Politik
Donnerstag, 14. Mai 2009

"Heidewitzka, Herr Kapitän": Adenauers Hymnen-Handstreich

Konrad Adenauer grollt. "Heidewitzka, Herr Kapitän", tönt es ihm bei einem Besuch in Chicago entgegen. Eine Verlegenheitslösung der amerikanischen Gastgeber, Westdeutschland hat nun mal nach dem Krieg noch keine offizielle Hymne. Den Bundeskanzler nervt es gehörig, bei offiziellen Empfängen Schunkelschlager und Verballhornungen wie "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien" - eine Anspielung auf die drei Zonen der Westmächte - zu hören.

Im April 1950 reicht es ihm, im Berliner Titania-Palast fordert er das Publikum nach einer Rede auf, mit ihm die dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen. "Einigkeit und Recht und Freiheit" ertönt, die SPD wettert gegen Adenauers "Handstreich", der der jungen Bundesrepublik wenig später eine Nationalhymne beschert. Nach Angaben des Historikers Theo Schwarzmüller war es der CDU-Politiker Albert Finck - Mitglied des Parlamentarischen Rates und einer der Väter des Grundgesetzes -, der zuvor die Initiative ergriffen und Adenauer zum Vorschlag mit der dritten Strophe des Deutschlandlieds inspiriert hatte.

Heuss gibt nach

1952 gibt Bundespräsident Theodor Heuss nach langem Zögern nach, die dritte Strophe wird nun auch offiziell akzeptiert, wenngleich das bis heute - anders als die Bundesflagge (Artikel 22/Grundgesetz) - nicht im Grundgesetz verankert ist. Im entsprechenden Briefwechsel mit dem Kanzler kommt eine gewisse Resignation Heuss' gegenüber dem Beharrungswillen des alten Rheinländers Adenauer zum Ausdruck. Er habe "den Traditionalismus und sein Beharrungsbedürfnis unterschätzt", schreibt Heuss. Wenn er der Bitte der Bundesregierung nachgebe, obwohl er angesichts des tiefen Einschnitts in unsere Staatsgeschichte eine neue Symbolgebung für notwendig erachte, so geschehe dies nur "in Anerkennung dieses Tatbestandes", so Heuss.

Nur die dritte Strophe

Er verbindet die Erklärung des Deutschlandsliedes zur deutschen Nationalhymne mit der Bitte, bei staatlichen Anlässen nur die dritte Strophe zu singen. Denn die erste Strophe war verpönt: Die Nazis hatten 1933 das 1922 vom ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, (SPD), zur Nationalhymne erklärte Deutschlandlied übernommen. Von 1934 an wurde aber auf Befehl des "Führers" nur noch die erste Strophe "Deutschland, Deutschland über alles" gesungen - zusammen mit dem Horst-Wessel-Lied. Deshalb hielt Heuss das ganze Lied für "entehrt und besudelt".

Die Nazis brachten die Hymne in einen Kontext von Imperialismus und Größenwahn - eine Interpretation, die mit dem ursprünglichen Sinn nichts gemein hatte. Denn als Heinrich Hoffmann von Fallersleben den Text 1841 auf Helgoland dichtet, ist es als flammender Appell zur Überwindung der deutschen Kleinstaaterei gemeint. Als Bekenntnis zu Nation und Einheit.

"Nazitypische" Hymne

1945 verbieten die Alliierten die Hymne als "nazitypisch". Auf Entscheidung von Heuss wird 1950 kurzfristig bis zum "Vorliegen einer neuen Nationalhymne" das Lied "Ich habe mich ergeben mit Herz und mit Hand" zur Hymne erklärt. Zuvor war die von ihm favorisierte "Hymne an Deutschland" von Rudolf Alexander Schröder Silvester 1950 nach einer Rundfunkausstrahlung bei den Bürgern durchgefallen.

Die DDR war damals schneller gewesen. Schon im Gründungsjahr 1949 hatte Ost-Berlin Johannes Robert Bechers "Auferstanden aus Ruinen", vertont von Hanns Eisler, als Hymne bestimmt. Wegen einer Zeile durfte von 1972 an allerdings nur noch die Melodie intoniert werden. Die in Missgunst gefallene Passage erlangte 1989 mit dem Mauerfall wieder - allerdings eine von den SED-Oberen so nicht beabsichtigte - Bedeutung: "Deutschland einig Vaterland."

Hymne-Debatte flammt erneut auf

Mit der Einheit flammt die Hymnen-Debatte neu auf. Durch einen Briefwechsel zwischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Kanzler Helmut Kohl - wie der Schriftverkehr von Adenauer und Heuss durch Veröffentlichung im Bulletin der Bundesregierung bekannt gemacht - ist seit August 1991 nicht mehr das ganze Werk, sondern nun auch offiziell nur "die dritte Strophe" des Liedes von Hoffmann von Fallersleben "die Nationalhymne für das deutsche Volk". Gesungen wird es bis heute zur Melodie der "Kaiserhymne" von Joseph Haydn.

Oettinger singt erste Strophe

Im Juni 2000 sorgt der heutige Ministerpräsident Baden- Württembergs, Günther Oettinger (CDU), für einen veritablen Skandal, als er die erste Strophe "Deutschland, Deutschland über alles ..." singt. Sein Einstimmen in diese Strophe bei einer Feier der Tübinger Landsmannschaft Ulmia begründet er mit dem oft vergessenen Ursprung des Liedes. Er habe aus historischen Gründen eingestimmt, denn das Lied sei 1841 aus Liebe an die deutsche Nation geschrieben worden. Gleichwohl betont Oettinger: Bei staatlichen Anlässen solle man auf die erste Strophe wohl doch besser verzichten.

Quelle: n-tv.de