Politik
Hillary Clinton ist viel unterwegs.
Hillary Clinton ist viel unterwegs.(Foto: REUTERS)

Hillary Clinton hört auf: Was die Welt verliert - vorerst

Von Johannes Graf

Mit dem Antritt der neuen Obama-Regierung verschwindet eine Frau von der Weltbühne, die seit Jahrzehnten die Geschicke der USA mitbestimmt: Außenministerin Hillary Clinton. Mit ihr gehen Tugenden in Rente, die in der Politik heute oft fehlen: Verhandlungsgeschick, Fleiß, Verbindlichkeit. Aber nie geht man so ganz. Viele ihrer Anhänger schielen schon auf 2016.

Es wird Zeit, einmal tief durchzuschnaufen für Hillary Clinton. Wenn in den kommenden Tagen die neue US-Regierung eingeführt wird, wird einiges von ihr abfallen. Seit vier Jahren reist die rastlose Außenministerin in Diensten der Vereinigten Staaten von Amerika durch die Weltgeschichte. Dabei übertrifft sie alle Rekorde. Rund 400 Tage war sie seit Amtsantritt Anfang 2009 unterwegs, machte in dieser Zeit fast eine Million Meilen, schüttelte in 112 Ländern die Hände der Regierenden. Immer weiter, immer schnell, immer überall.

Die 65-jährige Demokratin nennt dies die Rückkehr zur "Schuhsohlendiplomatie". In der Welt brachte ihr dies Sympathien ein, die ihre Amtsvorgänger der Bush-Jahre - Colin Powell und Condoleezza Rice - nie erreichen konnten. Allerdings haben sich ihre Reisen und Gespräche tief in das Gesicht der Vollblutspolitikerin aus Chicago eingebrannt. Wer die verbindliche Chefdiplomatin genauer betrachtet, der erkennt: Vier Jahre Außenministerin der USA, über 20 Jahre in der Politik, zuvor Ehegattin eines US-Präsidenten gewesen zu sein, das kostet Kraft. Viel Kraft.

Ein Helm für die letzten Tage im Amt

Sicher ist sicher.
Sicher ist sicher.(Foto: Reuters)

Fast scheint es, als sei ihr genau diese Kraft zuletzt ausgegangen. Im Dezember bricht sie nach einer Europareise zusammen. In der "alten Welt" hat sie sich eine Magen-Darm-Erkrankung eingefangen, sie ist völlig dehydriert. Sie fällt unglücklich, handelt sich eine Gehirnerschütterung ein. Sie muss ins Krankenhaus, im Kopf hat sich ein Blutgerinnsel gebildet. Nach einmonatiger Auszeit ist sie erst kürzlich wieder an ihren Arbeitsplatz im State Department zurückgekehrt.

Dort empfingen sie ihre Mitarbeiter mit viel Zuneigung zurück. Und mit Humor. Ein Football-Helm sollte ihr helfen, die letzten Tage im Amt unbeschadet zu überstehen. Sie wird ihn nicht gebraucht haben. Denn Clinton nutzte die Zeit bis zum Antritt ihres Nachfolgers John Kerry eher dazu, ihren politischen Nachlass zu regeln, ein bestelltes Feld zu hinterlassen für den Mann, der 2004 erfolglos versucht hatte, den Republikaner George W. Bush aus dem Weißen Haus zu vertreiben.

Rückkehr zur außenpolitischen Vernunft

Was sie beim Blick in den Rückspiegel da so betrachtet haben wird, kann sich sehen lassen. Nach acht Jahren Bush-Administration liegt 2008 das Image der USA in der Welt am Boden. Der sprunghafte Cowboy im Weißen Haus hinterlässt einen diplomatischen Trümmerhaufen. Zwar hat er in Condoleezza Rice eine verständige Ministerin engagiert. Dass er sein Land jedoch in zwei Kriege führte, deren Erfolge bis heute zumindest zweifelhaft sind, haben ihm weite Teile der Welt nicht verziehen. Auf islamistischen Terror im eigenen Land reagiert die Bush-Administration - auch der Gemütslage des tief getroffenen Volkes folgend - mit blinder Aggression. Wer nicht für die USA ist, ist gegen sie. Wer die "Koalition der Willigen" unterstützt, wird belohnt. Wer nicht, wird abgestraft. So einfach teilt der Republikaner die Welt ein - Diplomatie wie auf dem Pausenhof.

Die Momente, in denen die USA Osama bin Laden zur Strecke bringen.
Die Momente, in denen die USA Osama bin Laden zur Strecke bringen.(Foto: picture alliance / dpa)

Clinton hat damit Schluss gemacht. Ihr Ziel ist es seit vier Jahren, die "Marke USA" in der Welt wieder aufzupolieren. Und dabei macht sie Fortschritte, indem sie sich immer wieder auf den großen Max Weber beruft und nach ihm handelt: "Politik ist das langsame Bohren dicker Bretter", hat der deutsche Soziologe einmal gesagt - sein wohl meistzitiertes Diktum. Im Fall von Clinton meint das: Mit allen in der Welt sprechen, verhandeln, verhandeln, verhandeln. Nur einmal agieren die USA in der Außenpolitik nach der Bush'schen Basta-Doktrin, als das Land den Top-Terroristen Osama bin Laden zu Strecke bringt. Hillary Clinton stand hinter dem Plan, weil sie wusste, wie symbolisch wichtig der Tod des 9/11-Masterminds war. Doch wer sie auf dem berühmt gewordenen Foto aus dem Situation Room im Weißen Haus genau betrachtet, erkennt, was sie von solcher Rambo-Politik eigentlich hält.

Clinton legt einen Musterlebenslauf hin

Mit viel Verhandlungsgeschick hat Clinton die USA durch eine außenpolitisch schwierige Zeit geführt. Das Land muss - unter dem Joch einer tiefen wirtschaftlichen Krise ächzend - sehen, wie es aus den Krisenherden der Welt wieder herauskommt. Das Ende der militärischen Engagements in Afghanistan und dem Irak einzuleiten, nebenbei noch die Umwälzungen in der arabischen Welt zu moderieren und die Beziehungen zu populistischen lateinamerikanischen Präsidenten halbwegs in ruhige Bahnen zu lenken, ist kein geringes Verdienst. Dass dabei der erhoffte große Wurf im Nahost-Konflikt ausblieb, ist das einzige echte Manko - wenngleich angesichts der Umstände verzeihlich.

Wie unermüdlich Clinton in ihrem Amt agiert, so organisiert sie auch ihre Karriere. Als Tochter eines strengen Kaufmanns wird in den 50er und 60er Jahren ein Mustermädchen aus ihr. Klassenbeste in der Schule, Absolventin des Wellesley College, einer Eliteschule für junge Frauen, Jura-Studium in Yale - hier lernt sie Bill kennen -, dann Anwältin. In den 70ern ist sie mit einem prominenten Fall betraut: Sie hilft dabei, Beweise im Watergate-Skandal zu sammeln, um ein Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Richard Nixon zu rechtfertigen. Nixon kommt dem durch Rücktritt zuvor.

Das Familienunternehmen Clinton: erst Bill, dann Hillary

Hillary und Bill Clinton sind seit über 30 Jahren verheiratet.
Hillary und Bill Clinton sind seit über 30 Jahren verheiratet.(Foto: REUTERS)

Ab 1978 ist sie dann zunächst einmal über Jahre vor allen Dingen eines: Bills Frau, die Gattin des Gouverneurs von Arkansas, First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit allen Höhen und Tiefen. Sie ist unglaublich beliebt, im Wahlkampf 1992 verteilen die Demokraten Anstecker mit dem Slogan: "Elect Hillary's Husband!" Doch sie bekommt auch die Schattenseiten des Zusammenlebens mit dem Präsidenten zu spüren. Seine Beziehungseskapaden sind nicht nur privat ein Problem. Als die Affäre mit Monica Lewinsky ihren Ehemann an den Rand seiner politischen Karriere bringt, stellt sich die Gehörnte demonstrativ vor ihn. Viele rechnen ihr das hoch an - "in guten wie in schlechten Zeiten". Andere, vor allem Frauen, finden das abscheulich.

Doch ihre Treue zahlt sich, zumindest beruflich, für sie aus. Denn ihr Mann zahlt sie mit Zins und Zinseszins zurück. Er steht nach Ende seiner Amtszeit 2001 an ihrer Seite, als sie sich acht Jahre lang als Senatorin von New York einen eigenen Namen macht. Im Wahlkampf 2008 soll ihre Zeit gekommen sein, sie bewirbt sich um die demokratische Präsidentschaftskandidatur, bei der sie von Bill unterstützt wird. Zwar muss sie Barack Obama das Feld räumen, doch es schließt sich ihre Zeit als Außenamtschefin an, die ihr so viele Punkte einbringt. Auch für Aufgaben, die womöglich noch in der Zukunft liegen.

"In Rente gehen" ist das falsche Wort

2016 endet Obamas zweite Amtszeit, er kann dann nicht noch einmal antreten, die Verfassung verbietet das. Wer, wenn nicht Hillary Clinton könnte den Demokraten den Machterhalt sichern? Sie ist Umfragen zufolge sogar beliebter als die First Lady Michelle Obama, 57 Prozent der Demokraten sprechen sich heute für eine Kandidatur aus. Die politische Konkurrenz zittert schon: "Die Republikaner sind nicht imstande, auf diesem Niveau mitzuhalten", prophezeit der Ex-Sprecher des Repräsentantenhauses und republikanische Spitzenmann Newt Gingrich im Hinblick auf ein mögliches Antreten Clintons.

Doch die viel Gelobte ziert sich noch. Offiziell will niemand etwas von einem neuen Anlauf im Rennen um das Weiße Haus wissen. Zu groß das Risiko, sich mit einer weiteren gescheiterten Kandidatur ihre politische Bilanz zu verhageln, so ist vermutlich ihr Kalkül. Noch. Denn wird sie am Ende widerstehen können, wenn sie gerufen wird? Ob sie jetzt in Rente gehe, wurde sie kürzlich gefragt. Sie antwortete: "Ich weiß nicht, ob das das Wort ist, das ich verwenden würde, aber ich werde mich sicher von der Überholspur verabschieden." Und setzt hinzu: "Für eine kurze Zeit."

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Quelle: n-tv.de

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