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Ob eine Schule etwas taugt, kann man auch an der Atmosphäre auf dem Hof spüren.
Ob eine Schule etwas taugt, kann man auch an der Atmosphäre auf dem Hof spüren.(Foto: picture alliance / dpa)

"Gefühlt hochproblematisch": Was eine gute Schule ausmacht

Von Solveig Bach

Eltern müssen dauernd Dinge für ihre Kinder entscheiden. Besonders die Frage, welche Schule die richtige für das eigene Kind ist, setzt viele Mütter und Väter unter enormen Stress. Dabei ist eine gute Schule gar nicht so schwer zu erkennen.

Die deutsche Bildungslandschaft ist im Umbruch. Wo früher die Stadtteilschule um die Ecke die naheliegende und oft auch einzige Wahl war, können Eltern heute zwischen Freien Schulen, Ganztagsschulen und weiteren Möglichkeiten wählen. Verschiedene Träger wetteifern mit unterschiedlichen Unterrichtsmodellen um Schülerinnen und Schüler. Und Eltern müssen entscheiden, auf welcher Schule ihr Kind lernen soll. Doch wie erkennt man eine gute Schule?

Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, früherer Hamburger Wissenschaftssenator und selbst Vater, bringt diese Frage überhaupt nicht in Verlegenheit. Eine geeignete Schule sei schon an wenigen Kriterien klar zu erkennen, denn sie zeichnet sich vor allem durch guten Unterricht aus, betont er im Gespräch mit n-tv.de: "Was wirklich zählt ist, was die Lehrer im Unterricht machen." Dagegen sind Fragen, etwa ob Computer in den Klassenzimmern stehen oder wie groß die Klassen sind, für ihn zweitrangig.

Klare Antworten?

Wie der Unterricht an einer Schule aussieht, können Mütter und Väter schon bei den inzwischen geradezu obligatorischen Info-Abenden oder Tagen der offenen Tür herausfinden. Wer hier konkrete Fragen stellt, wird merken, ob er darauf klare Antworten bekommt. " Hat jeder Schüler einen eigenen Lernplan? Bekomme ich die Hefte, in denen mein Kind arbeitet, mit nach Hause? Wird erwartet, dass ich Hausaufgaben betreue? Darf ich hospitieren?", zählt Dräger einige der Fragen auf, die viel darüber erzählen, wie an einer Schule gelehrt und gelernt wird.

Denn guter Unterricht ist vor allem an der Grundschule, zunehmend aber auch an den weiterführenden Schulen, individueller Unterricht. Schon heute ist es kaum noch sinnvoll, dass vorn ein Lehrer steht und gleichzeitig allen Kindern das gleiche Wissen zu vermitteln sucht. Der Lehrer müsse den Unterricht vielmehr individualisieren, "damit am Ende jedes Kind sein eigenes Lernpaket bekommt." Das heiße nicht, dass jedes Kind macht, worauf es Lust hat – schließlich gibt es verbindliche Lehrpläne und Curricula für die Schulen. Vielmehr ginge es darum, dass jedes Kind eine Struktur bekomme, was bis wann gelernt werden soll. Das Wie ist dann der eigene Weg zu diesem Ziel.

Eltern als Feind oder Partner?

Eine gute Schule erkenne man auch daran, "dass sie offen  gegenüber den Eltern ist", kommt Dräger gleich zu Punkt zwei. Eltern dürfen nach Anmeldung jederzeit hospitieren. Sie bekommen die Logbücher oder Arbeitspläne, nach denen die Kinder lernen, mit nach Hause. Das ist besonders wichtig, wenn das Kind auf einer Ganztagsschule ist und eigentlich alle Aufgaben in der Schule erledigt werden. Denn nach Ansicht von Dräger wollen die Eltern sehen, wie ihre Kinder vorankommen. "und das nicht erst beim Zeugnis, sondern jede Woche". Gute Schulen wissen das und tragen diesem Bedürfnis Rechnung.

An dem Verhältnis zwischen Eltern und Schule lässt sich überhaupt viel ablesen. Denn auch sein dritter Punkt hat etwas damit zu tun. Eine gute Schule erkenne man nämlich unter anderem  daran, wie sie das Interesse der Eltern am eigenen Kind für die ganze Schulgemeinschaft nutzbar mache. Dräger bemüht sich um eine ebenso vorsichtige wie präzise Beschreibung. Schließlich sagt er: "Eltern neigen dazu, etwas egoistische Lobbyisten ihrer eigenen Kinder zu sein." Das sei prinzipiell verständlich, doch die Schule profitiere davon, wenn mehr Kinder etwas von dem Engagement der Eltern haben. Dräger nennt die weit verbreiteten Lesepaten als gutes Beispiel dafür. Manchmal sitze auch die eigene Tochter oder der eigene Sohn in einer dieser kleinen Lesegruppen, aber eben auch drei, vier weitere Mitschüler.

"Wenn die Schule einen guten individualisierten Unterricht hat, der transparent ist und es schafft, das Engagement der Eltern für die ganze Schulgemeinschaft zu nutzen, dann hat man schon eine sehr gute Ausgangssituation", fasst Dräger seine Überzeugungen zusammen. Es gebe jedoch noch eine Reihe anderer Faktoren, an denen man viel über die Qualität der Schule erfahren könne.

Ohne gute Schulleitung geht nichts

So sei eine gute Schule ohne eine gute Schulleitung nur schwer denkbar. Schon beim Informationstag könnten Eltern sehen, "ob die Schulleitung den strukturierten Ansatz der Schule anschaulich vorstellen kann. Wenn die Schulleitung nicht in der Lage ist, den Eltern das Konzept zu vermitteln, kann sie es auch nicht den Lehrern vermitteln, die es umsetzen sollen." Die Info-Veranstaltung lasse auch durchaus Schlüsse zu, ob an der Schule ein kooperativer Stil herrsche. Bekommen Eltern eine One-Man- oder One-Woman-Show geboten, sind daran Zweifel angebracht.

Beteiligen sich hingegen viele der Lehrerinnen und Lehrer mit eigenen Beiträgen, könne man daraus Schlüsse für die Zusammenarbeit des Kollegiums ziehen. Denn Offenheit für Kritik und eine neue Lernkultur zeige sich aber zunächst in der Offenheit gegenüber den eigenen Kollegen. Wenn beispielsweise zwei Pädagogen in der Klasse unterrichten, spreche dies dafür, dass es eine Bereitschaft gebe, seine Arbeit auch kritisieren zu lassen. "Gute Schulen haben eine pädagogische Teamkultur."

Neugierig auf Neues?

Seit dem Pisa-Schock habe sich an Schulen sehr viel verändert. Vor allem Lehrer, die schon länger im Beruf sind, müssten diese Veränderungen erst einmal nachvollziehen. "Eine gute Schule erkenne ich auch daran, dass sie als Schule insgesamt gegenüber Fortbildung und Schulentwicklung aufgeschlossen ist, um gemeinsam Neues zu lernen." Auch an den Hochschulen wachse eine Generation von Lehrerinnen und Lehrern heran, die neue pädagogische Werkzeuge bereits im Studium erlernt habe.

Wenn man gezielt nach einer Ganztagsschule sucht, rät Dräger dazu, sich das Verhältnis von Vormittag und Nachmittag anzusehen. In der pädagogisch besten Version, dem rhythmisierten verbindlichen Modell, verteilt sich der Unterricht über den ganzen Tag. Die Anspannungs- und Entspannungsphasen liegen genauso am Vor- wie am Nachmittag und Lehrer und Erzieher arbeiten gemeinsam in den Klassen. 

Den gestressten Müttern und Vätern gibt der Bildungsexperte eine häufig gemachte Beobachtung mit auf den Weg: Eltern fänden das Bildungssystem als Ganzes zwar oft sehr schwierig, Dräger nennt es "gefühlt hochproblematisch". Die Ausnahme in dieser Einschätzung sei dabei jedoch häufig die Schule des eigenen Kindes. "Da sind eigentlich ganz engagierte Lehrer, die machen das ganz gut."

Quelle: n-tv.de

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