Politik
Polizeieinsatz in Köln: Seit der Silvesternacht ist die Aufmerksamkeit besonders hoch.
Polizeieinsatz in Köln: Seit der Silvesternacht ist die Aufmerksamkeit besonders hoch.(Foto: dpa)

Sexuelle Übergriffe an Silvester: Warum kamen Berichte über Köln so spät?

Nicht nur Polizei und Politik stehen seit der Kölner Silvesternacht in der Kritik, auch Journalisten. Umfassend berichteten sie erst Tage danach. Medienwissenschaftler Weichert spricht im Interview darüber, ob sie sich nun zu Recht Verharmlosung vorwerfen lassen müssen.

n-tv.de: Die meisten journalistischen Medien fingen erst an, ausführlich über die sexuellen Übergriffe von Köln zu berichten, als in sozialen Netzwerken schon längst darüber debattiert wurde. Im Internet sprachen etliche Kommentatoren von Vertuschungsversuchen.

Stephan Weichert: Wir reden hier über ein Ereignis, an dem viele Personen Beteiligte oder direkt Betroffene waren. Sie teilten ihre Erlebnisse in den sozialen Medien, posteten Videos. Themen wie Übergriffe auf Frauen kochen in sozialen Netzwerken entsprechend schnell hoch.

Würden Sie daraus einen Vorwurf ableiten? Waren die journalistischen Medien zu langsam? Oder haben sie gar versucht, Informationen zu unterdrücken?

Ich wäre sehr vorsichtig mit diesem Vorwurf. Die Kölner Silvesternacht zeigt: Soziale Medien dienen häufig sehr gut als Frühwarnsystem für bedeutsame Ereignisse. Allerdings zeigt sie auch: Über soziale Medien verbreiten sich schnell Gerüchte und Falschmeldungen, mitunter Hetze. Journalisten müssen anders als Laien-Kommentatoren im Netz sicherstellen, dass ihre Berichterstattung auf Fakten basiert. Fakten zu prüfen war bis vor zwei Tagen aber sehr schwierig, weil die Behörden offensichtlich Fehler gemacht und schlecht kommuniziert haben. Vor allem die Polizei in Köln hat das jetzt eingeräumt.

Die Pressestelle der Kölner Polizei sprach zunächst von einer "ausgelassenen Feier", die "weitgehend friedlich" ablief und revidierte diese Einschätzung nur nach und nach.

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Die Zurückhaltung journalistischer Medien war deshalb richtig - weil es sich hier zunächst um zwei gegensätzliche Wahrnehmungen handelte. Es braucht Zeit für Recherchen, um sich einen realistischen Überblick über die Lage zu verschaffen, vor allem, wenn es um Hintergründe und Orientierung gehen soll und die Informationslage noch spärlich ist. Deutlich machen das die Negativbeispiele.

Von welchen Beispielen sprechen Sie?

Einige Boulevardblätter erweckten den Eindruck, als hätten 1000 Ausländer Frauen angegriffen.

Auf dem Bahnhofsvorplatz waren 1000 Personen anwesend, die Zahl der Tatverdächtigen ist bis heute gänzlich unbekannt.

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Solche Überschriften sind deshalb unredlich, unprofessionell und über alle Maßen gefährlich, weil sie Wasser auf die Mühlen derer sind, die am rechten Rand nach Wählerstimmen fischen, namentlich die AfD und natürlich der Pegida-Bewegung und damit den Lügenpresse-Vorwürfen neuen Auftrieb geben.

Aber liefert es diesen Kräften nicht auch Argumente, wenn Medien besonders zurückhaltend über die Herkunft von Tätern berichten? Der Vorwurf, Journalisten würden Zusammenhänge zur Flüchtlingskrise verschweigen, ist ja allgegenwärtig.

Journalisten müssen faktenbasiert berichten, alles andere wäre spekulativ. Solange die Herkunft der Täter nicht eindeutig geklärt ist, wäre ich mit dem Vorwurf der Informationsunterdrückung sehr vorsichtig, insbesondere im Hinblick auf Verbindungen zur aktuellen Flüchtlingskrise. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass die Täter einen Migrationshintergrund haben, so sehr, dass Journalisten solchen Fragen jetzt nachgehen müssen. Das gehört genauso zur Vollständigkeit der Berichterstattung hinzu wie explizit darauf hinzuweisen, dass die Täter eine Minderheit darstellen.

Der Hinweis auf die Herkunft von Tätern sollte grundsätzlich nur dann erfolgen, wenn sie auch relevant für die Tat ist. Im Pressekodex wird ja mit gutem Grund zur Vorsicht gemahnt, um Vorverurteilungen und Pauschalisierungen zu vermeiden.

Richtig. In diesem Fall ist das vermutlich gegeben, wenn es stimmen sollte, dass sich ein Mob zusammengerottet hat, der aus Menschen einer bestimmten Herkunft besteht.

Derartige Abwägungsprozesse spielen sich von der Öffentlichkeit unbemerkt tagtäglich in Redaktionen ab. Gerade weil sie im Netz nicht immer ablaufen und Informationen schnell verfügbar sind, heißt es oft, Journalisten würden nicht frei berichten können.

Die Erregungszyklen, die sich durch die sozialen Medien entwickeln, können manchmal gefährlich und fies sein. Ganz abgesehen von Trollen und Hatern. Es entstehen Verschwörungstheorien, Shitstorms bis zur Volksverhetzung. Für Journalisten ist es nicht ganz einfach, diesen Schwingungen nicht zu erliegen.

Das gilt womöglich auch für die Politik. Abhängig von der Parteizugehörigkeit spekulieren Politiker angesichts der Ereignisse von Köln diesmal verhältnismäßig schnell über die Herkunft von Tätern und angebliche Zusammenhänge zur Flüchtlingskrise. Wie bewerten Sie die Reaktionen?

Da greift ein ähnliches Phänomen, wie es auch für Journalisten zutrifft: Soziale Netzwerke sind ein spannender Echoraum für Ereignisse, an denen viele Bürger beteiligt sind. Journalisten, aber auch Politiker lassen sich jedoch oft unnötig von den Aufs und Abs im Netz anstecken und zu Kurzschlüssen, mitunter Fehlentscheidungen verleiten. Sich von den flatterhaften, teils nervösen Stimmungen in sozialen Medien abhängig zu machen, ist für eine Demokratie gefährlich.

Mit Stephan Weichert sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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