutzt würden. "Aber fast alles um den Sprengkopf herum wird ausgetauscht", so Meier. Durch das Lenksystem habe die Bombe eine neue Funktion, werde zielgenauer sein. Auch sein Fazit lautet: "Nach meinem Verständnis handelt es sich um eine neue Waffe." Nassauer betont die Konsequenz, die das haben könnte. Die Fähigkeiten eines Lenksystems könnten die Hemmschwelle für einen Einsatz deutlich senken. Konkret: Wenn eine Atombombe, deren Sprengkraft einstellbar ist, nun auch noch sehr genau ein Ziel treffen kann, verringern sich die Kollateralschäden wie nuklearer Fallout und zivile Opfer. In der Folge sei es weniger schwer, sich für einen Einsatz zu entscheiden. Militärinsider wissen schon lange, dass es solche Planspiele gibt. Mit einer gelenkten Atombombe etwa lassen sich wegen der großen Hitzeentwicklung Chemiefabriken fast rückstandslos beseitigen.

Sicherheitslücke der B61

Die B61 gilt im Vergleich zu anderen Nuklearwaffen als sichere Bombe. Eine Schwachstelle jedoch ist, dass das "Pit", die nuklearen Bauteile des Primärsprengsatzes, nicht feuerresistent ist. Bei einem Brand im Silo oder am Flugzeug kann daher Radioaktivität frei werden. Das Manko wird durch die Modernisierung der Bomben nicht behoben.

Das Auswärtige Amt, als Vertretung bei der NATO deutscher Ansprechpartner in Sachen "atomarer Teilhabe", sieht die Modernisierung in einem anderen Licht. Allein der Begriff Modernisierung sei irreführend, heißt es in einer Erklärung gegenüber n-tv.de. "Aus unserer Sicht handelt es sich dabei um eine Verlängerung der Nutzungsdauer, die auch dem Ziel dient, die Sicherheit dieser Waffen zu erhöhen." Die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung solle dadurch erhalten werden. Ein Argument, über das Nassauer sich wundert. Auch die bisher "dummen Bomben" hätten schließlich in den letzten Jahrzehnten zur Abschreckung ausgereicht. Zudem seien alle Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit aus Kostengründen bereits im Vorfeld gestrichen worden (Infobox links). Aus der Westerwelle-Behörde heißt es zu dem Problemkomplex nur: "Abrüstung, das ist wie dicke Bretter bohren."

Kosten auch für Deutschland

Außenminister Guido Westerwelle wollte das Land atomwaffenfrei machen.
Außenminister Guido Westerwelle wollte das Land atomwaffenfrei machen.(Foto: dpa)

Nach dem Verständnis der Ärzteorganisation verstößt der Waffenumbau nicht nur gegen den von Deutschland ratifizierten Atomwaffensperrvertrag, sondern vor allem gegen die im schwarz-gelben Koalitionsvertrag niedergeschriebene Absicht, auch die letzten Atomwaffen aus dem Land zu entfernen. Außenminister Guido Westerwelle selbst hatte sich immer wieder – zumindest öffentlich, als Wahlversprechen – dafür stark gemacht. Eine Modernisierung aber habe auch zur Folge, dass die Bomben noch länger in Büchel bleiben, befürchten die Atomwaffengegner. Sie erwarten von der Bundesregierung ein klares Nein zu den US-Plänen. Bisher aber hieß es immer wieder aus dem Kabinett, amerikanische Atomwaffen seien eine nationale Angelegenheit der USA. "Diese Position ist unhaltbar. Hier stellt man sich ein bisschen dumm", sagt US-Experte Meier. Natürlich habe Deutschland im Rahmen der "nuklearen Teilhabe" ein Wörtchen mitzureden, was militärisch auf seinem Grund und Boden geschehe.

Sicher auch, weil das US-Programm in Büchel zu Kosten für den deutschen Steuerzahler führen würde. Es müsste Geld in die Digitalisierung der alten deutschen Maschinen gesteckt werden muss, um die B61-12 auch abwerfen zu können. Zudem müssten am Fliegerhorst Büchel einige Sicherheitseinrichtungen verstärkt oder gar neu gemacht werden. Es werde "erhebliche Kosten in Millionenhöhe geben", schätzt die IPPNW vorsichtig.

In der kleinen Gemeinde Büchel sorgen die Geschehnisse um den wirtschaftlich wichtigen Stützpunkt kaum für Aufregung. Auch, weil die Informationen, die die Einwohner bekommen, immer schon spärlich waren. Man hat sich daran gewöhnt, etwas im Dunklen zu tappen, heißt es nahe der weißen Kirche. Zwar machten sich viele Bürger Gedanken, das Vertrauen in die technische Kompetenz des Militärs sei aber groß. "Die Waffen", sagt ein Bücheler Ureinwohner, "haben hier noch nie Probleme bereitet."

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Quelle: n-tv.de

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