Politik
Wie lange wird die Welle der Hilfsbereitschaft andauern?
Wie lange wird die Welle der Hilfsbereitschaft andauern?(Foto: dpa)
Donnerstag, 10. September 2015

Herausforderungen für Ehrenamtliche: Wer hilft den Helfern?

Mit ihrer Hilfsbereitschaft beeindrucken die Deutschen die ganze Welt. Was aber brauchen die Flüchtlinge wirklich? Und gibt es nicht schon zu viel Hilfe? Die wichtigsten Fragen und Probleme im Überblick.

An Willkommensgesten und tatkräftiger Hilfe für Flüchtlinge lassen es die Deutschen derzeit nicht mangeln. Von überwältigender Hilfsbereitschaft spricht das Deutsche Rote Kreuz. Fast jeder fünfte Bürger hat schon einmal etwas unternommen, um einem Flüchtling zu helfen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor. Bürgermeister, Abgeordnete und Minister loben den Einsatz der Ehrenämtler. Gleichzeitig stellen die vielen Freiwilligen und spontanen Initiativen Behörden und Hilfsorganisationen vor organisatorische Herausforderungen. Ein Überblick:

Wie bringen sich die Menschen ein?

Video

Die Menschen spenden Kleidung, Möbel, Spielzeug oder Geld oder wollen sich beim Sprachunterricht oder der Kinderfreizeit einbringen. Vereine öffnen ihre Pforten, Menschen bieten leere Wohnungen an. Manche helfen wenige Stunden in der Kleiderkammer oder an der Essensausgabe, andere übernehmen längere Patenschaften. Dabei sei die Zahl der Hilfsangebote in dieser Woche noch einmal deutlich angestiegen, berichten Initiativen oder Hilfskoordinatoren.

Gibt es inzwischen sogar zu viel Hilfe?

Nein, betonen die Experten. "Jeder Hilfsansatz ist wichtig und begrüßenswert", sagt Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats NRW. Nicht immer finde das jeweilige Angebot allerdings im richtigen Moment am richtigen Ort eine Nachfrage. Und: Die schiere Menge an Angeboten überfordere manche Initiativen derzeit. Das Deutsche Rote Kreuz berichtet, dass einige Notunterkünfte derart von Sachspenden überschwemmt würden, dass sie gar nicht alle Verwendung finden. "Deshalb lieber vor Ort nachfragen, was auch wirklich gebraucht wird", rät DRK-Sprecher Dieter Schütz.

Und wie sieht es mit der Hilfe für die Helfenden aus?

"Ehrenamt braucht Koordination und Unterstützung" sagt Naujoks - dazu gehören auch Schulungsangebote für Ehrenamtliche. Wie gut Strukturen zur Bündelung von Hilfsangebot und Nachfrage ausgebaut sind, sei regional sehr unterschiedlich. Wichtig seien zentrale Anlaufstellen in der Verwaltung oder bei den etablierten Freiwilligeninitiativen, die in der Lage sind, den manchmal verlorenen Überblick zurückzugewinnen.

Wie gehen Kommunen mit den vielen Hilfsangeboten um?

Einige Stadtverwaltungen haben hauptamtliche Koordinatoren für die Flüchtlingsarbeit eingesetzt. Auch diese stoßen an ihre Grenzen: "Unsere Mitarbeiterin ertrinkt in E-Mails mit Hilfsangeboten", sagt etwa Bochums Stadtsprecher. Als Klage will er das keineswegs verstanden wissen, nur um Verständnis bittet er: Nicht jedes Angebot könne sofort bearbeitet werden. In anderen Städten haben sich die Einzelinitiativen zu Netzwerken zusammengetan, zentrale Ansprechpartner benannt. Einen Überblick darüber, welche Hilfe vor Ort sinnvoll ist und welche eher nicht, geben die meisten größeren Städte auf ihren Internetseiten.

Wie erklären Experten die große Solidarität mit Flüchtlingen?

Für die Praktiker zeigt sich hier schlicht Menschlichkeit: "Viele nehmen Anteil am Schicksal der Menschen, die zum Teil seit Jahren etwa vor dem Krieg in Syrien auf der Flucht sind", sagt DRK-Sprecher Dieter Schütz. Der Migrationssoziologe Thomas Faist von der Universität Bielefeld sieht darin aber auch eine Reaktion auf Rechtspopulismus: "Die Menschen wollen zeigen: Es gibt ein anderes Deutschland." Viele Bürger sähen in der Hilfe vor Ort aber auch eine neue Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, wo man sich bislang hilflos fühlte. Wichtiger Begleiteffekt sei auch die positive wirtschaftliche Lage, sagt Faist. Auch das Wissen um die älter werdende, Fachkräfte suchende Gesellschaft lasse die Asylbewerber weniger als Bedrohung wirken.

Lässt sich die große Welle der Hilfsbereitschaft auf Dauer aufrechterhalten?

"In dieser Notlage brennt die Hilfsbereitschaft besonders, das wird auch wieder etwas abflauen", glaubt der Soziologe Faist. Noch sei ein Abebben der Hilfsbereitschaft aber nicht in Sicht, heißt es beim DRK und dem Flüchtlingsrat NRW. "Ewig lässt sich das auf dem jetzigen Niveau natürlich nur schwer durchhalten", sagt der DRK-Sprecher. Sicher sei aber auch, sagt Faist: "Es wird etwas übrigbleiben, das die zivilgesellschaftlichen Organisationen auch langfristig stärken wird".

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen