Politik
Donnerstag, 30. Juni 2011

Eine Frage der Definition: Was die Arbeitslosenzahlen verbergen

von Sebastian Schöbel

Sinkende Arbeitslosenzahlen: Sie galten immer schon als Gradmesser für gute Politik - weil sie den Wähler beeindrucken können. Kein Wunder, dass im Laufe der Jahrzehnte die Zahl der Arbeitslosen auch durch Kniffe künstlich verkleinert wurde.

(Foto: picture alliance / dpa)

Arbeitslos ist, wer keinen Job hat. Könnte man meinen, doch dem ist nicht so. Jedenfalls nicht, wenn man nach der Bundesagentur für Arbeit (BA) geht. In deren monatlicher Statistik tauchen nämlich tausende von Menschen auf, die zwar keine Arbeit haben, aber trotzdem nicht als arbeitslos gewertet werden. Wir erklären Ihnen, wer aus der offiziellen Zählung herausgerechnet wird.

Die BA zählt zunächst einmal nur die Erwerbsfähigen ohne Job, die sich arbeitslos gemeldet haben. Wer sich also nicht registrieren lässt, um Arbeitslosengeld (ALG) I oder II zu erhalten, wird auch nicht gezählt und taucht somit nirgendwo als arbeitslos auf. Wie groß die Zahl der Deutschen ist, die das betrifft, kann nur geschätzt werden.

Wer an sogenannten "Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung" teilnimmt, wird ebenfalls nicht als arbeitslos erfasst. Im Klartext betrifft das Jobsucher, die mit Trainings und Weiterbildungen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen. Speziell über diese Rechnung gibt es immer wieder heftigen Streit unter Politikern, denn tatsächlich sind Erwerbslose, die zum Beispiel an einem Computerkurs teilnehmen, selbstverständlich weiterhin ohne Job. Die Begründung der BA, warum diese Arbeitslosen offiziell nicht mehr arbeitslos sind: Sie stehen für die Dauer ihrer Weiterbildung der Jobvermittlung nicht zur Verfügung; man nennt sie daher "stille Reserve".

Jobcenter können Arbeitssuchende auch einen Gutschein ausstellen, mit dem sie sich dann eine private Arbeitsvermittlung organisieren können. Seit 2009 werden diese durch private Träger vermittelten Arbeitslosen nicht mehr in die offizielle Statistik aufgenommen. Die Begründung klingt bekannt: Da sie ja schon von einer anderen Stelle betreut werden, stehen sie für die Vermittlung durch die Jobcenter nicht mehr zur Verfügung.

Auch eine Krankheit kann einen aus der Arbeitslosigkeit holen - jedenfalls denkt sich das BA so. Denn nach offizieller Definition kann nur als arbeitslos zählen, wer tatsächlich auch vermittelbar ist. Dauerhaft Krankgeschriebene können nicht arbeiten, sind deswegen auch nicht vermittelbar und damit - nach offizieller Ansicht - nicht arbeitslos.

Ein-Euro-Job ist Job

Ganz richtig ist das nicht.
Ganz richtig ist das nicht.(Foto: dpa)

Wer im Rahmen der sogenannten "Bürgerarbeit" beschäftigt wird, gilt ebenfalls nicht als arbeitslos. Die Bürgerarbeit wurde von der BA im Juli 2010 gestartet. Ziel ist es, geeignete Arbeitssuchende, die nach einem halben Jahr Vermittlung durch das Jobcenter dennoch keine Arbeit gefunden haben, in einer gemeinnützigen Aufgabe zu beschäftigen und auch zu bezahlen.

Auch die sogenannten "Ein-Euro-Jobber" werden nicht offiziell als arbeitslos gezählt. Offiziell heißen solche Jobs "Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung" und stehen für Empfänger von ALG II zur Verfügung. Sie sollen vor allem Langzeitarbeitslosen helfen, den Weg zurück in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Einen Lohn erhalten sie freilich nicht, sondern, wie der Name schon sagt, nur eine Aufwandsentschädigung. Die liegt in der Regel zwischen 1 Euro und 2,50 Euro. Trotzdem sind Menschen in solchen "Arbeitsgelegenheit" mit einem Schlag nicht mehr arbeitslos. Zumindest laut Statistik.

Hinzu kommt, dass nicht jeder, der Arbeitslosengeld I oder II erhält, tatsächlich keine Arbeit hat. Rund ein Drittel aller ALG-Empfänger stockt auf: Das sind Arbeitnehmer, die in ihren Jobs zu wenig verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und deswegen Hilfe vom Staat bekommen. Darunter fallen zum Beispiel Empfänger des Gründungszuschuss, die sich selbstständig machen wollen. Auch Menschen in Altersteilzeit, die auf Arbeitslosengeld angewiesen sind, gelten nicht als arbeitslos. Insgesamt entsteht so ein Dunkelfeld mit Millionen Menschen.

Quelle: n-tv.de

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