Politik
Efraim Zuroff vor dem Suchplakat auf dem Potsdamer Platz.
Efraim Zuroff vor dem Suchplakat auf dem Potsdamer Platz.(Foto: AP)
Dienstag, 23. Juli 2013

"Spät, aber nicht zu spät": Wiesenthal-Center sucht allerletzte NS-Mörder

Von Hubertus Volmer

Rund 60 NS-Verbrecher aus deutschen Vernichtungslagern dürften noch leben, schätzt "Nazi-Jäger" Efraim Zuroff. Mit einer Plakataktion will er so viele wie möglich aufspüren. Erste Hinweise gehen bereits ein. Kann die "Operation Last Chance" Gerechtigkeit bringen oder ist sie eine geschmacklose Wichtigtuerei?

Rund zwei Dutzend Journalisten beobachten den Mitarbeiter eines Außenwerbungsunternehmens, wie er am Potsdamer Platz in Berlin ein Plakat in einen Rahmen spannt. Zwei, drei Handgriffe, dann ist er fertig. "Spät, aber nicht zu spät" steht auf dem Plakat. Abgebildet ist das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, in dem zwischen 1940 und 1945 mehr als eine Million Menschen ermordet wurden, die weitaus meisten von ihnen Juden.

Das Plakat wird aufgehängt - rund zwei Dutzend Journalisten schauen zu.
Das Plakat wird aufgehängt - rund zwei Dutzend Journalisten schauen zu.(Foto: Hubertus Volmer / n-tv.de)

Das Plakat ist Teil der "Operation Last Chance II" des Simon-Wiesenthal-Center. Denn die Zeit wird knapp - nicht nur die Überlebenden des Holocaust sterben, sondern auch die Mörder. Ihre Verfolgung werde nicht ewig andauern, sagt der als "Nazi-Jäger" bekannte Leiters des Jerusalemer Wiesenthal-Centers, Efraim Zuroff. Noch etwa zwei bis drei Jahre habe man, sagt er, um die noch lebenden Täter zu finden.

Zuroff ist eigens nach Deutschland gekommen, um die Aktion vorzustellen. 1000 Plakate werden in Berlin gehängt, jeweils 500 in Hamburg und Köln. Es ist die Neuauflage einer Initiative, die es von 2004 bis 2007 bereits in Deutschland gab und die in anderer Form auch in anderen Ländern durchgeführt wurde - 2002 etwa auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, vor allem den drei baltischen Staaten, später auch in Rumänien und Österreich.

Nur bei einer Frage wird Zuroff ungehalten

Erste Erfolge der aktuellen Aktion in Deutschland haben Zuroff und seine Mitarbeiter bereits registriert. Über die Hotline habe es in den vergangenen Tagen vier Hinweise auf mögliche Täter gegeben, sagt Zuroff, der dem Treiben der Journalisten entspannt, fast fröhlich zuschaut. Zum grauen Jackett trägt er eine passende Kippa, die Kopfbedeckung religiöser Juden. Freundlich gibt er Auskunft. Warum in Deutschland? Weil sich die rechtliche Basis mit dem Demjanjuk-Urteil geändert habe. Warum so spät? "Der Fortgang der Zeit macht die Schuld der Täter in keinster Weise kleiner." Warum nur 2000 Plakate? Wenn es nach ihm gegangen wäre, würden die Plakate ein Jahr lang in ganz Deutschland hängen. Das Wiesenthal-Center habe 86 Unternehmen und Stiftungen in Deutschland angesprochen, reagiert hätten nur das Außenwerbungsunternehmen und eine Immobiliengesellschaft.

Am liebsten hätte Zuroff in ganz Deutschland plakatiert. Jetzt hängen 2000 Plakate in Berlin, Köln und Hamburg.
Am liebsten hätte Zuroff in ganz Deutschland plakatiert. Jetzt hängen 2000 Plakate in Berlin, Köln und Hamburg.(Foto: Hubertus Volmer / n-tv.de)

Nur bei einer Frage wird Zuroff ein wenig ungehalten. Ob die Verfolgung der letzten lebenden Täter nicht egal sei - schließlich seien die in ein paar Jahren ohnehin tot. "Wenn jemand Ihre Großmutter ermordet hätte, würden Sie das nicht sagen."

Das Urteil gegen den früheren SS-Helfer John beziehungsweise Iwan Demjanjuk ist ein Hauptgrund für diese vermutlich letzte "Operation Last Chance". Das Landgericht München hatte Demjanjuk im Mai 2011 zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt, obwohl ihm keine individuelle Schuld nachgewiesen werden konnte. Dies war eine faktische Änderung der Rechtslage - zuvor waren ähnliche Verfahren mit Freisprüchen zu Ende gegangen. Damit können Täter bereits verurteilt werden, wenn ihnen nachgewiesen werden kann, dass sie in einem Vernichtungslager Dienst taten.

60 Täter könnten noch leben

Mit der "Most Wanted"-Liste des Wiesenthal-Centers hat die Aktion nichts zu tun: Zuroff hofft auf Hinweise jeder Art, die auch zu möglicherweise noch unbekannten Tätern führen könnten. "Es gibt sicher gewisse Leute, die wir im Blick haben, aber Namen können wir zu diesem Zeitpunkt nicht nennen", sagt eine Sprecherin des Zentrums n-tv.de.

Auf dem Potsdamer Platz rechnet Zuroff vor, wie groß die Zielgruppe ist: 6000 Angehörige der sogenannten Einsatzgruppen habe es gegeben - sie waren Sondereinheiten der deutschen SS, die im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa mordeten. Von diesen 6000 seien vermutlich 98 Prozent tot. Von den noch lebenden 120 Personen dürften rund 60 aus gesundheitlichen Gründen nicht verhandlungsfähig sein. Bleiben 60 Personen.

Historiker nennt Aktion "geschmacklos"

25.000 Euro gibt es für "wertvolle Hinweise", steht auf den Plakaten. Der Historiker Michael Wolffsohn von der Universität der Bundeswehr in München kritisierte dies im Deutschlandradio als "geschmacklos", seinem Kollegen Zuroff warf er "Wichtigtuerei" vor. Die Verurteilung alter Männer löse eher "Mitleidseffekte" mit Leuten aus, die kein Mitleid verdienten, so Wolffsohn.

Zuroff sieht das Geld nicht als Problem. Die besten Hinweise seien ohnehin immer von Leuten gekommen, die nicht Geld, sondern Gerechtigkeit wollten. Das hohe Alter der Täter lässt er nicht als Grund gelten, Milde walten zu lassen. Ein Alter von 90 Jahren mache aus einem Massenmörder keinen Unschuldigen. "Diese Menschen versuchen vor Gericht, so alt und krank wie möglich auszusehen. Man sollte sie sich als junge Menschen vorstellen."

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Quelle: n-tv.de

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