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Im Oktober zog Jarosch per Direktmandat in die ukrainische Rada ein. Künftig ist er auch für das Verteidigungsministerium tätig.
Im Oktober zog Jarosch per Direktmandat in die ukrainische Rada ein. Künftig ist er auch für das Verteidigungsministerium tätig.(Foto: REUTERS)

Reizfigur Dmytro Jarosch: Ukrainische Regierung adelt Rechtsradikalen

Von Christian Rothenberg

Dmytro Jarosch hat einen Namen in der Ukraine. Der Anführer des Rechten Sektors kämpft mit Privatarmeen gegen die Separatisten und fordert die "Entrussifizierung" der Ukraine. Nun erhält der Ultranationalist einen neuen Job.

Seit Herbst sitzt Dmytro Jarosch in der ukrainischen Rada. Ab und an sieht man ihn seitdem auch mal im feinen Dreiteiler. Viel lieber mag es Jarosch aber martialisch, vor allem außerhalb des Parlaments. Der 43-Jährige trägt gern Tarnfleckuniformen, das Outfit eines Guerillas. Vor Monaten erklärte Jarosch, er verfüge über genug Waffen, um das ganze Land zu verteidigen.

Einzelkämpfer im Parlament, aber ein gefragter Mann: Dmytro Jarosch.
Einzelkämpfer im Parlament, aber ein gefragter Mann: Dmytro Jarosch.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Und das tut er seit gut einem Jahr. Jarosch ist Anführer paramilitärischer Gruppen, die im Osten der Ukraine gegen die prorussischen Separatisten kämpfen. Vor ein paar Tagen wurde der umstrittene Ultranationalist und Anführer des Rechten Sektors ("Prawy Sektor") befördert. Jarosch ist nun auch Mitglied der ukrainischen Regierung. Als Berater des ukrainischen Verteidigungsministeriums ist er künftig für die Vereinigung der Freiwilligenverbände mit der Armee zuständig. Ausgerechnet Jarosch.

Der Mann aus dem zentralukrainischen Dniprodserschynsk, der in der sowjetischen Armee Wehrdienst leistete und dann Philologie studierte, ist seit den 90er Jahren in radikalen nationalistischen Gruppen aktiv. Im November 2013, zu Beginn der Proteste auf dem Maidan, wurde Jarosch Anführer des Rechten Sektors. Die Vereinigung rechtsradikaler und neofaschistischer Verbände sieht sich in der Tradition ukrainischer Partisanen, die während des Zweiten Weltkriegs gegen die Besatzer aus Nazi-Deutschland und gegen die sowjetische Armee gekämpft hatten. Auf Demonstrationen halten sie Bilder des ukrainischen Nationalisten Stephan Bandera hoch. Auf dem Maidan kämpften Jarosch und seine "Soldaten der nationalen Revolution" an vorderster Front. Bis heute gelten sie als mitverantwortlich für die Radikalisierung der Proteste.

Nach dem Sturz des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch wandelte sich der Rechte Sektor in eine Partei um. Jarosch versicherte im März 2014, die Mitglieder seiner Gruppe hätten alle ihre Waffen abgegeben und wollten sich der Armee anschließen. Nach Beginn der Unruhen in der Ostukraine zeigten Videos ihn und seine schwer bewaffneten Trupps nahe der Front. Sie brüsteten sich damit, den Rebellen Schaden zugefügt zu haben.

Eine Win-Win-Situation?

Jarosch wird zur bevorzugten Zielscheibe der russischen Propaganda. Moskau wettert gegen "die faschistische Junta in Kiew" und kann auf den Rechten Sektor und die bis Oktober mitregierende Swoboda-Partei verweisen. Bei der Präsidentschaftswahl im Mai 2014 erhielt Jarosch 0,7 Prozent der Stimmen, bei der Parlamentswahl im Oktober kam seine Partei auf 1,8 Prozent. Sie verpasste den Einzug, aber Jarosch zog durch ein Direktmandat in die Rada ein. Im europäischen Ausland atmeten Politiker in diesen Tagen erleichtert auf. Von einem Rechtsruck in der Ukraine konnte keine Rede sein.

Doch Jarosch blieb eine Reizfigur – vor allem aus russischer Sicht. Angeblich soll er einen tschetschenischen Terrorchef zu Anschlägen auf russische Soldaten im Nordkaukasus aufgefordert haben. Ein Moskauer Gericht erließ deshalb Haftbefehl. Auch Jaroschs politische Forderungen sind kontrovers. Er will die Ukraine zur Atommacht machen, fordert eine "Entrussifizierung" der Ukraine, das Verbot mehrerer Parteien, eine Generalmobilmachung. Alle Ukrainer sollen das Recht auf Waffenbesitz haben.

In der ukrainischen Bevölkerung verschaffte sich Jarosch durch seinen unerbittlichen Kampf gegen die prorussischen Separatisten Anerkennung. Im Januar kursierte die Nachricht, er sei bei den Kämpfen verletzt worden. Doch innenpolitisch ist Jarosch zu einem Risiko geworden. Präsident Petro Poroschenko will die Freiwilligenverbände besser kontrollieren. Diese bestehen jedoch auf ihre Selbstständigkeit und weigerten sich wiederholt, unter das Oberkommando der Armee zu treten. Jarosch rief sogar seinen eigenen Generalstab aus. Mehrfach kritisierte er das Vorgehen der Armee gegen die Separatisten als zu zahm. Auch von den vereinbarten Waffenruhen ließen sich die Freiwilligenbataillone meist nicht beeindrucken. Jarosch ist kein Freund von Friedensgesprächen.

Im Ausland dürfte sein neuer Job als Berater des offiziellen Generalstabschefs Viktor Muschenko für Irritation sorgen. Aus taktischer Sicht bietet Jaroschs Einbindung Vorzüge. Die ukrainische Regierung erhofft sich mehr Einfluss auf die ukrainischen Privatarmeen. "Es ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten", heißt es. Der Rechte Sektor hat eine andere Interpretation. Die Organisation bleibe autonom, werde künftig aber vom Ministerium finanziert, sagte ein Sprecher.

Quelle: n-tv.de

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