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Trauer und Solidarität: Vor dem Brandenburger Tor in Berlin gedenkt eine schweigende Masse der Toten von Paris.
Trauer und Solidarität: Vor dem Brandenburger Tor in Berlin gedenkt eine schweigende Masse der Toten von Paris.(Foto: REUTERS)

Islamistischer Anschlag in Paris: Wenn Hass auf fruchtbaren Boden trifft

Der Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" ist vermutlich islamistisch motiviert. Frankreich-Experte Frank Baasner erklärt im Interview mit n-tv.de, warum muslimische Menschenfänger dort besonders leichtes Spiel haben.

n-tv.de: Warum ist ausgerechnet Frankreich Ziel eines islamistischen Anschlags geworden?

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Frank Baasner: Alle Länder, die in der Koalition gegen den Islamischen Staat (IS) im Moment an vorderster Front stehen, sind bedroht. Auch der Bundesnachrichtendienst und der Verfassungsschutz sagen: Wir haben eine Gefährdungslage in Deutschland. In Frankreich kommt hinzu: Dort gibt es eine lange, traurige Tradition der islamistischen Gewalt.

Was ist der Hintergrund?

In Frankreich geht es nicht nur um die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten ohne Probleme zusammenleben können. In Frankreich kommt auch eine geschichtliche Dimension hinzu, die wir in Deutschland so nicht kennen. Frankreich hatte ein großes Kolonialreich mit vielen muslimisch geprägten und arabisch dominierten Ländern. Eine offene Wunde in der französischen Geschichte ist noch immer der Algerien-Krieg, der 1962 sehr blutig endete. Diese Episode haben die Franzosen bis heute nicht wirklich aufgebarbeitet. Diese Konflikte wirken nach.

In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu islamistisch motivierten Anschlägen. Auch, wenn diese nicht tödlich endeten. Es gab Vorzeichen, dass sich die Lage verschärft.

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Das ist richtig. Wenn in einer Gesellschaft sowieso schon ein latenter Konflikt schwelt, bricht er bei gegebenem Anlass sehr schnell auf - sei es nun durch den französischen Militäreinsatz in Mali oder die Mission gegen den IS. Das gilt übrigens nicht nur für die rein religiös begründeten Formen der Radikalisierung. Denken Sie an 2005 zurück, an die Unruhen in den Vorstädten. Es reichte ein Funke, um eine schockierend brutale Gewaltwelle auszulösen.

Die Ursache damals war aber nicht die religiöse Zugehörigkeit.

In vielen Gebieten Frankreichs gibt es in städtischen Räumen eine Häufung von Konfliktlagen. Wir haben dort Stadtviertel, die über lange Jahre von einer stabilen Einwohnerschaft bewohnt werden, die mehrfach sozial schwach ist: geringe Arbeitsmöglichkeiten, geringes Qualifikationsniveau, geringer Zugang zu öffentlichen Diensten. Diese soziale Lage ist überproportional verbunden mit Einwandererfamilien, die sehr oft muslimischen Glaubens sind. Es wäre zu einfach zu sagen: Die Vorstädte explodieren, weil dort muslimische Jugendliche wohnen. Ihre Lage trägt aber dazu bei, dass sich ihr Ärger schnell religiös aufladen lässt.

Ist die französische Regierung diesem Problem in ausreichendem Maße entgegengetreten?

Der Politik in Frankreich ist all das hinlänglich bekannt. Es hat viele Programme für die Vororte gegeben. Manche Städte haben es geschafft, aber viele auch nicht.

Wie groß ist die gewaltbereite islamistische Szene in Frankreich?

Da gibt es nur Schätzungen der Polizei. Eine seriöse Angabe kann man darüber nicht machen. Was man sagen kann, ist: Die Radikalisierungsbemühungen in Frankreich tragen ziemlich viele Früchte.

Frank Baasner ist Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg.
Frank Baasner ist Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg.(Foto: picture alliance / dpa)

In Frankreich gibt es Schätzungen zufolge vier Millionen Muslime bei 66 Millionen Einwohnern. Skandalautor Michel Houellebecq beschreibt in seinem neuen Buch, dass 2022 ein Moslem Frankreich regieren wird. Sozialisten und Konservative lassen sich darauf ein, um eine Machtübernahme der rechtsextremen Front National zu verhindern. Ist seine Vision eines Kulturkampfes bloß Science Fiction?

Houellebecq verkauft sehr gerne seine Bücher. Und er provoziert natürlich auch sehr gerne. Richtig ist aber schon, dass die Partei Front National in Frankreich das klassische politische Spiel von eher linken und eher bürgerlich-rechten Kräften massiv stört. Von daher ist seine Provokation nicht völlig absurd. Für sonderlich plausibel halte ich sie allerdings nicht.

Bei den Europawahlen holte die Front National 25,4 Prozent der Stimmen. Entsteht da nicht tatsächlich eine gewaltige Kluft?

Es gibt Fronten, diese Fronten gibt es auch schon lange, sie sind aber nicht so groß, wie sie erscheinen. Bei der Europawahl hat die Front National bei den absoluten Stimmen schlechter abgeschnitten als bei der Präsidentschaftswahl. Die Stärke der Front National erklärt sich zu einem Teil aus der Schwäche der beiden anderen großen angeblichen Volksparteien. Wenn Bürgerlich-Konservative und Sozialisten besser mobilisieren würden, hätte die Front National nicht 25 Prozent bekommen.

Gibt es Parallelen zwischen Deutschland in Frankreich? Gibt es in Frankreich so etwas wie Pegida?

Die Front National hat die Pegida-Karte schon über Jahrzehnte gespielt. Wenn sich jemand in Frankreich in dieser kulturpessimistischen Stimmung befindet und um das Abendland bangt, dann hat er mit der Front National eine Partei, die er wählen kann. Da muss keiner auf die Straße gehen. Trotzdem müssen wir mal abwarten, was nach diesem Anschlag passiert.

Wie ist es anders herum? Erwarten Sie Reaktionen in Deutschland auf den Anschlag in Frankreich?

Diejenigen, die sagen, "Wir müssen uns als Kultur verteidigen und nicht nur gegen Kriminelle", werden Wasser auf ihren Mühlen spüren. Sie können mit mehr Zulauf rechnen.

Mit Frank Baasner sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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