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Der abgewählte AfD-Chef will erst noch über eine mögliche Abspaltung nachdenken.
Der abgewählte AfD-Chef will erst noch über eine mögliche Abspaltung nachdenken.(Foto: dpa)

Abgang des AfD-Chefs: Wie Bernd Lucke ins Messer lief

Von Christoph Herwartz, Essen

Der Gründer der AfD ist abgesetzt. Er hatte sein Ende kommen sehen und nichts dagegen getan.

Bernd Lucke ist schlecht ausgeleuchtet. Das Licht kommt von oben, er schaut etwas nach unten. Seine Augenhöhlen sind dunkel, das lässt seine angespannten Gesichtszüge noch kämpferischer wirken. Lucke weiß, dass das, was er jetzt sagen wird, im Saal nicht gut ankommt. Wer sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der müsse auch sagen, was die Konsequenz daraus ist. Was soll mit den drei Millionen Muslimen hierzulande denn geschehen? Eine Banalität ist das, was er da sagt, möchte man meinen. Nicht so in der AfD. Es kommen Buhrufe. Lucke macht weiter: Länder wie Jordanien seien überlaufen von Flüchtlingen. Die reichen Staaten müssten helfen, damit sich in den Lagern dort nichts "zusammenbraut". "Aufhören", rufen immer mehr Zuhörer.

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"Als ich die Stimmung im Saal wahrgenommen habe, war mir klar, dass ich keine Mehrheit hatte", sagt er später zu n-tv.de. Lucke hat die Fähigkeit so zu reden, dass sich auch die größten Wirrköpfe in seiner Partei ernst genommen fühlen, ohne dass er ihre Positionen dafür übernehmen muss. An diesem Samstag in Essen auf dem außerordentlichen Bundesparteitag nutzt er diese Fähigkeit nicht.

Nachdem Marcus Pretzell, Landesvorsitzender in NRW, sagt, man müsse grundsätzlich "über das Geldsystem reden", fragt Lucke: "Was ist denn die Alternative zum Geldsystem? Hat die Deutsche Mark nicht hervorragend funktioniert?" Taktisch ist das unnötig, doch Lucke scheint die Buhrufe fast zu genießen. Wer sich "Alternative für Deutschland" nenne, müsse auch sagen, "was die Alternativen sind".

Am Ende folgt die AfD Lucke nicht. 38 Prozent stimmen für ihn als Parteivorsitzenden, seine Kontrahentin Frauke Petry bekommt 60 Prozent.

Wildern in Luckes Gründen

Petry will die Partei weiter rechts positionieren als Lucke, der bislang in der Öffentlichkeit die bestimmende Figur war. Petry hat zum Beispiel keine Berührungsängste mit der Pegida-Bewegung, empfiehlt die Drei-Kind-Familie als gesellschaftliches Leitbild und fordert strengere Abtreibungsregeln, um "das Überleben des eigenen Volkes" sicherzustellen.

Vor allem aber will Petry die Partei für viele Strömungen offen halten. Schon vor der Vorstandswahl sprach sie viel über die EU und den Euro - die Themen, für die eigentlich Lucke zuständig ist. Nach ihrer Wahl bemühte sie sich, den von Lucke vertretenen, liberalen Flügel einzubinden. Zweiter Sprecher wurde auf ihre Empfehlung hin der Wirtschaftsprofessor Jörg Meuthen. Petrys Vertrauter, Konrad Adam, sagte, die AfD brauche keine "Linie", sondern eher einen "Korridor" an Positionen. Petrys neuer Kurs ist damit nicht so sehr an einzelnen Positionen festzumachen, sondern eher an der grundsätzlichen Bereitschaft zum Populismus, so er denn die Wählerschaft verbreitert.

Lucke weiß, dass dies das Erfolgsrezept sein kann. Aber er wollte selbst nicht mehr daran mitwirken. Er hätte auch "geschmeidiger" sein können, sagt er auf dem Weg nach draußen. Mit seinem Rucksack bahnt er sich den Weg durch die Menge. Niemand ist mehr da, der ihn begleitet. Lucke wirkt abgekämpft, es ist sehr heiß. Er hätte seine Chancen erhöhen können. Doch geschmeidig war Lucke offenbar lange genug. Nun sei es ihm wichtig gewesen, seine wahre Meinung zu sagen und der Partei offenzulegen, wo er stehe.

Lucke war vor drei Jahren als der Rechtsaußen der deutschen Politik gestartet. Er endet als Linksaußen der AfD.

Quelle: n-tv.de

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