Politik
Ja oder Nein? Die Schotten entscheiden an diesem Donnerstag.
Ja oder Nein? Die Schotten entscheiden an diesem Donnerstag.(Foto: AP)

4,2 Millionen Schotten entscheiden: Was passiert bei einem "Ja"?

Am Donnerstag könnte sich Schottland nach mehr als 300 Jahren vom Vereinigten Königreich abwenden. Doch was passiert dann? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur schottischen Volksabstimmung über eine Unabhängigkeit.

Wer darf wählen?

Am 18. September sind etwa 4,2 der insgesamt 5,3 Millionen Einwohner Schottlands aufgerufen, über die Unabhängigkeit ihres Landes zu entscheiden. Wahlberechtigt sind alle Einwohner ab 16 Jahre. Schotten, die in anderen Teilen Großbritanniens leben, dürfen nicht abstimmen. Dagegen sind Engländer, Waliser und Nordiren, die in Schottland leben, wahlberechtigt.

Worum geht es bei dem Referendum?

Bilderserie

Es geht um die Frage: "Sollte Schottland ein unabhängiges Land sein?" Die Wahlberechtigten dürfen zustimmen oder ablehnen. Eine dritte Antwortmöglichkeit - vollständige Autonomie in inneren Angelegenheiten bei einem gleichzeitigen Verbleib in Großbritannien - hatte die britische Regierung abgelehnt.

Wer sind die Streitparteien?

Durchgesetzt wurde das Referendum von Schottlands Regierungschef Alex Salmond, dem Vorsitzenden der Schottischen Nationalpartei (SNP). Der 60-Jährige wurde erstmals 1990 zum SNP-Chef gewählt und hat seitdem beharrlich auf die Unabhängigkeit hingearbeitet. Die drei größten Parteien im britischen Unterhaus lehnen die Abspaltung Schottlands ab. Camerons konservative Tory-Partei und die mitregierenden Liberaldemokraten haben sich mit der oppositionellen Labour-Partei auf weitreichende Machtübertragungen an Schottland verständigt, sollten die Schotten gegen eine Unabhängigkeit stimmen.

Das Wichtigste zum Referendum

Die Schotten schreiben am 18. September womöglich Geschichte: Mit einem kleinen Kreuz können sie darüber entscheiden, ob ihr Land nach mehr als 300 Jahren Zugehörigkeit zu Großbritannien ein eigener Staat wird oder britisch bleibt. Lesen Sie hier die wichtigsten Texte, Reportagen und Interviews zum Referendum von n-tv.de:

Was passiert bei einem Ja?

Die Unabhängigkeit wäre ein großer Sieg für Salmond und eine historische Niederlage für Cameron. Britische Medien spekulieren für diesen Fall über einen Rücktritt oder gar eine Absetzung Camerons durch das Parlament. Für Schottland und den Rest Großbritanniens würde eine Phase komplizierter Verhandlungen über den Vollzug der Trennung beginnen. Dafür hätten beide Seiten 18 Monate Zeit. Ab 24. März 2016 wäre Schottland unabhängig.

Was passiert bei einem Nein?

Dann darf sich Salmond trotzdem als Sieger fühlen, weil er Cameron zahlreiche Zugeständnisse abgetrotzt hat. Cameron wiederum kann sein Amt zumindest bis zu den Parlamentswahlen im Frühjahr behalten. Doch die neuen Machtbefugnisse für die schottische Hauptstadt Edinburgh dürften auch andernorts Begehrlichkeiten wecken. Wales und andere Regionen in Großbritannien werden von London womöglich ähnliche Konzessionen fordern.

Kann Schottland ohne Großbritannien?

Ja, Schottland kann wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen. Das Bruttoinlandsprodukt Schottlands ist in etwa so groß wie dasjenige Irlands oder Finnlands, zweier Staaten mit ähnlicher Bevölkerungszahl. Im Zentrum der Unabhängigkeitsdebatte steht aber die Frage, ob es den Schotten alleine auch wirtschaftlich besser geht. Das "Ja"-Lager verweist auf die milliardenschweren Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung in der Nordsee, die nicht länger mit London geteilt würden. Außerdem wäre die Wirtschaftspolitik allein auf die schottischen Bedürfnisse ausgerichtet. London warnt dagegen vor sinkenden Fördermengen in der Nordsee, vor der Abwanderung großer Unternehmen nach England und einem Aus für die bisherige Gemeinschaftswährung Pfund Sterling.

Welche Währung hätte ein unabhängiges Schottland?

Falls die Schotten für die Abspaltung stimmen, bleibt zunächst das Pfund Zahlungsmittel. Viele Separatisten würden am liebsten das Pfund behalten - in einer Währungsunion mit Großbritannien. Eine neue schottische Notenbank würde dann mit der Bank of England geldpolitisch kooperieren. In London will die Politik davon aber nichts wissen. "Alle großen britischen Parteien haben eine Währungsunion abgelehnt", betont Ökonomin Katrin Löhken von der Privatbank Sal. Oppenheim. Ohne haushaltspolitische Koordinierung und eine Bankenunion kann ein gemeinsamer Währungsraum aus Sicht Londons nicht funktionieren. Die Unabhängigkeitsbefürworter sehen das anders: Wortführer Salmond kündigte trotzig an, seine Landsleute würden das Pfund "trotzdem verwenden", auch wenn die Währungsunion am Widerstand Londons scheitern sollte.

Was würde eine Unabhängigkeit Schottlands für Europa bedeuten?

Zahlreiche Länder mit eigenen Unabhängigkeitsbewegungen blicken gespannt auf den Ausgang des schottischen Volksentscheids. In Spanien streben Katalonien und das Baskenland nach Unabhängigkeit, in Belgien die Region Flandern und auch in den italienischen Regionen Südtirol und Padanien gibt es Sezessionsbefürworter. Die EU könnte bald vor der schwierigen Frage stehen, ob sie den Schotten die Tür vor der Nase zuschlagen soll oder mit einer zügigen Aufnahme Schottlands riskiert, weitere Unabhängigkeitsbewegungen zu ermutigen. Ferner fürchtet die Nato, dass der von Edinburgh geforderte Abzug der mit Atomraketen bestückten britischen U-Bootflotte aus Schottland die Briten zu einem vollständigen Verzicht auf ihren Atommachtstatus bewegen könnte.

Bleibt Schottland EU-Mitglied?

Vorerst ja, denn die Unabhängigkeit ist erst nach einer Übergangsphase für Frühjahr 2016 geplant. Dann entsteht bei einer Sezession vom Vereinigten Königreich jedoch ein neuer Staat, der der EU unter den derzeitigen Bedingungen neu beitreten müsste. "Hierfür gibt es keinen Präzedenzfall", betont der EU-Experte Nicolai von Ondarza von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Der EU-Beitritt Schottlands werde damit "nicht der Selbstläufer, als den ihn die Separatisten im Wahlkampf häufig hinstellen", meint Ökonomin Löhken. Die Befürworter der Unabhängigkeit wollen über eine reguläre EU-Vertragsänderung die Mitgliedschaftsbedingungen von Großbritannien übernehmen.

Pikanterweise hat die konservative Regierung in London ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens für Mai 2017 in Aussicht gestellt, was die Lage noch komplizierter macht. Ob es zum Referendum kommt, wird sich wohl bei den kommenden Wahlen zum britischen Unterhaus im Mai 2015 herausstellen, an dem die Schotten noch teilnehmen dürfen. Bleiben die Konservativen auch nach dieser Wahl im Unterhaus auf der Regierungsbank, ist ein EU-Referendum wahrscheinlicher als unter einem Labour-Kabinett. Da Schottland als Labour-Hochburg gilt, würde eine Abspaltung Schottlands die Position der Konservativen zusätzlich stärken. Im Unterhaus werden die schottischen Abgeordneten ihre Sitze nach einer Unabhängigkeit im Frühjahr 2016 voraussichtlich verlieren. Beide Länder gingen dann auch politisch getrennte Wege.

Was passiert mit den Schulden?

Diese Frage stellen sich vor allem die Investoren an den Kapitalmärkten, über die sich Großbritannien frisches Geld besorgt. Die Regierung in London hat frühzeitig signalisiert, dass sie im Falle eines Votums für eine Abtrennung Schottlands zunächst für alle Staatsschulden verantwortlich bleibt. Nach einer Unabhängigkeit müsse die neue Nation aber einen "fairen und verhältnismäßigen Anteil der Verbindlichkeiten Großbritanniens" übernehmen. Die Ökonomen von Sal. Oppenheim veranschlagen diesen Anteil auf rund 100 Milliarden Pfund, falls die britische Staatsschulden nach Bevölkerungsanteilen zwischen Schottland und dem Rest Großbritanniens aufgeteilt würden. Dies entspräche 64 Prozent der Wirtschaftsleistung Schottlands. Werden die Schulden hingegen gemäß der Wirtschaftsleistung gesplittet, käme eine Verschuldungsquote von 75 Prozent auf den jungen Staat zu.

Die Separatisten argumentieren, Schottland wäre dennoch eines der reichsten Länder der Welt. Dazu dürften auch die Einnahmen aus dem Geschäft mit Nordsee-Öl beitragen. Sollte Schottland künftig den Löwenanteil daran für sich behalten, wäre es ein schwerer Schlag für Großbritannien: Bereits seit 2005 ist das Vereinigte Königreich Netto-Importeur von Erdöl- und Erdölprodukten.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen