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Einsparungen können die Preissteigerungen kaum auffangen.
Einsparungen können die Preissteigerungen kaum auffangen.(Foto: dpa)

Fragen und Antworten: Warum Strom immer teurer wird

Die Strompreisdebatte erreicht das Kanzleramt. Denn die immer höheren Kosten werden zum zentralen Thema der Energiewende. Doch warum steigt der Strompreis eigentlich so rasant, was kostet der Ausbau der erneuerbaren Energien und was können die Verbraucher tun?

Seit Jahren wird Strom für Verbraucher in Deutschland stetig Kunden zahlen 3 Mrd. zu viel . Einen Anteil daran hat die heftig umstrittene Förderung erneuerbarer Energien. Doch der Endpreis von Strom setzt sich aus vielen einzelnen Faktoren zusammen - dazu zählen unter anderem der Stromeinkauf, die Netzentgelte sowie Steuern und Abgaben.

Was ist der Börsenpreis?
Der Börsenpreis von Strom gibt einen Hinweis darauf, wie viel es tatsächlich kostet, Strom herzustellen. Hinzu kommt aber immer Spekulation: Denn Strom wird teils lange Zeit im Voraus gekauft. Die Stromeinkäufer spekulieren also darauf, ob Strom langfristig teurer oder billiger wird. In den vergangenen Jahren stieg der Börsenpreis zunächst, sinkt aber inzwischen seit einiger Zeit wieder. Die Energieerzeuger geben den Anteil von Strombeschaffung, Vertrieb und Service am Strompreis mit 35 Prozent an.

Aber die Einkaufspreise für Strom sinken doch, oder?
Ja, seit der Atomkatastrophe von Fukushima und der Stilllegung von acht deutschen Atomkraftwerken sind die Einkaufspreise für kurzfristig verfügbaren Strom (Spotmarkt) an der Leipziger Strombörse um bis zu 20 Prozent gesunken. Denn Sonnenstrom drückt mittags, wo früher Strom wegen des hohen Verbrauchs am teuersten war, die Preise. Das Problem: Einsparungen werden oft nur unzureichend an die Endkunden weitergegeben. Eigentlich müsste die Kilowattstunde zwei Cent billiger sein, hat Energieexperte Gunnar Harms für die Grünen-Fraktion ermittelt - die Versorger kassierten in diesem Jahr daher drei Milliarden Euro zu viel ab. Der Energieverband BDEW kritisiert methodische Mängel bei der Studie.

Was kostet der Netzausbau?
Der Betrieb, die Wartung und der Ausbau der Netze werden über die sogenannten Netzentgelte finanziert. Sie machen rund 20 Prozent des Strompreises aus. Steigen dürften die Entgelte in Zukunft, da im Rahmen der Energiewende neue Strom-Autobahnen quer durch Deutschland und mehr Netze über Grenzen hinweg notwendig sind. Hohe Kosten dürften auch für die Anbindung der Meeres-Windparks anfallen. Den hohen Investitionen sollen aber Einsparungen gegenüberstehen: Denn wenn die Netze künftig besser funktionieren, sind weniger teure Eingriffe der Netzbetreiber zur Stabilisierung nötig.

Was ist die EEG-Umlage?
Erneuerbare Energien werden in Deutschland durch eine garantierte Vergütung für eingespeisten Strom gefördert. Das Geld dafür wird über die EEG-Umlage bei allen Stromkunden eingesammelt - bei Unternehmen wie Verbrauchern. Seit 1. Januar beträgt die Umlage 3,592 Cent je Kilowattstunde.

Was kostet der Ausbau der erneuerbaren Energien?
Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird in Deutschland mit der EEG-Umlage durch fast alle Stromverbraucher finanziert. Das meiste Geld davon fließt in die Förderung von Sonnenstrom, obwohl er nur einen relativ kleinen Teil der Ökoenergie ausmacht. Da der Bau neuer Solarstrom-Anlagen aber weiter boomt, dürfte die EEG-Umlage ab 2013 erneut deutlich steigen - und dann rund 18 Prozent des Strompreises ausmachen. Auf der anderen Seite senkt Solarenergie den Strompreis an der Börse - denn sie fließt am meisten mittags, wenn Strom aufgrund der hohen Nachfrage früher am teuersten war.

Was ist mit einer Kappung der Ökostrom-Förderung?
Der Ruf nach einer grundlegenden Reform wird lauter. Umweltminister Peter Altmaier sieht aber wenig Chancen vor der Bundestagswahl 2013. Möglich wäre mittelfristig ein Auslaufen. Die Solarförderung wurde bereits bei 52.000 Megawatt gedeckelt, dieser Wert könnte 2014 erreicht sein.

Das Solarstrom-Kraftwerk "Finow Tower I und II" auf dem ehemaligen Militärflughafen im brandenburgischen Finowfurt.
Das Solarstrom-Kraftwerk "Finow Tower I und II" auf dem ehemaligen Militärflughafen im brandenburgischen Finowfurt.(Foto: picture alliance / dpa)

Was machen die Industrierabatte in der Summe aus?
Bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden kostet die Umlage zur Förderung von Solar- und Windstrom 125 Euro pro Jahr, aber hinter diesem Posten verstecken sich auch mit zu zahlende Industrierabatte von 31 Euro. Energieintensive Unternehmen genießen eine ganze Reihe Vergünstigungen. Sie sollen damit im internationalen Wettbewerb gestärkt werden. Kritiker merken aber an, dass viele Unternehmen begünstigt werden, die gar nicht mit ausländischer Konkurrenz kämpfen. Eine ganze Reihe Firmen ist beispielsweise von der EEG-Umlage ganz oder teilweise befreit. Die entfällt übrigens auch, wenn ein Unternehmen selbst Strom erzeugt - weshalb Unternehmen gerne Teile von Kraftwerken übernehmen oder diese pachten. Hinzu kommt, dass bei den Netznutzungskosten fast 200 Unternehmen, die mindestens zehn Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr verbrauchen und 7000 Stunden pro Jahr die volle Leistung abnehmen, ganz befreit sind. Dadurch sind 2012 mindestens 440 Millionen Euro von den Bürgern zusätzlich zu tragen, kommendes Jahr kann die Summe auf eine Milliarde wachsen. Steigen die Förderbelastungen 2013 wie erwartet auf 175 Euro, machen die Industrierabatte 43 Euro aus. Die Regierung will so Arbeitsplätze in der Industrie sichern.

Wie hoch ist der Steueranteil am Strompreis?
Mehr als ein Viertel des Strompreises machen Steuern und Abgaben aus. Zahlen müssen Kunden die Stromsteuer und die Mehrwertsteuer. Letztere ist auch auf die EEG-Umlage fällig - steigt diese, steigt also auch die Mehrwertsteuer. An die Kommunen müssen die Stromkonzerne zudem die sogenannte Konzessionsabgabe für die Nutzung der Infrastruktur zahlen.

Kann die Politik etwas gegen höhere Preise tun?
Nur bedingt, möglich wäre eine niedrigere Stromsteuer. Aber deren Einnahmen dienen der Stabilisierung der Rentenbeiträge, es würden also neue Löcher gerissen. Altmaier verweist ansonsten darauf, dass die Preisgestaltung Sache der Versorger sei.

Welche Rolle spielt der Emissionshandel?
Um den klimaschädlichen Treibhausgas-Ausstoß zu senken, führte die Europäische Union 2005 den Emissionshandel ein. Dabei erhalten Unternehmen wie Kraftwerk-Betreiber eine bestimmte Zahl Verschmutzungsrechte. Den größten Teil davon bekamen sie bislang kostenlos, nur für einen kleinen Teil mussten sie zahlen. Trotzdem schrieben sie die Verschmutzungsrechte mit ihrem vollen Wert als Ausgaben in ihre Bilanzen - und rechneten sie beim Strompreis mit ein, was diesen in die Höhe trieb.

Warum tobt derzeit ein Verteilungskampf um die Energiewende?
Es geht darum, wer Gewinner des Umbruchs wird: große oder kleine Versorger? Fossile oder grüne Energieträger? Den großen Versorgern schmeckt der dezentrale Ökostrom-Ausbau nicht, weil durch neue Versorger und Energiegenossenschaften ihr Marktanteil schmilzt. Die Ökoenergie-Branche wiederum ist dank zuletzt 16,4 Milliarden Euro jährlicher Vergütungen groß geworden, die Solarlobby kämpft aggressiv um ihre Fördermilliarden. Die Bauern fürchten bei einer weiteren Einschränkung der Maisnutzung in Biogasanlagen um ihre guten Energiegeschäfte. Bundesweit sind viele potenzielle Wähler inzwischen Energiewende-Profiteure, daher ist zum Beispiel auch kaum eine effektive Solarförderkürzung möglich.

Was können Verbraucher kurzfristig tun?
Ein großes Manko in Deutschland ist noch immer der mangelnde Wettbewerb. Zwar buhlen mittlerweile hunderte Anbieter um die Kunden, doch letztendlich beherrschen noch immer vier große Konzerne das Energiegeschäft. Die Verbraucher sind außerdem wenig wechselfreudig: Die allermeisten Stromkunden haben noch nie ihren Anbieter oder auch nur ihren Tarif gewechselt. Sie alle zahlen deshalb unter Umständen hunderte Euro mehr im Jahr als nötig. Ein Anbieterwechsel ist heute jedoch unbürokratisch möglich. Laut der Deutschen Energie-Agentur (Dena) könnten steigende Strompreise auch durch energieeffiziente Geräte im Haushalt ausgeglichen werden. In Privathaushalten seien Einsparungen von rund 30 bis 35 Prozent im Jahr 2020 möglich.

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Quelle: n-tv.de

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