Politik
Bildung ist wichtig, aber kein Garant mehr für ein Berufsleben ohne Brüche.
Bildung ist wichtig, aber kein Garant mehr für ein Berufsleben ohne Brüche.(Foto: picture alliance / dpa)

Krisenverunsicherte Mittelschicht: Angst macht asozial

Die Krise geht irgendwie vorüber, aber die Mittelschicht schrumpft und Menschen mit geringen Einkommen haben immer weniger Geld. Der Soziologe Jürgen Mansel sieht viele verunsicherte Menschen. Er befürchtet, viele könnten versuchen, ihren eigenen Identitätsverlust durch die Abwertung anderer zu reparieren.

n.tv.de: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung konstatiert in einer neuen Studie ein Schrumpfen der Mittelschicht. Sie erforschen auf diesem Gebiet seit Jahren. Wie sehen Sie die Entwicklung der Mittelschicht?

Scheidung oder der Verlust des Arbeitsplatzes - es gibt viele Wege in die Armut.
Scheidung oder der Verlust des Arbeitsplatzes - es gibt viele Wege in die Armut.(Foto: picture alliance / dpa)

Jürgen Mansel: Wir haben 2004 im Rahmen unserer Arbeit "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" erstmals eine Bestandsaufnahme vorgenommen. Wir stellten damals bereits fest, dass die Spaltung unserer Gesellschaft in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen hat. Die Zahl der Einkommensmillionäre ist gewachsen, und die Zahl derjenigen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, ist kontinuierlich gestiegen. Nach den Hartz-IV-Reformen gilt sowieso eine andere Zeitrechnung.

Die Minderwertigkeitsgefühle von Menschen scheinen in diesem Zusammenhang zuzunehmen. Wie kommt das?

Die subjektive Wahrnehmung, dass mein Arbeitsplatz gefährdet ist, verunsichert die Leute ganz enorm. Ein erheblicher Teil der Menschen gibt an, dass sie Angst vor Arbeitslosigkeit haben, ein Drittel schließt einen Arbeitsplatzverlust nicht aus oder hält ihn für wahrscheinlich. Viele Menschen befürchten deshalb, dass sich  ihre wirtschaftliche Situation verschlechtern wird.

Heute holen sich Menschen kostenlose Lebensmittel, mit denen vor Jahren noch niemand gerechnet hätte.
Heute holen sich Menschen kostenlose Lebensmittel, mit denen vor Jahren noch niemand gerechnet hätte.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Mittelschicht hat bisher in einem Gefühl von Stabilität oder gar in der Idee von weiterem sozialen Aufstieg gelebt. Was hat sich da geändert?

Gerade in der Mittelschicht sind die Ängste vor einem sozialen Abstieg besonders drastisch. Sie kann viel mehr verlieren, als die, die bereits unten stehen. Viele sorgen sich, dass sie ihre soziale Position nicht mehr halten können. Natürlich hat jeder die Hoffnung, es zu schaffen, aber da ist ein enormes Verunsicherungspotenzial. Das wirkt sich negativ auf das Klima in unserer Gesellschaft aus. Es führt zum Beispiel dazu, dass bestimmte Konkurrenzgruppen in der Gesellschaft abgewertet werden.

Die Anerkennung des eigenen Wertes funktioniert also nur noch darüber, den anderen abzuwerten?

Wir untersuchen für unser "Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" ja nicht nur die Abwertung von Migranten, sondern genauso die Abwertung von Langzeitarbeitslosen, die Abwertung von Obdachlosen, von behinderten Menschen, die dem Sozialstaat – so die Interpretation – "auf der Tasche" liegen. Wir untersuchen aber auch die Abwertung von Mehrheiten, zum Beispiel der weiblichen Bevölkerung, also Sexismus. Wir sehen dabei die gefährliche Entwicklung,  dass bei Personen, die zur Abwertung einer Gruppe neigen, die Wahrscheinlichkeit zur Abwertung anderer Gruppen wächst. Wer seine eigene soziale Identität gefährdet sieht, versucht das zu reparieren, indem er andere Gruppen abwertet.

Im Sparpaket wird beispielweise das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger gestrichen. Ist das schon gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus der Politik heraus?

Ein Haus, ein Auto, der Urlaub - viele in der Mittelschicht können sich die Statussymbole ihrer Schicht schon jetzt nicht mehr leisten.
Ein Haus, ein Auto, der Urlaub - viele in der Mittelschicht können sich die Statussymbole ihrer Schicht schon jetzt nicht mehr leisten.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ich denke, die Politik trägt ihre Pläne auf dem Rücken derer aus, die sowieso schon arm oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Das halte ich für sozial ausgesprochen bedenklich.

Weil in Kauf genommen wird, dass sich neue Randgruppen bilden, gegen die sich die soziale Meinung richten kann?

Ich vermute, dass die Politiker hoffen, dass genau das nicht passiert. Aber wenn man weiter die Sozialleistungen dermaßen kürzt, ist damit zu rechnen, dass sozialer Unmut steigt und die Leute wieder vermehrt auf die Straße gehen werden, um ihre soziale Absicherung einzuklagen.

Am Wochenende haben wir die ersten Demonstrationen gesehen. Jemand, der von Hartz IV lebt, hat da sicher andere Intentionen als jemand aus der Generation Praktikum. Ist sich am Ende doch wieder jeder selbst der nächste?

In gewisser Weise schon. Jeder versucht erst einmal, seine eigene Situation zu verbessern. Aber gemeinsam ist allen die persönliche Verunsicherung. Wer heute in eine prekären Arbeitsverhältnis ist, der könnte morgen schon von Hartz IV betroffen sein. Es wäre zu hoffen, dass sich die Menschen gegenseitig wieder in stärkerem Maße stützen und ihre Rechte einklagen. Das muss aber die Zukunft zeigen.

Jürgen Mansel ist Professor am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld.
Jürgen Mansel ist Professor am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld.

Wie könnte man diesen Prozessen politisch entgegenwirken?

Man müsste die sozialen Sicherungssysteme so gestalten, dass die Leute, die arbeitslos werden, eben nicht so schnell auf Hartz IV angewiesen sind. Sie brauchen mehr Chancen, zurück in den Arbeitsmarkt zu kommen. Man wirft den Langzeitarbeitslosen häufig vor, dass sie gar nicht arbeiten wollen. Das mag für einen ganz geringen Teil der Langzeitarbeitslosen zutreffen, aber der größte Teil ist bemüht, wieder in das Erwerbsleben zurückzukehren. Denn Erwerbsarbeit ist  ein Kernpunkt der Identität.

Müssen wir unsere gesellschaftlichen Leitbilder hinterfragen?

Wir sehen bei unseren Befragungen, dass viele Menschen dazu neigen, Leute nur noch nach ihrer Leistungsfähigkeit zu bewerten. Da wird das soziale Leben auch noch ökonomisiert. Das ist eine bedenkliche Tendenz. Wenn ich Menschen nur noch nach ihrer Leistung bewerte, erodieren die sozialen Beziehungen. Es gibt keine soziale Unterstützung im Umfeld mehr, weil alle nur noch an sich selbst denken.

Mit Jürgen Mansel sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de